ZB 4 / 1999
Reportage: Sanitätshaus - "Die Chance genutzt"

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Volker Schäfer hatte ab und zu schon mit dem Gedanken gespielt, sich selbstständig zu machen, dann wurde er arbeitslos. Ein Darlehen der Hauptfürsorgestelle unterstützte ihn dabei, sich eine eigene Existenz aufzubauen


"Es tut mir leid, ich muss zu einem Patienten ins Krankenhaus ­ ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen zu unterhalten", so begrüßt mich Volker Schäfer. Er ist der Inhaber eines Sanitätshauses in Bruchsal bei Karlsruhe. Ich habe mich mit ihm verabredet, um Informationen für einen Artikel zum Thema "Existenzgründung" zu erhalten. Er hatte aber bereits telefonisch angekündigt, dass es sein könne, dass er den Termin - verabredet waren wir während seiner Mittagspause - unterbrechen muss, wenn ihn das Krankenhaus in Bruchsal ruft, um einen Patienten zu versorgen. Denn das sind seine Kunden und die gehen natürlich vor.

Volker Schäfer ist viel beschäftigt. "Es läuft gut", berichtet der gehbehinderte Orthopädiemechaniker- und Bandagistenmeister. Im September 1998 hat er ein Sanitätsfachgeschäft im Zentrum von Bruchsal eröffnet: "Ich hatte immer wieder einmal mit dem Gedanken gespielt, mich selbstständig zu machen, besser gesagt: unabhängig zu sein und die Arbeit so zu machen, wie ich es für richtig halte. Ich habe dieses Ziel aber nicht hartnäckig verfolgt."


Günstiger Standort

Seine Ausbildung als Orthopädiemechaniker und Bandagist hat Volker Schäfer bei einem Betrieb in Bruchsal absolviert. Um sich beruflich weiterzubilden und auch andere Techniken kennen zu lernen, wechselte er in ein größeres Sanitätsfachgeschäft nach Heidelberg. Während dieser Zeit hat er auch seine Meisterprüfung abgelegt.

Volker Schäfer in seinem Geschäft (Foto)
Volker Schäfer ist
Orthopädiemechaniker-
Meister
"Die Gesundheitsreform macht sich auch in diesem Bereich bemerkbar", berichtet Volker Schäfer. "Insbesondere große Betriebe mit acht bis zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben zu kämpfen." Auch in dem Heidelberger Sanitätshaus war ein Rückgang zu verzeichnen. Die Arbeit wurde zusehends weniger. Volker Schäfer stand vor einer Entscheidung: Sollte er die Initiative ergreifen und sich selbstständig machen oder sollte er einfach abwarten?

Die Realität holte ihn ein. Volker Schäfer wurde arbeitslos. Nun war er gezwungen zu handeln.

Die ersten Überlegungen galten dem Standort und der Finanzierung. Da er in der Nähe von Bruchsal ein Haus gebaut hatte, bot es sich an, sich dort erst einmal umzuschauen. In Bruchsal selbst gab es zwei Sanitätshäuser und ein Schuhhaus für orthopädische Schuhe. "Also insgesamt ganz gute Voraussetzungen, um sich dort niederzulassen", fand Volker Schäfer.


Realistische Finanzierung

Die Finanzierung war schon etwas schwieriger: Wie viel Geld benötigt man, um sich selbstständig zu machen? Ein Ladengeschäft mit einer Werkstatt sollte es werden. Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es? Von wem erhalte ich sie? Welche Voraussetzungen sind zu erfüllen? Volker Schäfer stürzte sich in die Arbeit, um eine günstige Finanzierung zu erhalten.

Das rechte Bein des 36-jährigen Orthopädiemechanikers ist amputiert. Volker Schäfer ist gehbehindert. Dies musste er bereits bei seinem Hausbau berücksichtigen. Dabei wurde er von der Hauptfürsorgestelle Karlsruhe des Landeswohlfahrtsverbandes Baden unterstützt. "Dies brachte mich auf die Idee, bei der Hauptfürsorgestelle in Karlsruhe nachzufragen, ob es auch Unterstützungsmöglichkeiten für Existenzgründer gibt", so Volker Schäfer. Bereits telefonisch erhielt er die Auskunft, dass dies möglich sei, wenn die Industrie- und Handelskammer bestätigt, dass sein zukünftiger Betrieb wirtschaftlich tragfähig ist.

Nachdem er schriftlich einen Kredit beantragt und entsprechende Formulare ausgefüllt hatte, erhielt er ein zinsloses Darlehen zum Aufbau des Sanitätshauses plus Orthopädie-Technik von rund 45.000 Mark. Volker Schäfer: "Wenn man fast 400.000 Mark finanzieren muss, dann ist ein zinsloses Darlehen von 45.000 Mark schon sehr willkommen".


Service ist gefragt

Im September 1998 war es soweit. Volker Schäfer ist selbstständig. Gleich zu Anfang hat er das Bruchsaler Krankenhaus als Kunden gewonnen. Es teilt ihm telefonisch mit, was benötigt wird. Dann fährt er, bevor er sein Geschäft öffnet oder während der Mittagspause, ins Krankenhaus, um zum Beispiel bei Prothesen die entsprechenden Vermaßungen vorzunehmen und um mit dem Patienten und dem Arzt die gewünschte orthopädische Hilfe zu besprechen. Vom Krankenhaus wird er hauptsächlich für Prothesen, Stützmieder und Einlagen gerufen, außerdem versorgt er auch künstliche Ausgänge. Hierbei handelt es sich immer um Maßanfertigungen, die er in seiner Werkstatt herstellt. Ein genaues und termingerechtes Arbeiten ist wichtig.

Volker Schäfer: "Ich verkaufe zwar auch konfektionierte Ware, zum Beispiel Bandagen oder andere Sanitätsware, aber beim überwiegenden Teil handelt es sich um Maßanfertigungen, die in der Regel vom Arzt verschrieben werden."

Das Geschäft lief von Anfang an sehr gut. Der Orthopädiemechanikermeister arbeitet allerdings fast rund um die Uhr. Zur Zeit ist er noch alleine. Volker Schäfer: "Ich will erst einmal abwarten und sehen, was die Gesundheitsreform noch bringt, denn in unserem Bereich wird zu 95 Prozent über die Krankenkasse abgerechnet. Dem Arbeitsamt habe ich allerdings schon gemeldet, dass ich jemanden suche."


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