ZB 3 / 2002
Seelische Erkrankungen - Wenn die Psyche die Balance verliert
Kaum eine Behinderung ist so sehr mit vagen und diffusen Vorstellungen verbunden wie eine psychische Erkrankung. Unsicherheiten prägen den Umgang mit Betroffenen. Aufklärung tut not!

„Mit einem Schlag ist mein Leben aus dem Ruder gelaufen“, erinnert sich Michael Schuster*. Der heute 39-Jährige hatte gerade sein Jura-Studium in Heidelberg beendet und war voller ehrgeiziger Pläne. Ein Referendariatsplatz war gefunden, mit ihm sollte eine erfolgreiche Beamtenlaufbahn beginnen. Doch der Arbeitsalltag gestaltete sich schwierig. Der junge Referendar fand keinen Zugang zu den neuen Kolleginnen und Kollegen und fühlte sich oft ausgegrenzt. Dann verließ ihn auch noch unerwartet seine Partnerin – ein harter Schlag für Michael Schuster. Er reagierte mit einem psychotischen Schub.

Mir war, als ob ich im Wachzustand träume. Ich habe Dinge gesehen, die nicht real waren. Zum Beispiel war ich der Held in der Tagesschau, der eine Brandkatastrophe verhinderte. Weil ich nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden konnte, habe ich allen Leuten davon berichtet. Da wurde meiner Umgebung klar, dass mit mir etwas nicht stimmte.“

Es kann jeden treffen
Die Palette der seelischen Erkrankungen ist groß und ihre Ausprägungen können sehr verschieden sein. Sie reichen von Phobien – übertriebener, nicht nachvollziehbarer Angst vor bestimmten Dingen oder Situationen – über psychosomatische Erkrankungen, Abhängigkeiten, zwanghaftem Verhalten bis hin zu Schizophrenien, Depressionen und Manien. Letztere äußern sich zum Beispiel in Wahrnehmungsstörungen, unangemessenen Stimmungsausbrüchen, Selbstüber- und -unterschätzung sowie durch enthemmtes Verhalten. Die Grenzen zwischen Verhaltens- oder Denkweisen, die als noch „normal“ gelten und einer psychischen Störung verlaufen fließend.

Betroffen sind viele: Nach einer im letzten Jahr durchgeführten Studie des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München und der Technischen Universität Dresden leiden in Deutschland mehr als acht Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren unter einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung. Meist tritt sie in schwierigen Lebensphasen auf.

Faktoren wie eine organische Erkrankung des Gehirns oder eine genetische Vorbelastung können die Entstehung einer psychischen Störung begünstigen. Aber auch übermäßiger Stress kann eine Erkrankung auslösen. Oft stehen einschneidende Erlebnisse wie Gewalterfahrungen, der Verlust nahestehender Personen oder der Missbrauch von Suchtmitteln am Anfang einer seelischen Störung. Auch die Konfrontation mit einem neuen Lebensabschnitt kann eine „dünnhäutige“ Seele aus dem Gleichgewicht bringen. Ob ein Ereignis zu einer chronischen Erkrankung führt oder ob eine Krise überwunden wird, hängt davon ab, wie das Erlebte verarbeitet und ob professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird.

Die kranke Seele akzeptieren
Viele psychisch Erkrankte befürchten, ihre Umgebung könnte mit Unverständnis auf die Krankheit reagieren. Aus Angst vor Stigmatisierung bekennen sie sich nicht zu ihrem Leiden. Familien und Arbeitskollegen erfahren häufig erst im akuten Notfall von ihren Problemen. Bevor Arbeitnehmer mit psychischen Störungen eine angemessene ärztliche Behandlung erhalten, sind sie oft über Jahre hinweg phasenweise arbeitsunfähig. Sie gelten bei Kollegen und Arbeitgebern, die nichts von der Erkrankung ahnen, als nicht belastbar oder werden aufgrund ihres schwer einschätzbaren Verhaltens gemieden. Die Kommunikation zwischen den Beteiligten im Betrieb ist häufig gestört.

