ZB 1 / 2009
Unvorstellbar!? - Zahntechniker mit Usher-Syndrom

Johann Janzen und eine Kollegin am Arbeitsplatz
Johann Janzen ist am Usher-Syndrom erkrankt. Das heißt, er kann nicht hören und nur sehr eingeschränkt sehen. Dennoch arbeitet er heute in seinem Wunschberuf – als Zahntechniker in einer kieferorthopädischen Praxis.


Johann Janzen sitzt vor einem Kiefermodell aus Gips. Er greift nach einer Spezialzange und beginnt damit, einen dünnen Draht in Form zu biegen. Der 25-Jährige fertigt Zahnspangen. Dabei muss er sich exakt an die Vorlage des Kieferorthopäden halten, auf der alle Zähne sowie Drähte mit Stärken und Durchmesser, Federn, Schrauben und die Kunststoffbasis eingezeichnet sind.

Aufgeschlossener Arbeitgeber

„Zahntechniker ist mein Wunschberuf“, erklärt Johann Janzen. Für einen Menschen mit Usher-Syndrom keine naheliegende Wahl. Denn der junge Mann ist von Geburt an gehörlos und zusätzlich stark sehbehindert. Eine fortschreitende Netzhautdegeneration, typisch für die erbliche Erkrankung, hat das Gesichtsfeld von Johann Janzen zu einem „Tunnelblick“ verengt. „Trotz dieser schwierigen Bedingungen fand ich es richtig, seine Berufswahl zu unterstützen“, so Heike Tischmann, Fachkraft für hörbehinderte Menschen beim Integrationsfachdienst (IFD) in Münster. Nach einer überbetrieblichen Ausbildung zum Zahntechniker durchlief Johann Janzen zwei Jahre lang mehrere vom IFD vermittelte Praktika. „Eines Tages las ich in der Zeitung eine Anzeige von Dr. Humborg“, erinnert sich Heike Tischmann. Der Zahnarzt, selbst Vater eines behinderten Kindes, war bereit, Johann Janzen ein Praktikum anzubieten – trotz erheblicher Zweifel, wie dies funktionieren sollte ...

Eine Frage der Organisation

Heike Tischmann, Johann Janzen und Dr. Humborg verständigen sich in Gebärdensprache
Das zahntechnische Labor, in dem Johann Janzen und eine Halbtagskraft arbeiten, befindet sich im Untergeschoss der Praxis. Auf einem Regal reihen sich Zahnspangen aneinander. „Eine systematische Ablage zwischen den einzelnen Bearbeitungsschritten erleichtert meine Orientierung“, erklärt Johann Janzen. Sein Arbeitsplatz ist optimal ausgeleuchtet, wie eine Lichtmessung durch den Technischen Beratungsdienst des LWL-Integrationsamtes Westfalen ergeben hat. Lediglich die Fenster wurden noch mit einer Sichtschutzfolie beklebt, um Blendlicht von Scheinwerfern oder Sonnenstrahlen abzuhalten.

Arbeitsanweisungen und Feedback erhält Johann Janzen hauptsächlich schriftlich, gut lesbar notiert. Wichtige Besprechungen werden in Gebärdensprache geführt. Dafür kann der Betrieb einen vom Integrationsamt finanzierten Gebärdensprachdolmetscher bestellen. Am Anfang war Heike Tischmann als Vermittlerin mit dabei: „Wir sprachen zum Beispiel darüber, wie Johann Janzen in seiner Arbeit noch selbstständiger werden kann.“ Der Arbeitgeber fand sich bereit, gefördert durch eine Einstellungsprämie und einen sechsmonatigen Lohnkostenzuschuss der Arbeitsagentur, ihm eine längere Einarbeitungszeit einzuräumen. Heute sind solche Zuschüsse aber nicht mehr notwendig. „Johann Janzen hat inzwischen Routine entwickelt und arbeitet sehr zuverlässig“, stellt Dr. Holger Humborg zufrieden fest.

Der Hobby-Fußballer Johann Janzen fühlt sich im Praxisteam akzeptiert und integriert. Für Heike Tischmann nicht überraschend: „Er hat einfach eine sehr angenehme, positive Ausstrahlung!“

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