Symbol Gebärdensprache Symbol Leichte Sprache

Behinderung
&
Beruf

Schüler der Graf von Galen-Schule im Unterricht ZB 2 / 2007

Schnittstelle Schule

Berufsvorbereitung konkret

Die Integrationsämter engagieren sich verstärkt für eine bessere berufliche Integration behinderter Schüler. Die Schule kann entscheidend dazu beitragen, den Übergang in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Zwei Beispiele zeigen, wie es gelingen kann.

Die mangelnde Ausbildungsfähigkeit behinderter Jugendlicher, die hohe Zahl schwerbehinderter Arbeitsloser und die Vorbehalte der Betriebe gegenüber schwerbehinderten Menschen sind nur einige Gründe, wieso der Weg vieler behinderter Schülerinnen und Schüler nach Abschluss der Schule nicht in den ersten Arbeitsmarkt führt, sondern in eine Werkstatt für behinderte Menschen. Obwohl ein Teil sich durchaus auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt behaupten könnte. Um mehr behinderten jungen Menschen, die eine Förderschule oder eine Sonderschule besuchen, die Chance zu geben, sich auf dem ersten Arbeitsmarkt beweisen zu können, werden die Integrationsämter sich zukünftig verstärkt für die Teilhabe behinderter Schüler am Arbeitsleben einsetzen. Kurz gesagt:Der Übergang von der Schule in den Arbeitsmarkt muss erleichtert werden. Und um das zu erreichen, ist es notwendig, die Schüler mehr als bisher in den Abschlussstufen auf den Einstieg in Ausbildung und Beruf vorzubereiten.

Die Werkstufe …
In Baden-Württemberg gibt es an fast allen Schulen für Schüler mit einer geistigen Behinderung die sogenannte Werkstufe. So auch an der Graf von Galen-Schule in Heidelberg. Sie hat ihr Werkstufenkonzept in den letzten Jahren weiterentwickelt und zu einem ihrer zentralen Arbeitsschwerpunkten gemacht: Die Werkstufe, die an die neunjährige Schulzeit anschließt und drei Jahre dauert, hat die Aufgabe, berufliche Grundfähigkeiten, Grundfertigkeiten und Schlüsselqualifikationen zu vermitteln und auf ein möglichst selbstständiges Berufs- und Erwachsenenleben vorzubereiten.

In der Praxis bedeutet das, dass die Schüler in der Werkstufe verschiedene Arbeitsbereiche, wie etwa Metall, Holz, Garten, Dienstleistungen und Hauswirtschaft, intensiv kennen lernen, um Vorlieben, Neigungen und Fähigkeiten herauszufinden. Dabei wird verstärkt darauf geachtet, dass in diesen Bereichen auch außerhalb der Schule gearbeitet wird. Betreut und begleitet werden sie dabei von technischen Lehrern – meist Handwerksmeistern mit einer sonderpädagogischen Zusatzausbildung. Sie sind auch für die Betriebe glaubwürdige und qualifizierte Partner. Denn für alle Schüler sind während der Werkstufenzeit Praktika vorgesehen. Dazu hat sich die Schule zusammen mit Eltern, der Agentur für Arbeit und dem Integrationsfachdienst ein umfangreiches Netzwerk von etwa 80 Partnerbetrieben aus verschiedenen Branchen aufgebaut – unter anderen SAP, Ikea, Heidelberger Zement und die Werkstatt für behinderte Menschen. Sie ist für die Schule ein besonders wichtiger Partner.

… sieht betriebliche Praktika vor
Die Praktika haben in ihrer Abfolge unterschiedliche Funktionen. Sie dienen der Orientierung, der Qualifizierung und manchmal gelingt auch eine berufliche Integration. Das ist aber nicht vorrangig: Nicht jedes Praktikum soll oder muss in eine Beschäftigung im Praktikumsbetrieb münden. Es hilft dem Schüler auch weiter, wenn er die Möglichkeit hat, seine Fähigkeiten in der Praxis zu erproben – selbst wenn er feststellen muss, dass seine beruflichen Vorstellungen nicht in die Realität umzusetzen sind. So richten sich Dauer und Häufigkeit der Praktika nach der individuellen Entwicklung der Schüler und nach den Möglichkeiten des Betriebes.

