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ZB 4-2015

Aktionsbündnis

Volle Fahrt für Inklusion Logo der Kampagne

Mit einer ungewöhnlichen Aktion Aufmerksamkeit schaffen, das gelang mit dem Auftakt der Kampagne "Jobs für Menschen mit Behinderung". Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft schwangen sich dazu auf Tandems. Mit von der Partie war Simone Wuschech, Leiterin des Integrationsamtes im Landesamt für Soziales und Versorgung des Landes Brandenburg und Mitglied im Vorstand der BIH.

Simone Wuschech und ihr Mitarbeiter Guido Becker neben ihrem Tandem, (c) Anestis Aslanidis
Traten für die Inklusionskampagne in die Pedale: Simone Wuschech und ihr Mitarbeiter Guido Becker, (c) Anestis Aslanidis
Die weiße Jacke mit dem kleinen, blauen BIH-Logo sitzt, die beiden Verschlussenden des Fahrradhelms klicken ineinander: Simone Wuschech und Guido Becker sind startklar und schwingen sich auf das Tandem, das vor ihnen steht. So sah es aus, als der Startschuss für die dreitägige Tandem-Tour der Stiftung MyHandicap von Nürnberg nach München fiel.

Erfolgreiches Miteinander Die Idee dahinter: Behinderte und nicht behinderte Menschen fahren gemeinsam ein Tandem und zeigen, wie ein erfolgreiches Miteinander von Arbeitnehmern und Arbeitgebern aussehen kann. Denn ein zentrales Element der Kampagne "Jobs für Menschen mit Behinderung" ist es, potenzielle Arbeitnehmer mit Behinderung und Arbeitgeber besser zu vernetzen. Die Internet-Plattform www.myhandicap.de soll dabei helfen. Bewerber können im Portal ein Persönlichkeitsprofil erstellen und in der Jobbörse platzieren. Arbeitgeber wiederum können passende Bewerber finden und sich über die Rahmenbedingungen einer Beschäftigung und über Fördermöglichkeiten informieren.

Start der Tandem-Tour "Bevor es losging, waren wir beide schon ein bisschen aufgeregt, Tandem fährt man ja schließlich nicht jeden Tag", erinnert sich Simone Wuschech, die auf der ersten Etappe gemeinsam mit ihrem schwerbehinderten Mitarbeiter Guido Becker für die BIH in die Pedale trat. "Ich war gern als Botschafterin der Kampagne dabei. Die Idee, damit ein weiteres Zeichen für eine inklusive Arbeitswelt zu setzen, hat mir sehr gefallen."

Viele Teams Neben ihr nahmen noch weitere Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft an der Tour teil – zum Beispiel die erfolgreiche Paralympionikin Anna Schaffelhuber, die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen Verena Bentele sowie Vertreter der Sozialversicherungen.

Los ging es dann am Montagmorgen des 21. September 2015 vor der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. In drei Etappen fuhren die Tandem-Teams an jedem der Tour-Tage verschiedene Unternehmen an, die für eine gelungene Inklusion im Arbeitsprozess stehen.

Etappenziele Der Münchner Flughafen wurde als eines der Etappenziele gewählt. Die Quote von Mitarbeitern mit Behinderung unter den mehr als 8.000 Beschäftigten beträgt zurzeit etwa elf Prozent – weit mehr als in anderen Unternehmen üblich. "Alle öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen, die während der Tour besucht wurden, finde ich bemerkenswert. Ob Münchener Flughafen oder Audi in Ingolstadt – alle stehen für sich und haben Vorbildcharakter", fasst Simone Wuschech zusammen.

Ein weiterer Stopp in München, die Allianz SE. Für die Versicherung gehören behinderte Menschen ganz selbstverständlich zur Belegschaft dazu. Weltweit setzt sie verschiedene Initiativen zur Förderung von Inklusion am Arbeitsplatz um. In Deutschland kümmert sich beispielsweise eine Gruppe junger Mitarbeiter um die Einstiegschancen von Studenten mit Behinderungen.

