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Behinderung
&
Beruf

ZB 4-2018

Der Behindertenbeauftragte

"Demokratie braucht Inklusion"

Jürgen Dusel weiß, wovon er spricht. Er hat viele Jahre ein Integrationsamt geleitet und kennt die Praxis. Seit Mai ist er Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Warum für ihn Inklusion so wichtig ist und welche politischen Ziele er hat, haben wir ihn  gefragt.

Jürgen Dusel, (c) Henning Schacht
(c) Henning Schacht
Sie haben Ihre Amtszeit unter das Motto gestellt "Demokratie braucht Inklusion". Warum ist Inklusion für unsere Demokratie so wichtig?

Jürgen Dusel Demokratie und Inklusion sind für mich zwei Seiten derselben Medaille. Denn was definiert eine gute Demokratie? Dass alle Menschen gleichermaßen teilhaben und mitentscheiden können. Und das schließt selbstverständlich Menschen mit Behinderungen ein. Dabei geht es also nicht nur darum, sozial abgesichert zu sein. Dabei geht es um politische Partizipation, um gleichberechtigte Teilhabe am kulturellen Leben, oftmals um scheinbar ganz banale Dinge wie den barrierefreien Zugang zu Arztpraxen. Für die meisten von uns selbstverständlich, für viele Menschen mit Behinderungen ein großes Problem.

Die Teilhabe am Arbeitsleben ist ein wichtiger Schlüssel zur Inklusion. Wo setzen Sie in diesem Bereich die Schwerpunkte Ihrer Tätigkeit?

Dusel Ich habe in Brandenburg sieben Jahre lang ein Integrationsamt geleitet, daher ist mir das Thema natürlich sehr vertraut. Auch wenn Menschen mit Behinderungen ebenso vom Aufschwung am Arbeitsmarkt profitieren können, ist die Arbeitslosenquote immer noch höher als bei Menschen ohne Behinderung. Auch die Dauer der Arbeitslosigkeit ist länger. Das ist gerade in Zeiten des Fachkräftemangels nicht  nachvollziehbar. Deswegen möchte ich dafür sensibilisieren, dass Arbeit nicht nur ein Menschenrecht ist und wir alles tun müssen, auch Menschen mit Behinderungen alle Möglichkeiten zu geben, die sie brauchen. Auch aus volkswirtschaftlicher Perspektive müssen wir alle Potenziale nutzen. Ganz zu Beginn steht dabei eine Bewusstseinsveränderung in den Köpfen von Personalverantwortlichen. Viele Vorurteile halten sich hartnäckig: zum Beispiel, dass Menschen mit Behinderungen weniger leistungsfähig seien. Jeden Tag jedoch machen in Deutschland Hunderttausende Menschen mit Behinderungen einen guten Job. Insbesondere bei Akademikern mit Behinderungen sind diese Vorurteile schwer zu verstehen. Wer seinen Weg durch die Universität gebahnt und einen Abschluss gemacht hat, dem ist seine Leistungsfähigkeit wohl schwer abzusprechen. Menschen mit Behinderungen seien unkündbar, ist eine weitere häufige Befürchtung. Viele dieser und ähnlicher Vorurteile können entkräftet werden. Und da will ich ansetzen.

ALLE POTENZIALE NUTZEN

41.000 beschäftigungspflichtige Arbeitgeber in Deutschland beschäftigen keinen einzigen schwerbehinderten Menschen. Zeigt die Antriebsfunktion der Ausgleichsabgabe angesichts dieser Situation genügend Wirkung?

Dusel Wir müssen uns die Gründe natürlich genau anschauen, wenn Unternehmen dieser gesetzlichen Verpflichtung nicht nachkommen. Bei den Unternehmen, die wirklich keinen einzigen Menschen mit Behinderung einstellen, muss aus meiner Sicht als Ultima Ratio auch eine deutliche Erhöhung der Ausgleichsabgabe in Betracht gezogen werden. Das ist immerhin ein Viertel aller beschäftigungspflichtigen Arbeitgeber, dieser Zustand ist so nicht akzeptabel.

Mit der Teilhabe am Arbeitsleben eng verknüpft ist die Barrierefreiheit. Wie sieht es damit in Betrieben und Dienststellen aus? Welchen Handlungsbedarf sehen Sie?

Dusel Im öffentlichen Dienst sind die Bedingungen in den meisten Fällen schon recht gut, besonders da, wo es starke Schwerbehindertenvertretungen und Personalräte gibt. Aber auch hier wird wie im privaten Bereich Barrierefreiheit viel zu häufig noch als Barrierefreiheit im baulichen Sinne interpretiert. Es gibt jedoch viele Einschränkungen,  Sehbehinderungen, Hörbehinderungen, starke motorische Einschränkungen bis hin zu Menschen, die nahezu bewegungsunfähig sind. Darauf muss ein noch viel stärkeres Augenmerk gelegt werden und da sollte der öffentliche Dienst auch eine Vorbildfunktion einnehmen. Wichtig ist jedoch auch, dass gerade kleine und mittlere Unternehmen durch die Integrationsämter gut beraten und unbürokratisch unterstützt werden.

