ZB 4 / 2005
Interview: "Die Einstellung ist wichtig"
Wie kommen hörbehinderte Menschen im Arbeitsleben zurecht? Wir fragen Steffi Pöllmann, Mitarbeiterin des Fachdienstes für hörbehinderte Menschen beim Integrationsamt des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Münster.
ZB: Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?Steffi Pöllmann: Mein Eindruck ist, dass hörbehinderte – vor allem gehörlose – Menschen heute selbstbewusster mit ihrer Behinderung umgehen. Dazu trägt sicher auch die gesetzliche Anerkennung der Gebärdensprache bei. Auf Seiten der Betriebe stelle ich eine größere Offenheit fest, Hilfen für hörbehinderte Mitarbeiter in Anspruch zu nehmen. Wir sehen dies unter anderem an den gestiegenen Einsatzstunden von Gebärdensprachdolmetschern in den Betrieben. Das Integrationsamt kann im Rahmen der Begleitenden Hilfe im Arbeitsleben Dolmetschereinsätze und andere notwendige Leistungen finanzieren.
ZB: Wie steht es mit der beruflichen Qualifikation? Wo arbeiten hörbehinderte Menschen?
Steffi Pöllmann: Der zunehmende Einsatz von Dolmetschern, aber auch die verbesserten medizinischen und technischen Standards, haben die beruflichen Möglichkeiten erweitert. Wie bei hörenden Menschen findet man die ganze Palette an Ausbildungen und Berufen – vom gering Qualifizierten bis zum Akademiker, vom Facharbeiter bis zum Selbstständigen. Früher wurde hörbehinderten jungen Menschen häufig empfohlen, Handwerksberufe zu ergreifen. Doch den Betroffenen stehen grundsätzlich alle Berufsfelder offen. Entscheidend sind die jeweiligen Fähigkeiten und Neigungen.
ZB: Wie unterstützen die Integrationsämter hörbehinderte Menschen?
Steffi Pöllmann: Die Integrationsämter beschäftigen sich schon lange mit der Problematik hörbehinderter Menschen im Arbeitsleben. Sie unterstützen die Betroffenen nicht nur finanziell, sondern setzen sich auch inhaltlich mit den Auswirkungen von Hörbehinderungen auseinander: Sie führen Modellprojekte und Studien durch und haben bereits vor vielen Jahren Fachdienste für hörbehinderte Beschäftigte eingerichtet.
ZB: Wo sehen Sie die größten Schwierigkeiten bei der beruflichen Integration?
Steffi Pöllmann: Viele Betriebe kennen und nutzen noch zu wenig die vielfältigen Hilfen und Angebote. Ein Beispiel ist die berufliche Weiterqualifizierung von hörbehinderten Mitarbeitern, die leider häufig vernachlässigt wird. Hier kann das Integrationsamt die Kosten für einen Gebärdensprachdolmetscher übernehmen, spezielle berufsbegleitende Lehrgänge fördern oder vor Ort individuelle betriebliche Qualifizierungen organisieren.
Erfahrungungsgemäß sind die Probleme bei Schwerhörigkeit sogar größer. Das liegt zum einen daran, dass sie von Außenstehenden eher unterschätzt wird. Aber auch die Betroffenen tun sich häufig schwer damit, ihre Behinderung zu akzeptieren. Das Entscheidende scheint mir tatsächlich zu sein, wie die hörbehinderten Menschen und ihr Umfeld mit der Behinderung umgehen. Ich erlebe es in der Praxis immer wieder: Verständigung kann funktionieren, trotz größter Einschränkungen, wenn beide Seiten dazu bereit sind.
