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Carlos Velasco ZB 2 / 2005

Forschungsprojekt

Arbeitsassistenz

Vor fast fünf Jahren wurde die Leistung der Arbeitsassistenz eingeführt. Zeit zu prüfen, wie sich diese neue Leistung entwickelt hat und wie die Umsetzung erfolgt. Erste Ergebnisse liegen vor.

Seit Oktober 2000 übernehmen die Integrationsämter die Kosten für eine notwendige Arbeitsassistenz. Die gesetzliche Grundlage hierfür ist im Sozialgesetzbuch IX* geregelt. Um die Leistung praktisch umzusetzen und einheitlich anzuwenden, hatte die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH) schon kurz nach der gesetzlichen Einführung der neuen Leistung „Empfehlungen“** erarbeitet. Als wesentlichen Bestandteil enthalten die „Empfehlungen“ zum Beispiel eine Bestimmung dessen, was Arbeitsassistenz beinhaltet: einen über gelegentliche Handreichungen hinausreichenden, regelmäßigen Unterstützungsbedarf am Arbeitsplatz. Wichtige Voraussetzung ist, dass der schwerbehinderte Mensch, der Arbeitsassistenz in Anspruch nimmt, die am jeweiligen Arbeitsplatz geforderten Kernaufgaben selbst erfüllt. Diese Definition wurde inzwischen mehrfach von der Rechtsprechung übernommen (siehe auch Recht).

Seit Inkrafttreten der Vorschrift haben die Integrationsämter ausreichend Erfahrungen, Wissen und Daten gesammelt, um in einem Forschungsprojekt die Umsetzung und Wirkung des neuen Instrumentes zu bewerten. So wurden im Jahr 2003 für Leistungen der Arbeitsassistenz über 4 Millionen Euro aus Mitteln der Ausgleichsabgabe gezahlt. Generell kann festgestellt werden, dass die personelle Unterstützung einen hohen Stellenwert hat. Denn zusätzlich zu den Leistungen der Arbeitsassistenz haben die Integrationsämter weitere 20,9 Millionen Euro an Arbeitgeber gezahlt, die für ihre schwerbehinderten Beschäftigten eine personelle Unterstützung zur Verfügung stellen.

Im Februar 2004 hat das Integrationsamt des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) in Köln in Zusammenarbeit mit der BIH das Forschungsprojekt „Arbeitsassistenz zur Teilhabe“ gestartet. Ziel des Projektes ist es, zu prüfen, inwieweit die Leistung „Arbeitsassistenz“ für die Teilhabe schwerbehinderter Menschen am allgemeinen Arbeitsmarkt geeignet ist und wie die Umsetzung der neuen Leistung durch die Integrationsämter verläuft. Aus den Ergebnissen sollen konkrete Vorschläge zur Weiterentwicklung des Instrumentes und der Anwendung in der Praxis abgeleitetwerden.

Durchgeführt wird das Forschungsprojekt vom Integrationsamt des LVR. 18 weitere Integrationsämter und Zweigstellen beteiligen sich an der Untersuchung. Die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit unterstützt das Projekt durch die 70-prozentige Finanzierung einer Personalstelle, die beim Integrationsamt in Köln eingerichtet wurde. Das Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung der Universität Hannover begleitet das Projekt wissenschaftlich. Die Forschungsphasen beinhalten zunächst eine quantitative Auswertung der vorhandenen Daten. Daran schließt sich im Rahmen der qualitativen Untersuchung eine Befragung von Assistenznehmerinnen und Assistenznehmern, Assistenzkräften und Arbeitgebern von schwerbehinderten Menschen mit Arbeitsassistenz an.

Erste Ergebnisse

Die Grundgesamtheit der Untersuchung bilden 280 Männer und 165 Frauen, die eine Arbeitsassistenz nutzen.*** Die bisher durchgeführte quantitative Untersuchung bestätigt die Annahmen der Integrationsämter aus den Empfehlungen, zum Beispiel dass der zeitliche Unterstützungsbedarf in vielen Fällen dem angenommenen Umfang entspricht und auch die Budgethöhe sich als realistisch erweist.

Wer nutzt eine Arbeitsassistenz?

Die Gruppe wurde nach vier Merkmalen untersucht:

  • Behinderungsart: 36 Prozent der Assistenznehmer sind blind oder sehbehindert. 25,5 Prozent sind auf den Rollstuhl angewiesen, 17 Prozent von einer Hörbehinderung betroffen und acht Prozent sind in ihren Bewegungen eingeschränkt. 13 Prozent geben andere oder Mehrfachbehinderungen an.
  • Altersstruktur: Die am stärksten vertretene Altersgruppe ist zwischen 34 und 43 Jahre alt (36Prozent), gefolgt von der Gruppe der 44- bis 53-Jährigen mit 22,5 Prozent und der 24- bis 33-Jährigen mit 20,5 Prozent.
  • Geschlechterzugehörigkeit: Insgesamt nutzen mehr Männer als Frauen eine Arbeitsassistenz. Dies ist besonders auffällig bei blinden und sehbehinderten Menschen. Nur innerhalb der Gruppen der Menschen mit einer Hörschädigung und mit Bewegungseinschränkungen ist das Geschlechterverhältnis in etwa ausgeglichen.
  • Qualifikation: Mehrheitlich handelt es sich um Akademiker, also um Personen mit Hochschul- oder Fachhochschulabschluss.

Wo arbeiten die Assistenznehmer?