Beschäftigter bei der Rädermontage bei der Audi A3 Produktion in Ingolstadt, (c) Audi
Eine Station auf der Tandem-Tour: Audi in Ingolstadt. Auf ergonomische Arbeitsbedingungen wird hier viel Wert gelegt, (c) Audi

Auch das Audi-Werk in Ingolstadt wurde von den radelnden Teams angefahren. Dort arbeiten etwa 6.700 Arbeitnehmer mit Leistungseinschränkungen, mehr als 2.000 davon mit Behinderung. Allein in den vergangenen fünf Jahren hat das Unternehmen in Zusammenarbeit mit Betriebsrat und Schwerbehindertenvertretung rund 400 neue Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen geschaffen.

Gute Beispiele Neben den drei genannten Beispielen für gelungene Inklusion am Arbeitsplatz gibt es noch zahlreiche weitere. Und im Verlauf der Tour wurden unter anderem auch noch eine Filiale der Deutschen Post in München, die Siemens AG sowie das Rathaus in Erlangen angefahren, bevor es beim Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration in München über die Ziellinie ging.

Alle Beispiele zeigen, wie Inklusion im Arbeitsleben funktionieren kann. "Menschen mit Behinderung sollen ebenso am Arbeitsleben teilhaben wie alle anderen auch und ihre Fähigkeiten einbringen können", sagt Andrea Nahles, Arbeitsministerin und Schirmherrin des Aktionsbündnisses "Jobs für Menschen mit Behinderung". "Wir müssen dabei helfen, bei den Arbeitgebern zum Teil noch immer bestehende Vorurteile abzubauen und ganz konkrete Wege aufzeigen, wie die inklusive Arbeitswelt gelingen kann", sagt die Schirmherrin weiter. Die Kampagne will genau dafür sensibilisieren, erklärt Stiftungsgründer von MyHandicap Jochen Schoss: "Wenn Arbeitgeber erst einmal die Berührungsangst verloren haben, stellen sie vielfach fest, dass hervorragende Leistungen erbracht werden, dass die Loyalität hoch ist und dass man sich ohne viel Aufwand auf die Behinderung einstellen kann. Wir wollen deshalb aktiv auf die Unternehmen zugehen."

 

WEITERE INFORMATIONEN

Stiftung MyHandicap

MyHandicap unterstützt Menschen, die durch eine Behinderung in ihrem Alltag maßgeblich beeinträchtigt sind. Auf dem Internetportal sind Informationen zu allen Lebensbereichen sowie ein Forum zum Informationsaustausch und eine Jobbörse zu finden.

Mehr unter: www.myhandicap.de

 

INTERVIEW

"Auf die Stärken blicken"

Porträt von Simone Wuschech, (c) Thomas Meinicke
Simone Wuschech ist Mitglied im BIH-Vorstand, (c) Thomas Meinicke
Tandem fährt man ja nicht jeden Tag, wie hat das gemeinsame Fahren mit Ihrem Kollegen Guido Becker geklappt?

Simone Wuschech Zu Beginn hatte ich sehr großen Respekt, wir beide hatten das noch nie vorher probiert. Das Schwierige ist zunächst das synchrone Auf- und Absteigen und man muss den Rhythmus finden. Wir beide haben das aber sehr schnell hinbekommen und es machte uns total viel Spaß. Ich musste lernen zu vertrauen, dass mein Mitarbeiter das Tandem schon richtig lenkt, auf dem hinteren Sitz steuert man ja nicht. Für uns beide war das alles eine ganz neue Erfahrung.

Ein schönes Symbol für das Miteinander von behinderten und nicht behinderten Menschen in der Arbeitswelt …

Wuschech Ja, absolut. Es ist wichtig, den Blick auf die Stärken der behinderten Menschen zu richten und passgenaue Arbeitsplätze für sie zu schaffen. Gemeinsam gilt es, vorhandene Barrieren zu überwinden.

Haben die besuchten Betriebe ein "Erfolgsrezept" für Inklusion?

Wuschech Ich bin fest davon überzeugt, dass es auf die Menschen selbst ankommt, angefangen bei den Betriebs- und Dienststellenleitungen, den Führungskräften bis hin zu jedem einzelnen Mitarbeiter. Inklusion als ein selbstverständliches Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung am Arbeitsplatz muss fest in unseren Köpfen und Herzen verankert sein. Ein wichtiger Motor, der die Inklusion vorantreibt, sind dabei die Schwerbehindertenvertretungen.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.