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Behinderung
&
Beruf

Sabrina Haug an der Kasse

ZB 1/2006

Behinderte junge Menschen

Chancen durch betriebliche Praxis

Rein in die Betriebe – schon während der Schule und erst recht danach für eine Qualifizierung oder Ausbildung: Lassen sich so die Chancen behinderter junger Menschen auf dem Arbeitsmarkt verbessern? Vieles spricht dafür. Doch wie packt man es an?

Nach der Schule beginnt der „Ernst des Lebens“, heißt es. Ernst wird es tatsächlich, wenn junge Menschen keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz finden und der Zukunft mit Skepsis entgegensehen. Für behinderte Jugendliche ist die Situation doppelt schwierig: im Konkurrenzkampf um die wenigen Ausbildungs- und Arbeitsplätze sind sie durch ihre Behinderung benachteiligt. Doch anstatt in das allgemeine Jammern und Klagen miteinzustimmen, möchten wir den Blick auf die aktuellen positiven Entwicklungen lenken und auf die Chancen, die sich daraus ergeben.

Der Übergang behinderter junger Menschen von der Schule in den Arbeitsmarkt ist heute eines der dominierenden Themen, nicht nur in Fachkreisen. Und es tut sich was! Selten zuvor gab es so viel Bereitschaft, sich auf diesem Gebiet zu engagieren und mit anderen Akteuren zusammenzuarbeiten. Da sind zum einen die Betriebe zu nennen, die die Integration behinderter Jugendlicher zum Bestandteil ihrer Unternehmenspolitik machen. Zum anderen die Schulen und Ausbildungseinrichtungen, die mit Betrieben neue Modelle der Zusammenarbeit erproben. Nicht zu vergessen der Gesetzgeber, der mit neuen Fördermöglichkeiten und der Initiative „Jobs ohne Barrieren“ für mehr Ausbildung und Beschäftigung von behinderten jungen Menschen wirbt.

Der Übergang Schule-Beruf ist heute auch für die Integrationsämter ein wichtiges Handlungsfeld, auf dem sie sich zum Beispiel mit Modellprojekten besonders engagieren.

Wege in die Arbeitswelt

Die Bildungswege behinderter Menschen sind äußerst vielfältig. Ein Teil von ihnen besucht eine integrative Regelschule, viele andere durchlaufen Förderschulen: eine Schule für geistig behinderte, lernbehinderte, hörgeschädigte, blinde und sehbehinderte oder körperbehinderte Menschen. Auch ihr Einstieg in die Arbeitswelt kann ganz unterschiedlich aussehen. Ein Teil der behinderten Jugendlichen absolviert eine reguläre Berufsausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf. Andere sind dazu aufgrund ihrer Behinderung nicht in der Lage und absolvieren deshalb eine Berufsausbildung nach besonderen Ausbildungsregelungen für behinderte Menschen, zum Beispiel eine so genannte Werker-Ausbildung. Hier können behinderungsbedingte Einschränkungen zum Beispiel durch einen abgespeckten Theorieanteil oder eine verlängerte Ausbildungszeit berücksichtigt werden. Als Ausbildungsort spielen neben Betrieben auch außerbetriebliche Einrichtungen eine große Rolle, zum Beispiel die Berufsbildungswerke, die behinderten Menschen während der Ausbildung eine umfassende Betreuung bieten können.

Schätzungsweise ein Drittel der behinderten Jugendlichen ist nicht in der Lage, einen dieser Ausbildungswege zu absolvieren. Darunter gibt es jedoch nicht wenige, die mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten und bei entsprechender Qualifizierung durchaus für eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt geeignet sind. Für sie kommt zum Beispiel ein betrieblicher Förderlehrgang als berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme in Frage. Oder eine Helfertätigkeit in einem Betrieb, für die sie zum Beispiel mit Unterstützung eines Integrationsfachdienstes angelernt werden.

