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ZB 4/2012

Unvorstellbar!?

Der Klavierflüsterer

Auf der Bühne singen, Klavier spielen – das scheint für Arno Stocker als Kind unerreichbar zu sein. Denn er ist Spastiker, kann kaum sprechen und schlecht sehen. Heute ist der 56-Jährige ein international renommierter Klavierstimmer und Klavierrestaurator.

Arno Stocker wä Arno Stocker mit Stimmschlüssel, (c.) privat
Arno Stocker mit Stimmschlüssel, (c.) privat
chst in einer hessischen Kleinstadt auf. Seine Eltern geben ihn zeitweise in ein „Behindertenheim”. Er fühlt ihre Ablehnung, ist viel alleine. Ein Plattenspieler vertreibt ihm die Zeit. Sein Großvater, der ihn fördert und für die Musik begeistert, schenkt ihm eines Tages eine Platte von Enrico Caruso. Hunderte Male habe er sie angehört, erzählt Arno Stocker, und auf diese Weise sprechen gelernt: „Caruso war mein erster Sprach- und Musiktherapeut.“ Eine ältere Lehrerin erkennt die musikalische Begabung des Jungen und bringt ihm das Klavierspielen bei: Ein halbes Jahr lang legt sie ihm Tag für Tag die spastisch verkrampften Hände auf die Tasten, bis die Finger entspannen und er immer besser spielen lernt.

Gefördert von Maria Callas Als Sechsjähriger begleitet Arno Stocker seinen Großvater zu einem Konzert von Maria Callas. Weil sie kein Geld haben, warten sie am Bühneneingang. Die Operndiva wird auf den behinderten Jungen aufmerksam. Es ist der Beginn einer jahrelangen Brieffreundschaft. Als Arno Stocker 16 Jahre alt ist, lädt ihn die weltberühmte griechische Sopranistin als Gasthörer zu ihren Meisterkursen am Musikkonservatorium in New York ein. Später wird er selbst als Opernsänger arbeiten. Noch heute bildet er im Gesang aus. Aber seine größte Leidenschaft sind nach wie vor Klaviere.

Gearbeitet mit berühmten Pianisten Eine Klavierbauer-Lehre bei Grotrian- Steinweg muss er 1973 abbrechen. Die IHK Braunschweig hebt das Ausbildungsverhältnis mit der Begründung auf, dass die Arbeitssicherheitsmaßnahmen in dem Betrieb für einen behinderten Menschen nicht ausreichend seien. Sein Handwerk als Klavierstimmer und Klavierbauer lernt er dann anderswo, in verschiedenen Klavierfabriken und Musikhäusern. Im Lauf seines Berufslebens hat er für berühmte Pianisten wie Vladimir Horowitz den Konzertflügel gestimmt. Irgendwann macht sich Arno Stocker selbstständig. Doch Schulden wachsen ihm über den Kopf. Er muss sogar wegen Konkursverschleppung ins Gefängnis. Trotz dieses Rückschlags gibt er nicht auf, bringt sein Leben wieder in Ordnung.

Ein abenteu erliches Leben Wenn er                                                       ein Instrument stimmt, will er es Arno Stocker mit Frau Karin, (c) privat
(c) privat
nicht bloß gebrauchsfertig machen, sondern seine Seele zum Klingen bringen, sagt Arno Stocker. So, wie die Musik auch seine Seele berührt hat: „Ich gehöre zu den glücklichen Spastikern, die entspannen können.“ Seine Behinderung sieht man ihm nur noch beim Gehen an. Heute baut und restauriert Arno Stocker mit seiner Frau Karin am Chiemsee Klaviere. Vor drei Jahren hat er sich einen Lebenstraum erfüllt und seinen ersten selbst gebauten Flügel vorgestellt. Alle Höhen und Tiefen dieses abenteuerlichen Lebens sind in seiner Autobiografie „Der Klavierflüsterer“ aufgeschrieben. Eine spannende Geschichte.

 

 

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