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Behinderung
&
Beruf

Brigitta Herrmann im Unterricht ZB 2/2009

Unvorstellbar!?

Blinde Berufsschullehrerin

Sie liebt ihren Beruf und lässt sich durch Widerstände nicht entmutigen: Die blinde Birgitta Herrmann unterrichtet an einer berufsbildenden Schule in Koblenz Biologie und Ernährungslehre.

„Tanzen Ihnen die Schüler nicht auf der Nase herum?“ Birgitta Herrmann kennt solche skeptischen Fragen nur zu gut. Seit sechs Jahren arbeitet die blinde Lehrerin, die ihr Studium in den USA mit dem Master of Science abschloss, an der Julius-Wegeler-Schule, einer berufsbildenden Schule in Koblenz. In diesem Schuljahr unterrichtet Birgitta Herrmann zwei elfte Klassen am beruflichen Gymnasium sowie angehende Sozialassistenten in der Berufsschule. Ihre Hauptfächer sind Biologie und Ernährungslehre. Bei Bedarf unterrichtet sie aber auch fachfremd, etwa Fachrechnen.

Fragen zur Behinderung erwünscht

„Wenn ich in eine neue Klasse komme, versuche ich den Schülern Berührungsängste zu nehmen, indem ich unverkrampft mit meiner Behinderung umgehe, ohne sie gleich zum Thema zu machen“, berichtet die 45-Jährige. Früher oder später – so ihre Erfahrung – stellen die Schüler von sich aus persönliche Fragen, zum Beispiel: „Frau Herrmann, wie machen Sie das, wenn sie Einkaufen gehen?“ Daraus entwickelt sich meist ein längeres Gespräch, in dem die blinde Lehrerin geduldig und offen über ihre Behinderung Auskunft gibt. „Es hilft, wenn man über sich selbst lachen kann“, weiß die temperamentvolle Pädagogin.

Der Unterricht unterscheidet sich nur wenig von dem ihrer sehenden Kollegen. Zu Beginn einer Unterrichtsstunde beispielsweise geht Birgitta Herrmann die Klassenliste durch und spricht kurz mit jedem Schüler, um so die Anwesenheit zu prüfen. Außerdem benutzt sie ein spezielles Notizgerät in Braille oder Punktschrift, mit dem sie zum Beispiel den Unterrichtsverlauf festhält. Will sich ein Schüler melden, klopft er auf den Tisch und sagt seinen Namen dazu. Wenn Klausuren geschrieben werden, nimmt die blinde Lehrerin eine Arbeitsassistentin zur Aufsicht der Klasse mit.

Arbeitsassistentin liest Klassenarbeiten vor

Ihr Computer am heimischen Arbeitsplatz ist mit Braillezeile und Sprachausgabe ausgestattet. So kann sie beispielsweise Ausarbeitungen, die Schüler per E-Mail senden, in Punktschrift lesen oder sich vom PC vorlesen lassen. Dennoch, ohne Arbeitsassistenz könnte Birgitta Herrmann ihren Beruf nicht ausüben. Sie braucht zum Beispiel jemanden, der Arbeitsblätter nach ihrer Vorgabe formatiert, Unterrichtsmaterialien in die Schule transportieren hilft oder die handgeschriebenen Klassenarbeiten vorliest. „Meine Arbeitsassistentinnen sind zum Glück sehr flexibel“, so die Lehrerin. Die Kosten für die Arbeitsassistenz übernimmt das Integrationsamt beim Landesamt für Jugend, Familie und Soziales Rheinland-Pfalz.

Entgegen vieler Vorurteile und trotz des Ratschlags, doch lieber in einer Förderschule für sehbehinderte Menschen zu unterrichten, beweist Birgitta Herrmann, dass sie ihrer Arbeit mehr als gewachsen ist.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.