Ganz entscheidend ist, dass der Integrationsfachdienst, beauftragt vom Integrationsamt des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales Baden-Württemberg, und die Agentur für Arbeit frühzeitig eingebunden werden und Kontakt zu Schülern, Eltern und Betrieben aufnehmen. Die gegenseitige Vermittlung dieser Kontakte sieht die Graf von Galen-Schule mit als ihre Aufgabe an. Das Konzept ist erfolgreich. In der Regel erhält etwa ein Drittel der Abschlussschüler einen festen Arbeitsvertrag. Allerdings gibt es auch Jahrgänge, wie 2006: Damals wurden von zwölf Entlassschülern acht in unbefristete Arbeitsverhältnisse übernommen.

Die Lehrerfortbildung ...
Lehrern kommt bei der Vorbereitung der Schüler auf Ausbildung und Beruf eine große Bedeutung zu. Sie sind meist Ansprechpartner für Eltern wie auch Schüler, wenn die Frage ansteht: Wie geht es weiter nach der Schule? Um sie bei dieser Aufgabe zu unterstützen, bieten die Integrationsämter des LVR und des LWL eine Fortbildungsreihe an, die sich speziell mit der Problematik des Übergangs behinderter Schüler in die Arbeitswelt befasst. Ziel ist u.a. auch, Lehrer in die Lage zu versetzen, kompetent über die unterschiedlichen Möglichkeiten und Unterstützungsangebote für behinderte Jugendliche beim Eintritt in den ersten Arbeitsmarkt zu informieren.

„Wichtig ist, dass der Prozess der Berufsvorbereitung nicht erst nach der Schulentlassung erfolgt, sondern möglichst frühzeitig, um Schülern, Eltern und Lehrern vorhandene Ängste und Unsicherheiten zu nehmen. Häufig beeinflussen sie stark die Entscheidung, wo der Jugendliche im Anschluss an die Schule ausgebildet, qualifiziert oder beschäftigt wird“, so Peter Anders vom Integrationsamt des LVR. Den Schonraum Schule zu verlassen, ist oft schwer vorstellbar. Das kann zur Folge haben, dass sich Eltern wie auch Lehrer schützend vor den Jugendlichen stellen, um ihn vor den bedrohlich empfundenen Realitäten zu bewahren und ihn dann doch lieber weiter „rundumversorgt“ zu wissen und in eine Werkstatt für behinderte Menschen oder in ein Berufsbildungswerk zu entlassen.

… umfasst acht Bausteine
Die Fortbildungsreihe besteht aus acht verschiedenen Bausteinen und wird von Referenten aus Betrieben, Personal- und Unternehmensberatungen, Hochschulen, Agenturen für Arbeit und Integrationsämtern gestaltet. Zu Beginn stehen u.a. Bereitschaft, Nutzen und Notwendigkeit von Kooperationen sowie dafür notwendige systemische und persönliche Voraussetzungen auf der Tagesordnung. Im Rahmen einer „Zukunftswerkstatt“ wird die Methode der persönlichen Zukunftsplanung erlernt.

Die Verarbeitung und die Akzeptanz der Behinderung sowie ihrer Auswirkung ist eine wesentliche Voraussetzung, um realistische berufliche Perspektiven zu entwickeln. Dies ist auch für Lehrer ein wichtiges Thema, denn sie können diesen Prozess entsprechend begleiten und unterstützen. Ein weiterer Baustein befasst sich mit den Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten sowie deren gesetzlichen Grundlagen. Das Thema „Denken und Handeln im betrieblichen Kontext“ wird ausführlich behandelt. Es führt unter anderem in die Grundsätze betriebswirtschaflichen Denkens ein. Hierzu gehören ebenfalls die Planung und der Ablauf eines Bewerbungsprozesses: Welche Erwartungen haben Arbeitgeber? Wie ist mit dem Thema Behinderung umzugehen? Welche Fähigkeiten sind am besten zu „verkaufen“ und wie werden sie dargestellt? Welche Strategien gibt es, um mit Arbeitgebern in Kontakt zu kommen? Aber auch, wie etwa die Begleitung der Elternarbeit, die an der Schnittstelle Schule – Beruf eine wichtige Rolle spielt, aussehen kann und was dabei zu beachten ist, wird in einem eigenen Baustein besprochen. Mit der „Moderation des Übergangsprozesses“, das vor allem das Rollenverständnis des Lehrers als Begleiter und Berater der Schüler hinterfragt und Schnittstellen definiert, endet die Veranstaltungsreihe.

ZB Online

Alle Ausgaben
Aktuelle Ausgabe
2019 2018 2017 2016
2015 2014 2013 2012
2011 2010 2009 2008
2007 2006 2005

Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.