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ZB 2-2015

Autismus und Beruf
Auf dem Weg zur Normalität

Autismus erfährt derzeit viel öffentliche Aufmerksamkeit. Doch bisher stehen entweder nur die Stärken der betroffenen Menschen im Fokus – oder nur ihre Schwächen. Der Versuch, ein realistisches Bild ihrer beruflichen Möglichkeiten zu zeichnen. Dazu: Erfahrungen einer autistischen Ärztin und eines Autismus-Experten.

Florian Kraus bei der Arbeit im Lager der MEDI Kabel GmbH, (c) Werner Bachmeier
Gelungene Integration: Florian Kraus hat das Asperger-Syndrom, ist fest bei der MEDI Kabel GmbHangestellt und sorgt im Lager zuverlässig für Ordnung, (c) Werner Bachmeier
Dem Softwarekonzern SAP in Walldorf bei Heidelberg ist es in den vergangenen Jahren gelungen, das öffentliche Bewusstsein auf ein bis dato vernachlässigtes Thema zu lenken: Autistische Menschen können mit ihren besonderen Fähigkeiten zu wertvollen Mitarbeitern für ein Unternehmen werden. Seit 2013 stellt SAP weltweit Menschen mit Autismus ein. Sie werden beispielsweise als Programmierer oder Softwaretester beschäftigt. Als "positiv" beschreibt Stefanie Nennstiel, Leiterin von "Autism at Work" bei SAP, die Erfahrungen mit dem Projekt. Derzeit arbeiten 13 Menschen mit Autismus in Walldorf, in diesem Jahr sollen zehn weitere eingestellt werden.

Ein Projekt, wie es SAP betreibt, muss sehr gut vorbereitet und begleitet werden, betont Stefanie Nennstiel: "Deshalb arbeiten wir jetzt sehr eng mit dem Integrationsamt in Karlsruhe zusammen und nutzen so optimal das Know-how." Das Integrationsamt beim Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) Baden-Württemberg und die von ihm beauftragten Integrationsfachdienste wissen, worauf es bei der Beschäftigung von Menschen mit Autismus ankommt. Mehr als 200 betroffene Beschäftigte werden derzeit landesweit unterstützt.

Unterschiedliche Ausprägungen Die Bandbreite der Autismus-Störung ist groß, sie tritt in sehr unterschiedlichen Ausprägungen auf (siehe Info-Box). Bei SAP arbeiten Menschen mit Asperger-Syndrom, das häufig als leichtere Form des Autismus bezeichnet wird. Charakteristisch für autistische Menschen sind Schwächen im sozialen Umgang. Sie sind oft nicht in der Lage, Mimik und Gestik ihres Gegenübers zu verstehen. Schwer fällt ihnen auch die Deutung von verbalen Aussagen. Viele autistische Menschen können nicht zwischen den Zeilen lesen und nehmen Redewendungen wörtlich. Dadurch kann es zu großen Missverständnissen bei der Kommunikation kommen. Die Diagnose "Asperger-Autismus" erfolgt teilweise erst im Erwachsenenalter, manchmal wird die Behinderung gar nicht als solche erkannt. Bisher war der Blick vor allem auf die Schwächen der Menschen mit Autismus gerichtet, ein Großteil von ihnen braucht gezielte Unterstützung. Entsprechend hoch ist die Zahl der Arbeitslosen innerhalb dieser Gruppe. Der Autismus-Experte Professor Dr. Matthias Dalferth von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg geht davon aus, dass lediglich 30 Prozent der Menschen mit Asperger-Syndrom auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt sind – selbst wenn sie gute Schulabschlüsse vorweisen können. Menschen mit dem Asperger-Syndrom könnten seiner Meinung nach verstärkt in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden, wenn die Betriebe mehr über ihre Stärken und Einsatzmöglichkeiten aufgeklärt werden.

