Reportage: Berufstätig mit Rheuma - Voraussetzung: Flexible Arbeitszeiten

• Mit welchen spezifischen Problemen ist zu rechnen?
• Welche Arbeitsbedingungen erleichtern die Berufstätigkeit von Rheumakranken?
Wir stellen zwei Beispiele aus der Praxis vor
Katrin Becker ist 33 Jahre alt und arbeitet seit Juni dieses Jahres im Münchner Verein Small Steps e.V., der Schulen und Kindergärten in wirtschaftlich armen Ländern unterstützt. "Dass ich ausgerechnet in einer solchen Organisation eine Anstellung gefunden habe, hängt sicher auch mit dem sozialen Engagement meiner Arbeitgeber zusammen", beurteilt Katrin Becker ihre berufliche Situation. Die junge Frau ist mit sechs Jahren an juveniler chronischer Polyarthritis, einer chronischen Entzündung der Gelenke erkrankt und seitdem stark in ihren Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt. "Das Rheuma hat sich bei mir mit den, für diese Form typischen, Gelenkschwellungen in den Knien angekündigt. Dann hat es sich schnell über Hüften, Schultern und Hände ausgebreitet", beschreibt die junge Frau den Krankheitsbeginn.
Rheuma ist eine Systemerkrankung und so finden sich die schmerzhaften Entzündungen nicht nur örtlich auf ein Gelenk begrenzt. Statt dessen ist häufig der gesamte Körper betroffen. Immer wieder hat sich Katrin Becker Operationen unterzogen, die durch die Entfernung der entzündeten Knochenhaut den Rheumaherd bekämpfen sollten. Vor drei Jahren wurde ihr schließlich eine künstliche Hüfte eingesetzt. Aufgrund mehrerer Krankenhausaufenthalte und entsprechender Freisemester verließ sie die Universität vorzeitig.
"Auf einmal stand ich selbst vor der Frage, was beruflich aus mir werden soll. Einer Frage, die ich als Leiterin einer Gruppe junger Rheumatikerinnen und Rheumatiker in der Rheuma-Liga oft genug mit anderen Betroffenen erörtert habe." Viele der jungen Frauen und Männer, die sich in dieser Selbsthilfegruppe treffen, haben bereits negative Erfahrungen bei der Arbeitsuche hinter sich. Die Angst vor langen Krankenhausaufenthalten ihrer Angestellten ist unter den Arbeitgebern offenbar weit verbreitet. "Das muss aber kein Problem sein, wenn die Arbeit sich einteilen lässt, überschaubar und gut zu planen ist", erläutert Katrin Becker.
Sie selbst hat schließlich über ein Praktikum den Weg in die Berufstätigkeit gefunden. So konnte sie ausprobieren, welche Tätigkeiten sie gut übernehmen kann und wo ihre Interessen liegen. Ihr Arbeitgeber hat sich dabei ein Bild von ihr verschafft - und war schnell von den Fähigkeiten der sprachbegabten jungen Frau überzeugt. "Die Arbeit hier im Verein hat mir von Anfang an Spaß gemacht. Ich bin beispielsweise für die Organisation der Schulprojekte zuständig. Das heißt, ich muss viel telefonieren, kann mir meine Arbeit aber so einteilen, wie sie für mich am günstigsten ist. Unterstützung durch andere benötige ich dabei nicht", äußert sich Katrin Becker zufrieden.
Katrin Becker muss erst um 10 Uhr morgens mit der Arbeit beginnen. Das hat große Vorteile für die junge Frau: "Als Rheumatikerin muss ich jede Bewegung in meinem Tagesablauf planen", beschreibt sie ihren Alltag. "Morgens nehme ich als erstes eine Tablette gegen die Schmerzen. Dann brauche ich einige Zeit, denn auch das Anziehen dauert länger." Handgriffe, die für andere Menschen problemlos zu bewältigen sind, können für Menschen mit Rheuma eine Herausforderung darstellen - da gilt es Kräfte sparen.
Eine rheumatische Erkrankung stellt für die meisten Betroffenen ein einschneidendes Ereignis in ihrem Leben dar. Vor allem dann, wenn die Beschwerden anhalten und die Erkrankung einen chronischen Verlauf nimmt, kann das alltägliche Leben mehr oder weniger stark aus dem Gleichgewicht geraten.
Auch die Diplom Finanzwirtin Christel Steinert kennt das: "Eigentlich wollte ich immer Biologie studieren", erinnert sich die 43-Jährige, "aufgrund meiner Krankheit habe ich mich dann allerdings für eine Tätigkeit im öffentlichen Dienst entschieden und Steuerrecht an der Verwaltungsfachschule des Landes Hessen studiert." Der Rheumatikerin war es immer wichtig möglichst selbstständig arbeiten zu können. "Ich habe eine Tätigkeit gewählt, die in erster Linie auf geistiger Arbeit basiert", beschreibt sie ihre Berufswahl.