Sehen Sie die Digitalisierung unserer Wirtschaft und Gesellschaft als Chance oder Risiko für die Teilhabe am Arbeitsleben an?

Dusel Wir sehen ja jetzt bereits, wie sehr die Arbeitswelt vor dem Hintergrund der Digitalisierung – Stichwort Arbeiten 4.0. – in Bewegung ist. Die Digitalisierung bietet aus meiner Sicht große Chancen auch für Menschen mit Behinderungen, wenn wir die Rahmenbedingungen richtig gestalten. Zum Beispiel die Möglichkeit, ortsunabhängig und flexibler zu arbeiten, kann gerade für Menschen mit Behinderungen eine große Erleichterung sein. Auch innovative Hard- und Software-Lösungen bieten große Chancen. Dabei dürfen wir aber natürlich nicht die möglichen Risiken der neuen Arbeitswelt außer Acht lassen, zum Beispiel psychische Belastungen durch Arbeitsverdichtung und höheren Druck. Deswegen ist es ganz besonders wichtig, dass vor allem die Unternehmen und auch die Betriebsärzte in den Unternehmen angesichts der Entwicklungen immer auf der Höhe der Zeit bleiben und dies in ihre Präventionsstrategien einbeziehen. Sowohl im Hinblick auf unterstützende technologische Entwicklungen als auch auf mögliche körperliche und psychische Belastungen. Auch diejenigen Beschäftigten, die keine unmittelbare Anbindung im Betrieb mehr haben, dürfen nicht aus dem Blick verloren werden.

DIGITALISIERUNG BIETET CHANCEN

Der Gesetzgeber hat im Sozialgesetzbuch IX einiges getan, um die Zusammenarbeit der gesetzlichen Leistungsträger zu verbessern. Kann man mit dem Erreichten schon zufrieden sein?

Dusel Durch das Bundesteilhabegesetz (BTHG) wird die Zusammenarbeit der Rehabilitationsträger straffer geregelt, sodass Leistungen "wie aus einer Hand" möglich werden. Für Menschen mit Behinderungen bedeutet das, dass ab 2018 nur noch ein Reha-Antrag gestellt werden muss, um alle erforderlichen Leistungen von den verschiedenen Rehabilitationsträgern zu erhalten. Das ist ein hohes Ziel in einem gegliederten Sozialsystem. Denn das jetzt eingeführte trägerübergreifende Teilhabeplanverfahren, das die Schnittstellen im System reduzieren soll, gilt für alle Rehabilitationsträger ohne Ausnahme. Zudem werden jetzt mit Zustimmung der Leistungsberechtigten Fallkonferenzen durchgeführt, auf denen der individuelle Unterstützungsbedarf der Antragstellenden beraten wird. Das stärkt die Partizipation der Betroffenen deutlich. Und noch eins ist mir in diesem Zusammenhang wichtig: Die Anforderungen an Rehabilitation und Teilhabe unterliegen ja ständigen Veränderungen. Deshalb sollte die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) als Zusammenschluss von Trägern der Rehabilitation die trägerübergreifende Zusammenarbeit stärken und ein sinnvolles Ineinandergreifen ihrer Leistungen für eine umfassende Rehabilitation und Teilhabe sichern. Wenn dies alles wie geplant umgesetzt wird, ist tatsächlich viel erreicht.

LEISTUNGEN WIE AUS EINER HAND

Sie haben selbst viele Jahre ein Integrationsamt geleitet und kennen die betriebliche Praxis. Was erwarten Sie von den Integrationsämtern heute?

Dusel Aus meiner langjährigen Arbeit kenne ich die zahlreichen Aufgaben der Integrationsämter, die nicht weniger, sondern durch das BTHG noch mehr geworden sind. Ich denke beispielsweise an die Unterstützung durch  Begleitende Hilfen beim Budget für Arbeit oder die Änderungen im Bereich des Schwerbehindertenvertretungsrechtes, das vermutlich eine erhöhte Schulungsnachfrage nach sich ziehen wird. Aber auch der digitale Wandel wird Einfluss auf die künftige Arbeit der Integrationsämter haben. Die Integrationsämter müssen auch weiterhin verlässliche Partner für Arbeitgeber und schwerbehinderte Arbeitnehmer sein. Wichtig ist dabei auch eine gute Vernetzung mit der Bundesagentur für Arbeit. Dass die Integrationsämter jedoch bereits schon jetzt gute Arbeit leisten, beweisen mehr als 1,2 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit einer Schwerbehinderung und der richtigen Unterstützung am Arbeitsplatz.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Jürgen Dusel

Der 1965 in Würzburg geborene Jurist war zuletzt neun Jahre lang Landesbehindertenbeauftragter in Brandenburg. Zuvor leitete der 53-Jährige sieben Jahre das Integrationsamt beim brandenburgischen Landesamt für Versorgung und Soziales in Cottbus. Jürgen Dusel, der von Geburt an stark sehbehindert ist, gehörte sechs Jahre lang dem BIH-Vorstand an und war Mitglied im Beirat der Zeitschrift ZB Behinderung & Beruf.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.