Die Erkrankung ansprechen
Um einen Arbeitsalltag mit einer Erkrankung zu meistern, ist Transparenz notwendig. Das erfordert gleichermaßen den Mut der Erkrankten, sich gegenüber einer Vertrauensperson im Betrieb zu öffnen und ein gewisses Engagement seitens der Mitarbeiter und des Arbeitgebers, auf die Kollegin oder den Kollegen zuzugehen. Die Kompetenz der Schwerbehindertenvertretung kann dabei helfen, Probleme angemessen anzusprechen und ein Vertrauensverhältnis zu den Betroffenen aufzubauen. Sie berät auch darüber, ob es sinnvoll ist, einen Antrag auf Anerkennung einer Behinderung zu stellen. Viele psychisch Kranke fürchten durch den Behindertenausweis „abgestempelt“ zu werden. Ihnen ist nicht bekannt, dass sie damit Anspruch auf die Hilfe des Integrationsamts zur Erleichterung ihres Alltags erhalten.

Wenn im Innern manches „drunter und drüber“ geht, sind psychisch behinderte Menschen auf verlässliche Beziehungen und auf einen vertrauenswürdigen Ansprechpartner am Arbeitsplatz angewiesen. Integrationsund Arbeitsämter und die in ihrem Auftrag arbeitenden Integrationsfachdienste helfen gemeinsam, entsprechende Strukturen im Betrieb aufzubauen.

In die Arbeitswelt integrieren
Konnte das seelische Gleichgewicht eines erkrankten Menschen mit einer Therapie wiederhergestellt werden, unterstützt der Integrationsfachdienst seinen beruflichen Wiedereinstieg. Der Frankfurter Verein für Soziale Heimstätten e.V. hat seinen Schwerpunkt auf die Beratung, Vermittlung und Begleitung psychisch behinderter Menschen gesetzt. Dort arbeitet Francisco Cienfuegos. Der Pädagoge und Integrationsfachmann klärt zunächst, ob eine Rückkehr an den alten Arbeitsplatz oder eine neue Tätigkeit sinnvoll ist: „Wir sprechen darüber, welche Bedürfnisse der psychisch Kranke hat und wie ein Arbeitsplatz aussehen muss, damit er dort gute Leistungen erbringen kann, ohne einen erneuten Krankheitsschub zu erleiden.“

Die Suche nach geeigneten Arbeitsplätzen ist nicht leicht. „Selbst wenn ein Betroffener die Erkrankung gut überstanden hat, tun sich Arbeitgeber oft schwer, psychisch behinderte Menschen einzustellen. Hier gilt es Überzeugungsarbeit zu leisten.“ Ein Praktikum, ermöglicht allen Beteiligten herauszufinden, ob sie zueinander passen. Ist ein Arbeitsplatz gefunden, begleitet der Integrationsfachdienst die Einarbeitung des seelisch kranken Mitarbeiters vor Ort und in Einzelgesprächen. Der Integrationsfachdienst klärt auch das betriebliche Umfeld über die Krankheit auf. Dadurch können Irritationen und Missverständnisse im Umgang mit dem erkrankten Kollegen verhindert werden. Auch über die Eingliederungsphase hinaus stehen die Fachleute allen Beteiligten als Ansprechpartner zur Verfügung.

Wie ging es nun bei Michael Schuster nach Ausbruch der Krankheit weiter? Im Anschluss an einen längeren Klinikaufenthalt begann er eine Rehamaßnahme, erlitt dort jedoch einen erneuten Krankheitsschub. Doch die folgende Therapie und geeignete Medikamente zeigten letztlich Wirkung: Seit zwölf Jahren ist er nun beschwerdefrei. „Ich nehme auch heute noch regelmäßig meine Medikamente. Das ist für mich so wichtig wie für einen Asthmatiker sein Asthmaspray“, sagt Michael Schuster.

Infolge des langen Klinikaufenthaltes konnte er sein Referendariat nicht beenden. Doch der Karlsruher Integrationsfachdienst wurde frühzeitig aktiv und fand eine Praktikumsstelle in einer Anwaltskanzlei in Karlsruhe. Weil sich Michael Schuster dort gut bewährte, war der Arbeitgeber bereit, ihm eine Chance zu geben. Mit Hilfe des Integrationsamtes Karlsruhe des Landeswohlfahrtsverbandes Baden wurde eine neue Stelle als juristischer Mitarbeiter für ihn geschaffen.