Im Fokus: Betriebspraxis

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit konnten im Ausbildungsjahr 2004/2005 genau 97 Prozent der behinderten Bewerber in eine Berufsausbildung vermittelt oder mit einem Alternativangebot versorgt werden. Eine gute Bilanz. Müssen wir angesichts dieser beeindruckenden Zahl nicht Entwarnung geben? Keineswegs, wie sich beim genaueren Hinsehen zeigt. Zum einen sind in der Statistik bei weitem nicht alle betroffenen Jugendlichen erfasst, zum Beispiel fehlen diejenigen, die nach der Schule direkt in eine Werkstatt für behinderte Menschen wechseln – im Jahr 2004 waren es 13.000. Zum anderen absolviert mindestens die Hälfte der in der Statistik erfassten behinderten Jugendlichen eine außerbetriebliche Ausbildung oder Qualifizierungsmaßnahme. Das Problem hierbei ist die mangelnde Betriebspraxis.

Betriebspraxis fördern

Wissenschaftliche Untersuchungen haben bestätigt: die Chancen behinderter junger Menschen auf eine Einstellung sind deutlich größer, wenn der Betrieb den Bewerber zuvor in einem Praktikum oder einer Probebeschäftigung kennen lernen konnte. Betriebspraxis ermöglicht behinderten jungen Menschen also nicht nur, Erfahrungen in der „realen“ Arbeitswelt zu sammeln. Sie haben vor allem die Gelegenheit, sich in Betrieben mit ihrer Persönlichkeit zu präsentieren und ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Aber wie lässt sich Betriebspraxis fördern? Dafür gibt es verschiedene Ansätze und Unterstützungsangebote.

Leistungen an Arbeitgeber

Um mehr betriebliche Ausbildungsplätze für behinderte Menschen zu schaffen, hat der Gesetzgeber in den vergangenen Jahren die Fördermöglichkeiten für Betriebe erweitert. So können Arbeitgeber heute vom Integrationsamt zusätzlich Prämien und Zuschüsse zu den Kosten der Berufsausbildung erhalten. Die Mehrfachanrechnung auf Pflichtarbeitsplätze wurde ausgeweitet auf Auszubildende aus Berufsbildungswerken während betrieblicher Ausbildungsabschnitte. Leider werden die neuen Leistungen bislang kaum abgerufen!

Verzahnte Ausbildung

Jugendliche, die in einer Einrichtung der beruflichen Rehabilitation – zum Beispiel in einem Berufsbildungswerk – ausgebildet werden, können Teile ihrer Ausbildung auch in einem Betrieb absolvieren. Diese „verzahnte“ Form der Ausbildung wird zurzeit im Rahmen des Modellprojektes V.A.M.B. – Verzahnte Ausbildung Metro Group mit den Berufsbildungswerken – erprobt.

Kontakte: Schule und Betrieb

Es ist Aufgabe der Schulen, ihre Schüler auf die Arbeitswelt vorzubereiten, zum einen im Rahmen der Berufsorientierung, zum anderen durch die Vermittlung von Kulturtechniken und Schlüsselqualifikationen. Konkrete Rückmeldungen aus Betrieben, zum Beispiel nach Praktika, können hier wichtige Anhaltspunkte liefern.

Praktikum und Probebeschäftigung

Praktika und Probebeschäftigungen erlauben Betrieben, einen behinderten jungen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen „unverbindlich“ kennen zu lernen. Und auf diese Weise auch geeignete Kandidaten für Ausbildungsplätze auszuwählen. Es ist deshalb sehr zu wünschen, dass in Zukunft noch mehr Praktika und Probebeschäftigungen in Betrieben angeboten werden.

Integrationsfachdienste

Sie vermitteln geeignete schwerbehinderte Bewerber für eine Ausbildung oder Beschäftigung in einem Betrieb. Zum Angebot der Integrationsfachdienste gehören insbesondere die Einarbeitung und psychosoziale Begleitung des behinderten Menschen sowie die Beratung des Arbeitgebers, zum Beispiel über den Umgang mit behinderten Menschen, aber auch die Informationen über mögliche Förderleistungen.

Was zählt, ist der Mensch

Leider gibt es unter Arbeitgebern immer noch viele Vorurteile und falsche Vorstellungen über behinderte Menschen. Dagegen hilft nur eines: sich kennen lernen – von Mensch zu Mensch. Wenn der Funke überspringt, treten die anfänglichen Bedenken meist schnell in den Hintergrund. Dann gibt es für fast alles eine Lösung. Probieren Sie es doch einfach aus! Denn nichts ist so überzeugend wie die eigene Erfahrung.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.