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ZB 1-2015

Behindertenbeauftragte

"Die größten Hürden sind die im Kopf“

Mit Verena Bentele hat Deutschland erstmals eine Behindertenbeauftragte, die als Blinde selbst betroffen ist. Ihre politischen Ziele und ihre Erfahrungen nach einem Jahr Amtszeit.

Verena Bentele im Gespräch mit der ZB, (c) Jan Röhl
Verena Bentele ist Deutschlands erste Behindertenbeauftragte, die als Blinde selbst betroffen ist, (c) Jan Röhl
Frau Bentele, was sind Ihre ersten Erfahrungen im Politikbetrieb?

Verena Bentele Genau wie im Sport brauche ich in der Politik einen langen Atem, um meine Vorstellungen umsetzen zu können. Die vier Jahre Legislatur können fast als olympischer oder paralympischer Zyklus bezeichnet werden. Allerdings sind im Politikbetrieb die Ziele und auch die Wege dorthin nicht immer so eindeutig wie im Sport. Vieles im politischen Alltag besteht aus Ausgleich und Kompromissen. Es gibt viele Zwischentöne, Ziele können sich ändern. Am Ende kann man nicht immer eindeutig sagen, dass man gewonnen oder verloren hat. Es ist schön, an einer Stelle zu sein, an der ich etwas bewegen kann.

Welche Ziele haben Sie sich für Ihre Amtszeit gesetzt?

Bentele Zunächst nehme ich mir vor, dass wir bis zum Ende meiner Amtszeit mit der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention ein großes Stück weiter kommen. Dazu gehört auch der Bereich Arbeit. Auch wenn Deutschland mit der Ratifizierung der Konvention "das gleiche Recht von Menschen mit Behinderung auf Arbeit" und "die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen", anerkennt, sind wir noch weit entfernt von einem selbstverständlichen Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung am Arbeitsplatz. Insgesamt sinken die Arbeitslosenzahlen, Menschen mit Behinderung können von diesem positiven Trend jedoch nicht profitieren. Hier müssen wir die Arbeitgeber stärker in die Pflicht nehmen. Ein wichtiges Anliegen ist mir auch die Barrierefreiheit: Zum Beispiel muss in Deutschland jede Behörde barrierefrei zugänglich sein. Ebenso muss eine barrierefreie Kommunikation zwischen Bürgerinnen und Bürgern und den Behörden gewährleistet sein. Darüber hinaus ist mir wichtig, dass an der Bundestagswahl 2017 alle Menschen teilnehmen können, auch die, die in allen Angelegenheiten einen gerichtlich bestellten Betreuer haben.


FLEXIBILITÄT IST WICHTIG

Eines Ihrer Hauptthemen sind die Chancen behinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation? Wo gibt es Handlungsbedarf?

Bentele Wie so häufig sind die größten Hürden noch immer die im Kopf. Viele Personalverantwortliche haben Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderungen. Da geht es um den Kündigungsschutz, den längeren Urlaubsanspruch oder auch um die Befürchtung, sich jemanden in die Firma zu holen, der oder die nicht belastbar ist. Oder es gibt schlichtweg Berührungsängste. Der größte Handlungsbedarf liegt meiner Ansicht nach deswegen darin, diesen Hebel im Kopf umzulegen, Vorurteile abzubauen und sich vom Gegenteil zu überzeugen. Es geht dabei nicht nur um eine soziale Verpflichtung oder um die Frage, wie wir in unserer Gesellschaft zusammen leben wollen, ob wir Inklusion ernsthaft betreiben wollen. Meiner Ansicht nach ist es eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit, alle Potenziale zu nutzen, besonders in Zeiten des vielbeschworenen Fachkräftemangels. Auch Menschen mit Behinderung sind selbstverständlich leistungsfähig – sie werden genauso gebraucht wie andere Arbeitnehmer auch. Es ist gesellschaftlich und volkswirtschaftlich unverantwortlich, dieses Potenzial nicht zu nutzen.

Wie kann die Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben nachhaltig verbessert werden?