Unterstützt wurde Christel Steinert dabei durch eine Kollegin, die ihr umfangreichere Schreibarbeiten und andere mechanische Arbeitsabläufe abnahm. So hat sie viele Jahre voll und nach mehreren Operationen in Teilzeit gearbeitet. Jetzt muss sie ihre Beschäftigung in einem hessischen Finanzamt aufgeben. Starke Schmerzmittel hatten ihre Nieren so stark angegriffen, dass bereits vor fünf Jahren eine Transplantation erforderlich wurde. In der ersten Zeit nach der Operation musste die Rheumatikerin auf alle Schmerzmittel verzichten, die es ihr bis dahin ermöglicht hatten berufstätig zu sein. Weitere Gelenkoperationen, denen sie sich bis heute immer wieder unterzog, ermöglichten ihr in Teilzeit weiter zu arbeiten. Inzwischen sind die Belastungen einer Berufstätigkeit für Christel Steinert aber trotz Unterstützung zu groß geworden.
Warum Menschen an Rheuma erkranken, ist weit gehend unbekannt. Am eigentlichen Krankheitsausbruch können jedoch viele unterschiedliche Dinge schuld sein. Zum Beispiel eine Infektionskrankheit. Manchmal kann es auch zu einem Fehler im körpereigenen Abwehrsystem kommen. Durch diesen so genannten Autoimmunprozess entstehen die schmerzhaften Entzündungen.
Nicht alle Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises müssen Betroffene gleich so stark beeinträchtigen, wie es in den beiden vorgestellten Beispielen der Fall ist. Im Laufe seines Lebens hat fast jeder Mensch eine Form von Rheuma. Bekannte Beispiele der Muskel-Sehnen-Überlastung sind unter anderem der "Tennisarm" und der "steife Nacken", eine schmerzhafte Verspannung im Nacken- und Schulterbereich. Rückenschmerzen durch Fehlhaltungen, hervorgerufen durch langes Arbeiten am Computer oder Autofahren, gehören ebenfalls dazu. Auch müssen nicht alle rheumatischen Erkrankungen chronisch werden. Oft handelt es sich um einen akuten rheumatischen Schub, der nach relativ kurzer Zeit wieder abklingt.
Neben der häufig erforderlichen medikamentösen Behandlung steht die physikalische Therapie. Dazu zählen Wärme und Kälteanwendungen, Krankengymnastik, Ergotherapie und Massagen. Sie können bereits in einem frühen Krankheitsstadium angewendet werden und den Verlauf positiv beeinflussen. Ziel der Behandlungen ist es die Gelenke funktionsfähig zu halten. Sie erfolgen nach dem Grundprinzip: Die Gelenke bewegen, ohne sie zu sehr zu belasten. Wie gut sich nun an Rheuma erkrankte Menschen im Berufsleben zurechtfinden, hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Günstig sind Berufe, die es ermöglichen Arbeiten zu verteilen und häufiger Pausen einzulegen. Ein Gleichgewicht zwischen Bewegung und Entspannung wirkt sich ebenfalls positiv auf eine Berufstätigkeit mit einer Rheumaerkrankung aus.
sind beim Bundesverband der Deutschen Rheuma-Liga zu erhalten:
Maximilianstraße 14, 53111 Bonn,
Telefon: 0228 - 76 60 60,
Telefax: 0228 - 76 60 620,
E-Mail: bv@rheuma-liga.de
Rheuma ist der Oberbegriff für über 400 verschiedene Krankheitsbilder. Der so genannte rheumatische Formenkreis unterteilt sie in vier Hauptgruppen:
- Entzündlich-rheumatische Erkrankungen
Zum Beispiel dauerhafte Gelenkentzündungen (chronische Polyarthritis) - Degenerative Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen
Zum Beispiel verschleißbedingte Knorpelzerstörung (Arthrosen) - Weichteilrheumatismus
Zum Beispiel die Überlastung oder Reizung von Muskeln, Bändern, Sehnen, Organen oder Gefäßen - Stoffwechselerkrankungen mit rheumatischen Beschwerden
Zum Beispiel Knochenverlust (Osteoporose)
Folgende Eigenschaften von Arbeitsplätzen sind positiv für Rheumakranke:
- Flexible Arbeitszeiten (variabler Arbeitsbeginn, freie Pausengestaltung)
- Teilzeitarbeit
- Planbarkeit der Arbeit (Zeit für Physiotherapie oder ärztliche Behandlung)
- Gleichmäßig temperierte Räume
- Bewegungsspielraum (wechselnde Körperhaltung, Bewegung bei der Arbeit)
- Behindertengerechte Arbeitsplatzausstattung (unter Mitwirkung des technischen Beratungsdienstes)
