Symbol Gebärdensprache Symbol Leichte Sprache

Behinderung
&
Beruf

ZB 3-2014

Technische Hilfen

Ein Motor für die Inklusion

Menschen mit Behinderungen profitieren vom technischen Fortschritt in ganz besonderer Weise. Wie moderne technische Hilfen die Inklusion vorantreiben.

Lena Kredel bedient einen Roboter-Assistenten, (c)Jochen Stoss
Lena Kredel steuert einen Roboter-Assistenten mittels Kinn-Joystick, (c)Jochen Stoss
Das regelmäßige kurze Piepsen wird plötzlich durch einen langgezogenen Ton unterbrochen: Das Signal warnt den Mitarbeiter, der gerade eine Schraube an der falschen Stelle ansetzt. Schnell kann dieser den Fehler beheben. So funktioniert – in einfachen Worten – ein neuartiges Assistenzsystem der Firma Sarissa aus dem baden-württembergischen Weingarten. Das "Local Positioning System" (LPS) dient der Qualitätssicherung in der industriellen Fertigung und nutzt dafür moderne Ultraschall- Technologie. Das LPS besteht aus drei Elementen: einem Computer, auf dessen Bildschirm die Arbeitsschritte und deren Reihenfolge angezeigt werden. Dazu kommt ein spezielles Armband am Handgelenk des Mitarbeiters, das gesundheitlich unbedenklichen Ultraschall sendet. Und schließlich eine Box, welche diese Signale empfängt und verarbeitet. Mit diesem System lässt sich eine Handbewegung exakt lokalisieren und feststellen, ob ein Arbeitsschritt richtig oder falsch ausgeführt wird. Das
2012 mit einem Innovationspreis ausgezeichnete technische Assistenzsystem wurde nicht speziell für behinderte Menschen entwickelt. Doch man erkennt schnell den potenziellen Nutzen für Beschäftigte mit Lernschwierigkeiten oder motorischen Einschränkungen. Aus diesem Grund bewirbt die Firma ihr Produkt auch in Werkstätten für behinderte Menschen, die vielfach in Fertigungsprozesse der Automobilindustrie eingebunden sind.

Technische Assistenzsysteme
Der Begriff technische Assistenzsysteme stammt aus dem Forschungsbereich des "Ambient Assisted Living". Hier geht es um die Frage, wie ältere Menschen unterstützt durch Technik möglichst lange und ohne fremde Hilfe in den eigenen vier Wänden leben können. In den letzten Jahren stehen zunehmend auch Menschen mit Behinderung und die Arbeitswelt im Fokus. Wenn Technik, die das Leben und Arbeiten erleichtert, ohne weitere Anpassung oder Spezialisierung verwendet werden kann, dann ist nach der Definition der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) das zentrale Kriterium für Universelles Design erfüllt.

Zu technischen Assistenzsystemen im weitesten Sinne gehören auch die inzwischen gebräuchlichen Smartphones und Tablet-Computer. Ihren durchschlagenden Erfolg bei Menschen mit Behinderung verdanken sie der integrierten "Hilfssoftware". Blinde und sehbehinderte Menschen nutzen beispielsweise die oft standardmäßig vorhandene Sprachausgabeund Bildschirmvergrößerung.Spezielle Anwendungssoftware für Mobilgeräte, sogenannte Apps, bieten eine Vielzahl zusätzlicher Funktionen – und das nicht selten kostenlos. Damitlässt sich ein Handy zum Beispiel als Scanner oder einfaches Hörgerät verwenden. Auch die Übersetzung einer Tonaufnahme in Gebärdensprache ist kein Problem. Mittlerweile ersetzen mobile Geräte eine ganze Palette an teuren Hilfsmitteln für behinderte Menschen.

Dynamische Entwicklung
Wir stehen erst am Anfang einer dynamischen technischen Entwicklung, von der sich auch die UN-BRK wichtige Impulse für die Umsetzung der Inklusion verspricht. Mit Unterzeichnung der UNBRK hat sich die Bundesrepublik verpflichtet, die Forschung und Entwicklung neuer Technologien für behinderte Menschen zu fördern und die Verbreitung von Universellem Design zu unterstützen (Artikel 4 UN-BRK).

In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben der Einsatz von ergonomisch gestalteten Arbeitsmitteln, die Nutzung von Computern und die Automatisierung von Arbeitsschritten die Beschäftigten von schwerer körperlicher Arbeit entlastet und neue Informations- und Kommunikationswege erschlossen. Dadurch entstanden auch neue Berufsfelder für Menschen mit Behinderungen. So bietet die IT-Branche heute Arbeitsplätze für blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen, etwa als Fachinformatiker, IT-Kaufmann oder Webdesigner. Moderne Hilfsmittel und technische Arbeitshilfen versetzen selbst Menschen mit sehr schweren körperlichen Einschränkungen in die Lage, berufstätig zu sein.

Alle profitieren
Die Technischen Berater der Integrationsämter unterstützen schwerbehinderte Menschen und ihre Arbeitgeber, moderne Technik einzusetzen. Von den Lösungen profitieren auch alle anderen. So wie im Fall eines an Multipler Sklerose erkrankten Bauleiters, der die Baustellen nicht mehr zu Fuß besichtigen konnte. "Als Alternative zum Rollstuhl schlugen wir einen elektronischen Stehroller, einen sogenannten Segway, vor", berichtet Carsten Brausch vom Technischen Beratungsdienst des LVR-Integrationsamtes in Köln. Denn dieser macht nicht nur mobil, sondern vermittelt auch Normalität.

ZB Online

Alle Ausgaben
Aktuelle Ausgabe
2019 2018 2017 2016
2015 2014 2013 2012
2011 2010 2009 2008
2007 2006 2005

Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.