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Behinderung
&
Beruf

ZB 2-2020

Argumente

(K)eine Frage der Einstellung

Trotz aller Bemühungen zur Inklusion in Betrieben haben viele Arbeitgeber Bedenken, schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. Es liegt auch an der Schwerbehindertenvertretung, diese zu entkräften. Eine Argumentationshilfe.

Illustration zweier Köpfe mit Plus- und Minuszeichen für positive und negative Einstellung, (c) iS
(c) iStock/DrAfter123
ARGUMENT 1:

Schwerbehinderte Menschen sind nicht in gleichem Maße leistungsfähig wie andere Arbeitnehmer.

Das kommt ganz darauf an, welche Tätigkeit der schwerbehinderte Mensch ausführen soll. Zum Beispiel kann eine Tätigkeit in der Qualitätssicherung und Endkontrolle genauso gut von einem Arbeitnehmer im Rollstuhl ausgeführt werden wie von einem nicht behinderten Arbeitnehmer. Denn die Tätigkeit fordert vor allem ein gutes Sehvermögen, Sorgfalt und Zuverlässigkeit. Entscheidend ist immer, ob sich eine Behinderung auf den Arbeitsplatz auswirkt oder nicht. Der festgestellte Grad der Behinderung sagt also nichts über die Leistungsfähigkeit im Beruf aus.

Ist ein Arbeitnehmer nach einem Unfall oder einer Erkrankung behindert, gilt es, den Arbeitsplatz entsprechend anzupassen. Unter Umständen muss ein Arbeitsplatz dann behinderungsgerecht ausgestattet werden. Der Arbeitnehmer ist erst dann in seiner Leistung eingeschränkt, wenn der Arbeitsplatz nicht umgestaltet werden kann.

Abgesehen davon ist niemand zu 100 Prozent durchgehend leistungsfähig. Jeder hat im Tagesverlauf Höhen oder Tiefen oder ist mal gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe.

ARGUMENT 2:
Schwerbehinderte Arbeitnehmer sind nur eingeschränkt einsetzbar.

Für den Arbeitgeber wäre es am einfachsten, wenn er jeden Arbeitnehmer überall einsetzen könnte. Das geht in der Realität natürlich nicht. Auch nicht behinderte Arbeitnehmer sind nicht für jeden Arbeitsplatz geeignet. Wer beispielsweise kein Gefühl für Zahlen hat, wird als Buchhalter nicht weit kommen. Niemand ist so flexibel, dass er jede Tätigkeit in einem Betrieb übernehmen kann.

ARGUMENT 3:
Schwerbehinderte Arbeitnehmer sind häufiger krank.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Erfahrung zeigt, dass gerade Arbeitnehmer mit schwerer körperlicher Erkrankung, etwa Rheuma, deutlich weniger Fehltage haben als nicht behinderte Arbeitnehmer. Trotz oft großer Schmerzen gehen sie zur Arbeit. Viele behinderte Arbeitnehmer sind besonders engagiert und motiviert, weil die Arbeit in ihrem Leben einen größeren Stellenwert einnimmt als bei Nichtbehinderten. Arbeit bedeutet für sie immer auch gesellschaftliche Anerkennung.

ARGUMENT 4:
Schwerbehinderte Menschen können Überstunden ablehnen.

Schwerbehinderte Menschen können Überstunden nur ablehnen, wenn es sich um Mehrarbeit handelt. Doch was genau ist Mehrarbeit? Nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) IX ist das die Arbeit, die über die normale gesetzliche Arbeitszeit von werktäglich acht Stunden hinausgeht. Mehrarbeit ist unabhängig vom individuellen Arbeitsvertrag oder von tariflichen Bestimmungen. Arbeitet ein schwerbehinderter Arbeitnehmer beispielsweise laut Vertrag sechs Stunden täglich und der Chef benötigt ihn für einen dringenden Auftrag länger, bedeutet das: Der Arbeitnehmer muss Überstunden machen. Erst wenn der Schwerbehinderte länger als acht Stunden am Tag arbeiten soll, kann er "den Hammer fallen lassen". Das SGB IX schützt schwerbehinderte Arbeitnehmer damit vor Arbeitstagen, die länger als acht Stunden dauern. Ansonsten muss ein schwerbehinderter Mensch Überstunden machen wie jeder andere Arbeitnehmer auch.

ARGUMENT 5:
Schwerbehinderte Menschen dürfen nicht für Schichtarbeit eingesetzt werden.

Grundsätzlich sind schwerbehinderte Menschen nicht von Schichtarbeit befreit. Ähnlich wie bei den Überstunden kann sich ein schwerbehinderter Arbeitnehmer hier nicht verweigern und muss auch Schichtarbeit verrichten. Einzige Ausnahme ist, wenn ein Arbeitnehmer aufgrund seiner Behinderung nicht in der Lage ist, Früh- oder Spätschichten zu übernehmen. Im Prinzip gilt so eine individuelle Regelung aber für jeden Arbeitnehmer, der ein Attest von seinem Arzt vorlegt.

ARGUMENT 6:
Schwerbehinderte Arbeitnehmer haben mehr Urlaub.

Das stimmt. Schwerbehinderte Arbeitnehmer haben über den regulären Urlaub hinausgehend weitere Urlaubstage. Wie viele Zusatztage das sind, richtet sich nach der vereinbarten Arbeitszeit. Ein Arbeitnehmer mit einer Dreitagewoche hat Anspruch auf drei Tage Zusatzurlaub, bei einer Fünftagewoche sind es fünf Tage Zusatzurlaub.

Keine Frage: Für den Betrieb sind das Mehrkosten. Auf der anderen Seite spart das Unternehmen aber auch einen Teil der Kosten der Ausgleichsabgabe, die durch die Besetzung der Stelle mit dem schwerbehinderten Arbeitnehmer entfallen.

ARGUMENT 7:
Schwerbehinderte Menschen sind unkündbar.

Der besondere Kündigungsschutz für schwerbehinderte Menschen bedeutet nicht, dass schwerbehinderte Menschen unkündbar sind. Er besagt lediglich, dass eine Kündigung nur möglich ist, wenn das Integrationsamt zugestimmt hat. In den letzten Jahren haben die Integrationsämter in rund 80 Prozent der Fälle die Zustimmung zur Kündigung erteilt. Dies liegt daran, dass der Großteil der Anträge auf Zustimmung zur Kündigung auf betriebsbedingte Gründe zurückgeht. Bei diesen Gründen besteht in der Regel kein Zusammenhang mit der Schwerbehinderung des zu kündigenden Mitarbeiters. Sinn und Zweck des besonderen Kündigungsschutzes für schwerbehinderte Menschen nach dem SGB IX ist es aber, die behinderungsbedingten Nachteile des Arbeitnehmers auszugleichen und den schwerbehinderten Menschen vor Kündigungen zu schützen, wenn ein Zusammenhang zwischen dem Kündigungsgrund und der Schwerbehinderteneigenschaft besteht. Ist dies – wie überwiegend bei den Kündigungen aus betriebsbedingten Gründen – nicht der Fall, ist das Ermessen der Integrationsämter in der Regel ganz oder wesentlich eingeschränkt. Dann wird die Zustimmung bei Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen in der Regel erteilt.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Auch schwerbehinderte Menschen sind Kunden!

In Deutschland gibt es 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen. Gerade Großunternehmen können es sich betriebswirtschaftlich nicht erlauben, diese große Kundengruppe zu ignorieren. Im Gegenteil: Inklusion und Vielfalt können für Unternehmen zum Aushängeschild werden und für Sympathie auf Kundenseite sorgen.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.