Die Bandbreite ihrer Arbeitsfelder ist groß. Erkennbar sind behinderungs- und geschlechtsspezifische Merkmale:

  • Bevorzugte Arbeitsfelder: Sie sind vermehrt im Sozialwesen, in der öffentlichen Verwaltung, im kaufmännischen Bereich und im Bildungswesen tätig.
  • Behinderungsspezifische Merkmale: Viele Assistenznehmer mit Bewegungseinschränkungen sind im Sozialwesen beschäftigt (24 Prozent), blinde und sehbehinderte Menschen arbeiten häufig im Gesundheitswesen (20 Prozent). Das Bildungswesen ist für 24 Prozent der hörbehinderten Assistenznehmer ein bevorzugtes Arbeitsfeld. Nur die Situation von Assistenznehmern, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, stellt sich differenzierter dar: So sind etwa 16 Prozent in der öffentlichen Verwaltung beschäftigt und weitere 16 Prozent im Handwerk oder in Bereichen, die sich in kein anderes Arbeitsfeld einordnen ließen.
  • Geschlechtsspezifische Merkmale: Unabhängig von ihrer Behinderung sind Frauen mit Arbeitsassistenz häufig im sozialen Bereich, im Bildungswesen und in der öffentlichen Verwaltung tätig, während Männer überwiegend im kaufmännischen und im IT-Bereich beschäftigt sind.

Die Verteilung auf die unterschiedlichen Arbeitgeber variiert mit dem Geschlecht.

  • Öffentlicher Dienst: Hier sind 46 Prozent der weiblichen Assistenznehmer tätig. Ihnen stehen 25 Prozent der Männer mit Arbeitsassistenz gegenüber.
  • Privatwirtschaft: Hier arbeiten 22 Prozent der Assistenznehmer und 20 Prozent der Assistenznehmerinnen.
  • Selbstständigkeit: 33 Prozent der Männer mit Arbeitsassistenz sind selbstständig, aber nur 15 Prozent der Frauen.

Welche Aufgaben haben Arbeitsassistenten?

Benötigt werden „Handreichungen“. Das gilt für alle Assistenznehmer, gleich von welcher Behinderung sie betroffen sind. Die Aufgaben hängen stark von der Behinderung und kaum vom Arbeitsfeld ab:

  • Bewegungseingeschränkte Menschen werden hauptsächlich durch Tragen und Heben von Gegenständen sowie durch Hilfe bei Bürotätigkeiten unterstützt.
  • Blinde oder sehbehinderte Assistenznehmer benötigen meist Unterstützung beim Vorlesen (handschriftlicher) Texte. Außerdem gehören auch Bürotätigkeiten sowie die Begleitung bei Außenterminen zu den Aufgaben der Assistenten.
  • Hörbehinderte Menschen werden zum Beispiel bei Absprachen mit Kunden und Kollegen sowie beim Telefonieren unterstützt.
  • Assistenznehmer, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, werden oft bei geschäftlichen Außenterminen begleitet und erhalten Hilfe bei verschiedenen Bürotätigkeiten.

Welche Assistenzmodelle werden gewählt?

Vier Varianten haben sich durchgesetzt.

  • Arbeitgebermodell: 250 Betroffene organisieren ihre Arbeitsassistenz selbst. Sie sind Arbeitgeber mit allen dazugehörigen Pflichten.
  • Dienstleistungsmodell: 125 Assistenznehmer beauftragen einen Dienstleister, der für sie die Assistenz organisiert.
  • TeleSign: Bei diesem Bildtelefon-Dolmetschdienst handelt es sich genau genommen um eine spezielle Form des Dienstleistungsmodells. Es wird von 31 hörbehinderten Menschen genutzt. TeleSign erleichtert ihnen die Kommunikation mit hörenden Menschen, indem sie sich via Bildtelefon mit einem Gebärdensprachdolmetscher in einem Dienstleistungscenter verständigen. Dieser übersetzt von Gebärdensprache in Lautsprache und umgekehrt.
  • Kombination aus verschiedenen Modellen: 16 Personen benötigen neben dem Bildtelefon-Dolmetschdienst weitere technische Unterstützung vor Ort. Das heißt, sie kombinieren TeleSign mit anderen Formen des Dienstleistungsmodells oder dem Arbeitgebermodell.

Wie hoch ist der tägliche Bedarf an Arbeitsassistenz?

Das ist sehr unterschiedlich: Er reicht von einer halben Stunde täglich bis zur Dauerpräsenz am Arbeitsplatz. Bei den vollzeitbeschäftigten Assistenznehmern sieht die Verteilung folgendermaßen aus:

  • Männer: 53,5 Prozent brauchen mehr als drei Stunden täglich Unterstützung. 46,5 Prozent wird bis zu drei Stunden assistiert.
  • Frauen: Ihr Bedarf an Assistenz ist geringfügig niedriger als bei den Männern. 44,5 Prozent benötigen eine Assistenz länger als drei Stunden täglich. Bei 55,5 Prozent sind es bis zu drei Stunden.



* § 102 Abs. 4 SGB IX
** Empfehlungen für die Erbringung finanzieller Leistungen zur Arbeitsassistenz schwerbehinderter Menschen
*** Darunter fällt nicht die personelle Unterstützung,wie sie in vielen Fällen von den Betrieben und Dienststellen zur Verfügung gestellt wird und für die Arbeitgeber finanzielle Leistungen des Integrationsamtes erhalten.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.