Bis heute arbeitet er dort 25 Stunden in der Woche. Seine Kollegen wissen von seiner Krankheit – Probleme gibt es keine. „Durch meine Erkrankung habe ich gelernt, meine Grenzen anzunehmen. Im Vergleich zu früher kann ich private und berufliche Dinge viel gelassener sehen. Ich lebe heute ein normales Leben“, äußert sich Michael Schuster zufrieden.

*Name auf Wunsch geändert


Günstige Bedingungen am Arbeitsplatz
Bei der Auswahl und Gestaltung eines geeigneten Arbeitsplatzes sind individuelle Lösungen gefragt. Dabei gilt es auch, an der oft schwierigen Kommunikation zwischen den Betroffenen und dem Arbeitsumfeld zu arbeiten. Darüber hinaus können folgende Empfehlungen gegeben werden:
  • Geeignet sind Arbeitsplätze oder Tätigkeiten, die nicht mit wechselnden Außenreizen, zum Beispiel Publikumsverkehr verbunden sind.
  • Günstig sind Arbeitsplätze oder Tätigkeiten, die an die Leistungsfähigkeit seelisch erkrankter Menschen angepasst sind. Es ist ein Klima zu schaffen, das den Betroffenen ermöglicht, eine Über- oder Unterforderung offen anzusprechen. Im Zweifelsfall ist der behandelnde Arzt einzubeziehen.
  • Wünschenswert ist eine zentrale Bezugsperson im Betrieb, mit welcher der Betroffene seine betrieblichen Angelegenheiten besprechen kann. Mit seinem Einverständnis ist auch das Arbeitsumfeld zu informieren.
  • Eine Betreuung durch den Integrationsfachdienst vor Ort ist sinnvoll.
  • Unerklärliche Verhaltensweisen eines betroffenen Mitarbeiters sind anzusprechen, um Missverständnisse zu vermeiden. So können Medikamente Nebenwirkungen haben, die sich auf die Leistungsfähigkeit auswirken oder ungewöhnliches Verhalten hervorrufen.
  • Eindeutigkeit im Umgang hilft Unsicherheiten abzubauen.



Seelische Behinderungen
Im Wesentlichen gibt es zwei grundlegende Krankheitsbilder: Neurosen und Psychosen.

Die Neurose ist ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche psychische Erkrankungen. Eine zentrale Rolle spielt hier die Angst. Neurotische Verhaltensweisen dienen dazu, Ängste zu bewältigen und zu kontrollieren. In Stresssituationen verliert die Seele die Balance: Der Betroffene bricht psychisch zusammen oder zeigt ungewöhnliche Verhaltensweisen. Neurotische Entwicklungen können in eine Vielzahl von seelischen Krankheiten münden, die sich manchmal auch überlagern. Dazu zählen Abhängigkeit, Zwänge, Phobien – übersteigerte Ängste vor bestimmten Dingen oder Situationen – und psychosomatische Erkrankungen. Neurotische Muster finden sich in unterschiedlicher Ausprägung bei jedem Menschen. Problematisch werden sie erst, wenn sie sich zu einem Krankheitsbild verfestigen.

Die Psychose ist der Oberbegriff einer Reihe von schweren Krankheiten, zu der Schizophrenien, Depressionen, Manien – Neigung zu extremer Selbstüberschätzung und unangemessenem Verhalten – aber auch organisch bedingte seelische Erkrankungen gerechnet werden. Sie können zum Beispiel als Folge eines Unfalls auftreten. Ein wesentliches Kennzeichen ist ihr phasenhafter Verlauf: Relativ gesunde Lebensabschnitte können abrupt oder schleichend durch Phasen akuter Krankheit unterbrochen werden. Im akuten Stadium der Erkrankung ist das Denken, Fühlen, Handeln, Wahrnehmen und sich Orientieren erheblich beeinträchtigt. Es tritt ein totaler oder weitgehender Realitätsverlust auf. Dies kann den Kontakt zur Umwelt einschränken. Der Betroffene kapselt sich ab und es wird immer schwerer, ihn in die Realität zurückzuholen.

Die Heilungschancen seelischer Erkrankungen sind individuell verschieden. Bei manchen Krankheiten, wie zum Beispiel bei Depressionen, verspricht der Einsatz von Medikamenten einen gewissen Erfolg. Ein Patentrezept gibt es jedoch nicht. Therapien zeigen meist dann Wirkung, wenn die Betroffenen ihre Krankheit akzeptieren und lernen mit ihr zu leben.