Sonja Diem zusammen mit Florian Kraus an seinem Arbeitsplatz, (c) Werner Bachmeier
Sozialpädagogin Sonja Diem erklärte den anderen Mitarbeitern, wie sie mit Florian Kraus’ Besonderheiten umgehen können, (c) Werner Bachmeier
Günstige Arbeitsbedingungen
Wie man das Potenzial von autistischen Menschen in der Arbeitswelt nutzen kann, dabei helfen die Integrationsfachdienste den Unternehmen vor Ort. "Wir informieren Arbeitgeber über die fachlichen und sozialen Besonderheiten und zeigen ihnen, wie man damit umgehen kann", sagt Ulrike Biesinger vom Integrationsfachdienst in Karlsruhe. So kommen Asperger-Autisten feste Strukturen und klare Arbeitsabläufe entgegen. Günstig ist auch ein reizarmes Arbeitsumfeld. Die Tätigkeit in einem Großraumbüro, in dem ständig telefoniert wird, kann für  einen Asperger-Autisten eine große Belastung bedeuten. Außerdem ist es wichtig, dass Arbeitgeber und Kollegen über mögliche Probleme bei der Kommunikation aufgeklärt und entsprechend geschult werden, um Missverständnissen vorzubeugen. Asperger-Autisten sind darauf angewiesen, dass sehr klar formuliert wird. "Viele Menschen mit Autismus haben mühsam gelernt, sich anzupassen. Das kostet sie sehr viel Energie, die sie neben der Arbeit aufbringen müssen", weiß Ulrike Biesinger.

Besondere Stärken Jede Autismus-Spektrum-Störung wirkt sich individuell sehr unterschiedlich aus. Wenn ihre Besonderheiten beachtet werden, können Unternehmen von den Stärken der autistischen Menschen profitieren. Dazu gehören nicht selten große Detailgenauigkeit, niedrige Fehlertoleranz und hohe Ausdauer. "Wenn es ihr fachliches Interesse trifft, können autistische Menschen auch bei Routineaufgaben hochkonzentriert bleiben und Fehler finden, die anderen durchgehen", sagt Ulrike Biesinger vom Integrationsfachdienst in Karlsruhe. "Für Menschen mit Autismus gilt in besonderer Weise: Der Job muss zur Person passen."

 

WEITERE INFORMATIONEN



Autismus-Spektrum-Störung
Autismus ist eine angeborene tiefgreifende Störung der Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung im Gehirn, die sich schon im frühen Kindesalter bemerkbar macht. Charakteristisch sind folgende Merkmale:

  • Die sozialen Fähigkeiten sind eingeschränkt.
  • Es gibt Besonderheiten in der Kommunikation.
  • Im Verhalten zeigen sich häufig Stereotypie, Wiederholungen und Rituale.

Es gibt unterschiedliche Ausprägungen, die unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst werden:

  • Frühkindlicher Autismus oder Kanner- Syndrom: Diese Menschen haben oft eine geistige Behinderung, können nicht sprechen und brauchen lebenslang intensive Unterstützung.
  • Asperger-Syndrom: Diese Menschen verfügen für gewöhnlich über eine normale, vereinzelt auch hohe Intelligenz. Einige weisen Inselbegabungen auf, zeigen also außergewöhnliche Leistungen in kleinen Teilbereichen, etwa im Rechnen oder im Erinnerungsvermögen.


Daten und Fakten
Schätzungen zufolge sind in Deutschland*

  • rund 520.000 Menschen von Autismus betroffen, jeder Vierte hat das Asperger-Syndrom. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.
  • nur fünf Prozent der autistischen Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt.
  • 40 bis 65 Prozent in Werkstätten für behinderte Menschen beschäftigt.
  • 30 bis 55 Prozent der autistischen Menschen ohne Arbeit.

*Quellen: www.autismus.de, Prof. Dr. Matthias Dalferth in "Autismus in Forschung und Gesellschaft", Hrsg.: Bundesverband Autismus Deutschland e.V., 2014

 

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.