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Behinderung
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Beruf

ZB 3/2012

Besondere Ausbildungsregelungen für behinderte Menschen

Ausbildung ist machbar


Junger Mann in Fahrradwerkstatt, (c) Photos.com/Thinkstock
(c) Photos.com/Thinkstock
Max und Lena sind stark motiviert für ihre Ausbildung. Ihre praktischen Aufgaben im Betrieb packen sie engagiert an. Die Fachtheorie in der Berufsschule aber ist eine hohe Barriere. Für junge Menschen mit Handicap beim Lernen gibt es die Möglichkeit, das Komplizierte einfacher zu machen, damit die Ausbildung für sie und ihren Betrieb zum Erfolg werden kann.

„Ich hatte noch nie einen Lehrling, der so begeisterungsfähig war wie Max.“ Nach einem Praktikum war Bäckermeister Raimund Lipp bereit, Max als Auszubildenden aufzunehmen. Maximilian Krumbach kam mit Down-Syndrom auf die Welt. Trotz seines Handicaps hatte er von klein auf immer nur einen Berufswunsch: „Bäcker, sonst nichts!“ Im Familienbetrieb von Raimund Lipp hat er jetzt die Chance, sein Ziel zu erreichen*.

Weniger Theorie, mehr Praxis

Mit der Handwerkskammer Aachen wurde eine besondere Ausbildungsregelung für behinderte Menschen (siehe Info) vereinbart. Manfred Heuberg – Integrationsberater bei der Handwerkskammer im Auftrag des LVR-Integrationsamtes – half dabei: „Eine klassische Berufsausbildung hätte Maximilian Krumbach wegen seiner Behinderung überfordert. Deshalb wird er als Bäckerwerker ausgebildet.“ Das ist eine vereinfachte Form der Bäckerausbildung, bei der das Hauptgewicht auf dem Praktischen und dem Zuarbeiten liegt.

Auch Lena Meyer** hatte nach dem Besuch einer Förderschule für Lernbehinderte und einem berufsvorbereitenden Lehrgang den starken Wunsch nach einer betrieblichen Ausbildung. Lena ist Köchin mit Leib und Seele. Der Beruf entspricht ganz ihrem Geschmack. Der Integrationsfachdienst (IFD) vor Ort übernahm das Job-Coaching: Den Berufswunsch abklären, passende Betriebe finden, ein Praktikum vereinbaren, den Einstieg begleiten und auch während der Ausbildung beim Lernen eine Stütze sein. Mit vereinten Kräften fand sich ein Praktikum bei dem Eventkoch Tom Scheffler**: „Lena wird im September bei uns mit ihrer Ausbildung beginnen. Im Praktikum hat sie mich überzeugt. Ihre große Einsatzbereitschaft und ihre herzliche Art sind für unser Team ein Gewinn.“

Bei einer Ausbildung zur Köchin werden allerdings auch hohe fachtheoretische Anforderungen in Mathematik und Chemie gestellt. In den Prüfungen hätte Lena hier kaum eine Chance. Deshalb lernt sie – wie Maximilian Krumbach – ihren Beruf nach einer besonderen Ausbildungsregelung, für die jetzt vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) eine Musterregelung entwickelt wurde (siehe Info): „Fachpraktikerin Küche (Beiköchin)“ steht in ihrem Ausbildungsvertrag, den sie bereits unterschrieben hat. Die Ausbildung orientiert sich zwar am Berufsbild der Köche, die theoretischen Anforderungen sind jedoch reduziert. Das Gewicht liegt auf der Unterstützung der Köche und Köchinnen: zum Beispiel Salate, Vorspeisen und Menükomponenten vorbereiten, aufräumen und spülen. Eventkoch Tom Scheffler: „Wir brauchen in unserem Betrieb nicht nur Starköche, sondern auch ganz handfeste Hilfe.“

Investition in den Betrieb …

Betriebe haben durch diese Form der Ausbildung die Möglichkeit, engagierte junge Menschen speziell für praktische Aufgaben des Betriebs zu qualifizieren und als motivierte Fachkräfte an sich zu binden. Sie bieten behinderten jungen Menschen eine berufliche Zukunft durch Qualifizierung und können für die Ausbildung weitere Leistungen in Anspruch nehmen. Beim angehenden Bäckerwerker Maximilian Krumbach zum Beispiel übernimmt die Arbeitsagentur die Ausbildungsvergütung. Das LVR-Integrationsamt in Köln gab für die Schaffung des Ausbildungsplatzes einen Zuschuss zu den Investitionskosten. Die Bäckerei kaufte eine Brötchen- Schnittmaschine, die Maximilian Krumbach inzwischen routiniert bedient. Jeden Tag werden hier 2.000 Teigrohlinge geformt und geschnitten. Die Ausbildung geht gut voran.

… und in die Zukunft junger Menschen

Unsere Beispiele zeigen: Besondere Ausbildungsregelungen können für junge Menschen mit kognitiven Behinderungen eine Chance sein. Wenn die fachtheoretischen Anforderungen der regulären Ausbildung nicht zu schaffen sind, bieten sie die Perspektive einer abgeschlossenen Berufsausbildung. Und das ist allemal besser als ein Anlernjob.

*Quelle: ZB 3_2011
**Namen von der Redaktion geändert

 

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.