Klinik Marienheide: Drei Wege zum Erfolg
Beruflich wieder Fuß zu fassen, gehört zur Therapie der Klinik Marienheide. In Betrieben aus der Umgebung erproben Patienten den Arbeitsalltag.

Die psychiatrische Klinik Marienheide am Kreiskrankenhaus Gummersbach kümmert sich sowohl um die medizinische als auch die berufliche Rehabilitation ihrer Patientinnen und Patienten. Sie entwickelte ein dreigeteiltes Konzept, um ihnen den beruflichen Wiedereinstieg nach der akuten Erkrankung zu erleichtern.

Berufspraktische Integration vor Ort
Rolf Schönberger, früher leitender Ergotherapeut in der Klinik und Geschäftsführer des kooperierenden Integrationsunternehmens Rönsahler Industrie-Service erläutert: „Die Arbeitstherapie und der berufspraktische Wiedereingliederungslehrgang helfen die Patienten psychisch zu stabilisieren. Zunächst übernehmen sie Arbeitsaufträge, die in der Klinik erledigt werden. Läuft das gut, bekommen sie Gelegenheit, sich in betrieblichen Praktika vor Ort zu erproben. Dabei werden sie dort eingesetzt, wo die Chance auf eine Übernahme besteht.“

Während des Praktikums werden die Rehabilitanden von den ihnen vertrauten Therapeuten aus der Klinik begleitet. Das gibt ihnen Sicherheit, sich im neuen Arbeitsumfeld zu beweisen. Sollte es zu Schwierigkeiten kommen, wird gemeinsam mit dem Arbeitgeber nach Lösungen gesucht. Erfolgt eine Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis, werden die Klientin oder der Klient und der Betrieb noch ein weiteres Jahr durch die Ansprechpartner aus der Klinik begleitet.

Moog & Langenscheidt
Wer mehr Zeit benötigt, sich in einen betrieblichen Arbeitsalltag einzufinden, der ist bei der Firma Moog & Langenscheidt, die Schreibwaren und Bürobedarf produziert, richtig. Sie arbeitet eng mit der Klinik zusammen und verfügt seit 1995 über 15 Qualifizierungsplätze für ehemals psychisch kranke Menschen in allen Arbeitsbereichen des Betriebes. Sie wurden mit Hilfe des Arbeitsamts Iserlohn und des europäischen Sozialfonds eingerichtet.

Die Mitarbeiter, die an der Maßnahme teilnehmen, werden von zwei Ergotherapeuten mindestens ein Jahr lang betreut. In Krisensituationen ist ein Ansprechpartner vor Ort. Dazu Rolf Schönberger: „Dort haben wir die Möglichkeit, Fähigkeiten unter normalen Arbeitsbedingungen zu erproben und gezielter zu fördern. Das ist ein großer Vorteil. Die Rehabilitanden arbeiten eng mit Kollegen und Vorgesetzten zusammen. Wer sich bewährt, wird in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen.“ Diese Arbeitsplätze werden vom Integrationsamt Münster des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe bezuschusst.

Rönsahler Industrie-Service
Wer auch langfristig den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt noch nicht schafft, aber in einer Werkstatt für behinderte Menschen unterfordert ist, findet einen Arbeitsplatz beim Rönsahler Industrie-Service. Vorausgesetzt: Ein Praktikum ist erfolgreich verlaufen.

Zwei Arbeiterinnen fertigen Büroklammern (Foto)
Seelisch behinderte Menschen

fertigen Bürobedarf bei der Rönsahler

Industrie-Service GmbH
In diesem Integrationsunternehmen werden unter anderem Aufträge aus dem Industrie- und Bürobereich übernommen. Und das mit Erfolg: Hatte das Unternehmen ursprünglich nur sechs Mitarbeiter, refinanziert der Umsatz heute 20 von 30 Beschäftigten. Tendenz steigend!

Weitere Informationen:
Rönsahler Industrie-Service GmbH
Telefon: 0 22 69/ 92 71 91
Fax: 0 22 69/ 92 71 84
E-Mail: center@ris-dienstleister.de
oder
Kreiskrankenhaus
Gummersbach GmbH
Klinik Marienheide
Telefon: 0 22 64/ 24-136
Fax: 0 22 64/ 24-212

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