Bentele Ein wichtiges Stichwort ist natürlich Barrierefreiheit: Viele Arbeitgeber befürchten, dass sie bei der Einstellung von Menschen mit Behinderung alles umbauen müssen – und dass sie dann auf den Kosten sitzenbleiben. Häufig geht es ja aber nur um Kleinigkeiten, die die Teilhabechancen verbessern können. Ein Beispiel: Flexibilität bei "betriebsunüblichen Ruhezeiten", die vielleicht ein Diabetiker braucht. Natürlich sollte im Idealfall ein Mindestmaß an Barrierefreiheit baulich berücksichtigt sein. Ausreichend große Fahrstühle oder Toiletten, Leitsysteme für Blinde oder Menschen mit Sehbehinderungen. Die Ausstattung des einzelnen Arbeitsplatzes kann dann aber nur individuell erfolgen. Am allerwichtigsten ist die Unternehmenskultur: Dass der oder die Einzelne das Gefühl hat, dass Wert auf seine oder ihre Arbeitskraft und Expertise gelegt wird. Und dass der Arbeitgeber darin gerne und selbstverständlich investiert.

Wie wollen Sie dazu beitragen? Welchen Einfluss hat die Behindertenbeauftragte?

Bentele Meine Möglichkeiten liegen hauptsächlich im Bereich der Bewusstseinsbildung, denn viele Dinge sind bereits gesetzlich geregelt – werden aber für die Menschen, die es betrifft, nur unzureichend umgesetzt. Ein ganz wichtiger Punkt sind für mich dabei die Bürgeranfragen, die mich jeden Tag zahlreich erreichen. Durch sie bekomme ich tiefe Einblicke in die Alltagsprobleme vieler Menschen, auf die ich beispielsweise Behörden aufmerksam mache. Ich knüpfe aber auch Kontakte zu Personalverantwortlichen in Unternehmen, um zu erfahren, wo aus ihrer Sicht Hürden bei der Eingliederung von Menschen mit Behinderungen bestehen.


LÖSUNGEN SUCHEN

Was erwarten Sie von Ihren Partnern – insbesondere von der Politik, aber auch von den Integrationsämtern, den Arbeitgebern, der Schwerbehindertenvertretung und den Betroffenen? Und was können wir von Ihnen erwarten?

Bentele Letztendlich geht es doch darum, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber rasch und zielsicher zusammenfinden, das sollte für alle Beteiligten immer im Zentrum stehen. Von beiden Seiten ist also der Blick für die Bedürfnisse des jeweils anderen gefordert. Von den Arbeitgebern erwarte ich deswegen ein Umdenken. Gleichzeitig ist es für sie aber wichtig, kompetente Ansprechpartner bei den Leistungsträgern und beim Integrationsamt zu haben, die auch die Bedürfnisse der Unternehmen im Blick haben. Also zügige Information und Bearbeitung, und vor allen Dingen Vernetzung und Koordinierung untereinander. Die aktuelle Praxis zeigt immer wieder, dass bürokratische Hürden viel zu hoch sind und Ermessensspielräume häufig nicht ausgeschöpft werden. Ich stehe dazu mit allen Beteiligten im Gespräch und horche immer wieder nach, wo genau die Hürden sind – um dann gemeinsam nach Lösungen zu suchen.


WEITERE INFORMATIONEN

Verena Bentele im Gespräch mit der ZB, (c) Jan Röhl
Verena Bentele, (c) Jan Röhl
Verena Bentele

Verena Bentele, geboren 1982 in Lindau am Bodensee, ist seit Januar 2014 Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Die bislang erfolgreichste deutsche Behindertensportlerin gewann als Biathletin und Langläuferin zwölf paralympische Goldmedaillen und viermal WM-Gold. Ende 2011 beendete die blinde Ausnahmeathletin ihre sportliche Karriere. Nach ihrem Studium (Neuere Deutsche Literatur, Sprachwissenschaften und Pädagogik) arbeitete sie als freiberufliche Referentin und Coach im Bereich Personaltraining und -entwicklung. 2012 trat sie der SPD bei.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.