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Behinderung
&
Beruf

ZB 3-2015

Übergang Schule-Beruf
Betrieb statt Werkstatt!

 

Mit der richtigen Unterstützung schaffen mehr wesentlich behinderte junge Menschen den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Sie verdanken dies nicht zuletzt engagierten Arbeitgebern, wie die Reportage in einer Baumschule und das Gespräch mit dem Inhaber zeigen.

 

Patrick Becker, Arbeitgeber Andreas Huben und IFD-Beraterin Katja Kaffanke an ihrem Arbeitsplatz, der Baumschule, (c) Andreas Arnold
Ein gutes Team: Patrick Becker, Arbeitgeber Andreas Huben und IFD-Beraterin Katja Kaffanke (v. li.), (c) Andreas Arnold
Einfach? Andreas Huben muss nicht groß nachdenken: "Nein, einfach ist es sicher nicht immer", sagt er. In seiner Baumschule im badischen Ladenburg sind zwei ehemalige Förderschüler* beschäftigt, beide haben eine geistige Behinderung. "Manchmal braucht man Geduld und einen breiten Rücken", erzählt er. Etwa wenn einer der beiden nach dem Urlaub nicht wieder zur Arbeit erscheint. Dann informiert der Betrieb die Mitarbeiterin des Integrationsfachdienstes (IFD), die ihn unterstützt. Dennoch möchte Andreas Huben die schwerbehinderten jungen Männer in seinem Team nicht mehr missen. Es ist trotz gelegentlicher Schwierigkeiten eine Win-win-Situation. "Die beiden sind richtig gute Arbeiter", sagt Andreas Huben.

Potenzial für den Arbeitsmarkt Behinderte junge Menschen haben es nach der Schule sehr schwer, eine Ausbildung oder Beschäftigung in einem Betrieb zu finden. Das gilt vor allem für die leistungsschwächeren Förderschüler. Diese Gruppe wird teilweise auch als "wesentlich behindert" bezeichnet, ein Begriff aus der Eingliederungshilfe. Im Gegensatz zum blinden Abiturienten oder der Einser-Schülerin im Rollstuhl tendieren ihre Chancen am allgemeinen Arbeitsmarkt ohne Unterstützung gegen Null. Nach der Schule führt ihr beruflicher Weg oft automatisch in eine Werkstatt für behinderte Menschen
(WfbM). Dort verbleiben sie in der Regel bis zum Ende ihres Erwerbslebens. "Das Problem wird aber nicht gelöst, indem man die Werkstätten abschafft, wie es der UN-Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen jetzt empfohlen hat", sagt Karl-Friedrich Ernst, Leiter des KVJS-Integrationsamtes in Baden-Württemberg. "Wir müssen Alternativen für die Menschen entwickeln, die den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt schaffen können – trotz ihrer Einschränkungen."

Manche von ihnen tun sich schwer mit dem Lesen oder Schreiben, andere haben Probleme mit der Merkfähigkeit, können neue Tätigkeiten nur in kleinen Schritten erlernen und brauchen feste Bezugspersonen. Viele benötigen dauerhaft individuelle Unterstützung – bekommen sie diese Hilfe, haben sie allerdings das Potenzial für eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die besten Voraussetzungen für ihre erfolgreiche berufliche Integration finden sich, so die Erfahrung der Integrationsämter, in kleinen oder mittelständischen Betrieben. Denn hier gibt es eher noch einfache Tätigkeiten. Und die persönlichen, familiären Strukturen sorgen dafür, dass immer ein vertrauter Ansprechpartner da ist.

IFD in zentraler Funktion Aber welche Art von Unterstützung brauchen die Jugendlichen, damit der Wechsel auf einen betrieblichen Arbeitsplatz gelingt? Drei Bausteine wurden in Modellvorhaben der Integrationsämter erfolgreich erprobt: Eine systematische berufliche Orientierung mit betrieblichen Praktika schon zwei bis drei Jahre vor Ende der Schulzeit. Eine enge persönliche Begleitung beim Übergang in den Betrieb. Und eine individuelle Qualifizierung am Arbeitsplatz. Dabei übernehmen die IFD eine zentrale Funktion. Allein in den vergangenen drei Jahren haben sie im Auftrag der Integrationsämter mehr als 25.000 schwerbehinderte Schüler betreut und ihnen damit eine berufliche Perspektive außerhalb einer Werkstatt verschafft.

Unterstützend war dabei auch das 2011 gestartete befristete Bundesprogramm Initiative Inklusion, das Teil des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention ist. Ein Handlungsfeld des Programms will die Berufsorientierung für schwerbehinderte Schüler verbessern. Die dafür bereitgestellten finanziellen Mittel haben es den Integrationsämtern ermöglicht, geeignete Strukturen und Maßnahmen aufzubauen. Doch wie geht es weiter, wenn das Programm 2017 wie geplant ausläuft? Die Integrationsämter möchten die erfolgreiche Arbeit fortführen und sich dauerhaft im Bereich Übergang Schule-Beruf engagieren. Allerdings müssen dafür erst die Voraussetzungen geschaffen werden. Vor allem eine gesetzliche Grundlage, die es den Integrationsämtern erlaubt, die IFD regulär mit der Berufsorientierung und Übergangsbegleitung schon ab dem schulischen Bereich zu beauftragen und diese Unterstützung aus der Ausgleichsabgabe zu finanzieren.

Motivation der Arbeitgeber Nur mit Hilfe engagierter Arbeitgeber waren die vielen Übergänge von wesentlich behinderten Schülern in den Modellvorhaben möglich. Fragt man Arbeitgeber, was sie zu diesem Engagement bewegt, ist immer wieder von Fleiß, Zuverlässigkeit und menschlichen Qualitäten der betroffenen Mitarbeiter die Rede. Zuverlässigkeit schätzen Betriebe auch bei der Unterstützung, weiß IFD-Fachkraft Katja Kaffanke, die die beiden ehemaligen Förderschüler in der Baumschule von Andreas Huben begleitet: "Meine Hilfe endet nicht mit einer Festanstellung. Ich bin so lange für Arbeitgeber und Arbeitnehmer da, wie Bedarf besteht."

* Die spezielle Schulform für geistig behinderte Jugendliche wird in Baden-Württemberg Sonderschule genannt

STATEMENT

Portrait von Klaus-Peter Rohde, (c) Paul Esser
Klaus-Peter Rohde, (c) Paul Esser
"Die Integrationsämter fördern den Übergang Schule-Beruf: In ihrem Auftrag haben die Integrationsfachdienste allein im Jahr 2014 rund 10.300 behinderte Schüler auf die Arbeitswelt vorbereitet und sie beim Einstieg in die Betriebe begleitet."

Klaus-Peter Rohde, Leiter des Arbeitsausschusses Integrationsbegleitung bei der BIH

 

 

 

WEITERE INFORMATIONEN

Förderprogramme
Schule-Beruf

Mehrere Integrationsämter arbeiten mit erfolgreichen Modellen für den Übergang Förderschule-Beruf. In anderen Bundesländern werden andere konzeptionelle Ansätze gewählt. Zu den Modellen der Integrationsämter
gehören unter anderen "Aktion 1000" in Baden-Württemberg, "Schule trifft Arbeitswelt" (STAR) in Nordrhein-Westfalen, "Übergang Schule-Beruf" in Brandenburg und "Übergang Förderschule-Beruf" in Bayern.

Mehr unter: www.integrationsaemter.de/schule-beruf

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.