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Behinderung
&
Beruf

Innenstadt Wiesbaden ZB 4 / 2008

Stadt Wiesbaden

Ein Sprungbrett für den Arbeitsmarkt

Was kann eine Stadt oder Kommune tun, um schwerbehinderten Menschen den Weg in den Arbeitsmarkt zu ebnen? In Wiesbaden setzt man auf Beschäftigungsprojekte, die auch in der Öffentlichkeit auf positive Resonanz stoßen.

Eine Grünanlage in der Nähe des Wiesbadener Hauptbahnhofs: Zwölf Männer in grünen Arbeitshosen und weißen T-Shirts mit der Aufschrift „Greenteam“ sind im Einsatz. Sie beseitigen Unkraut, bewässern Blumenbeete, schneiden die Hecken und sammeln den Müll ein, den jemand achtlos in die Büsche geworfen hat. „Hin und wieder bedanken sich Bürger bei uns, die sich darüber freuen, dass es hier neuerdings so gepflegt und sauber aussieht“, berichtet Dennis Guckeisen. Der 27-Jährige ist Mitarbeiter im Greenteam, einem seit März 2007 laufenden Projekt der Stadt Wiesbaden in Zusammenarbeit mit der Integrationsfirma DBS gGmbH zur Förderung von arbeitslosen schwerbehinderten Menschen. Das Greenteam übernimmt im Auftrag des Grünflächenamtes zusätzliche Aufgaben bei der Pflege von öffentlichen Plätzen und Grünanlagen in der hessischen Landeshauptstadt.

Zwei Jahre Arbeit ...

„Das Projekt ist als Sprungbrett gedacht, das den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern soll“, so Beate Betz, Mitarbeiterin im Amt für Wirtschaft und Liegenschaften bei der Stadt Wiesbaden und Leiterin des Projektes. Unterstützt werden Menschen, die wegen ihrer Behinderung und oftmals wegen zusätzlicher Vermittlungshemmnisse, wie langjähriger Arbeitslosigkeit oder psychosozialer Probleme, nur schwer vermittelbar sind. Die Teilnehmer des Projektes erhalten für zwei Jahre eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung bei der DBS gGmbH. In dieser Zeit können sie berufliche Erfahrungen sammeln, sich weiter qualifizieren und sich um einen geeigneten dauerhaften Arbeitsplatz bewerben. Die Integrationsfirma DBS in Wiesbaden, die seit einigen Jahren die frühere Stadtgärtnerei betreibt, übernahm im Auftrag der Stadt die praktische Durchführung des Projektes. Zum Beispiel organisiert sie in enger Absprache mit dem Grünflächenamt die tägliche Arbeit des Greenteams. Ein weiterer wichtiger Partner ist der im Auftrag des Integrationsamtes tätige Integrationsfachdienst Vermittlung Wiesbaden-Rheingau-Taunus, der die schwerbehinderten Mitarbeiter betreut und sie bei der Suche nach einem Arbeitsplatz außerhalb des Projektes unterstützt.

... und gezielte Qualifizierung ...

Dennis Guckeisen hat über den Integrationsfachdienst von dem Projekt erfahren und sich beworben. Nach einem psychischen Zusammenbruch vor zwei Jahren konnte der Wiesbadener, der auch Schwierigkeiten mit dem Lernen hat, seine Ausbildung zum Gärtner, Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau, nicht beenden und wurde arbeitslos. Dank seiner beruflichen Vorkenntnisse und seiner selbstständigen und verantwortungsbewussten Arbeitsweise stieg der ehrgeizige junge Mann schon nach kurzer Zeit zum stellvertretenden Vorarbeiter im Greenteam auf. Inzwischen hat er bereits mehrere externe Lehrgänge absolviert, zum Beispiel einen Gehölzschnittkurs und ein Fahrtraining für Baufahrzeuge. Sein größtes Ziel ist es jedoch, im nächsten Jahr die Abschlussprüfung nachzuholen und in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis zu wechseln.

... in Ämtern und Einrichtungen ...

Während im Greenteam die behinderten Mitarbeiter weitgehend unter sich arbeiten, sind die Teilnehmer des Projektes „Neue Wege in den Beruf“, das am 1. Juni 2007 begonnen hat, auf Arbeitsplätze in verschiedenen Ämtern und städtischen Einrichtungen verteilt, zum Beispiel in Ortsverwaltungen, im Gesundheitsamt, im Standesamt oder in der Küche einer Kindertagesstätte. Insgesamt 30 schwerbehinderte Menschen erhalten dort eine auf zwei Jahre befristete Beschäftigung. „Im Vorfeld haben wir kräftig die Werbetrommel gerührt, um Einsatzmöglichkeiten für die Teilnehmer zu finden“, erzählt Beate Betz. Das Argument, eine zusätzliche „kostenlose“ Arbeitskraft zu erhalten, hat viele Abteilungsleiter in den Ämtern und Einrichtungen überzeugt. Denn alle Kosten, wie Löhne oder Qualifizierungsmaßnahmen für die Teilnehmer, werden aus dem Projektbudget finanziert. Für die Projekte „Neue Wege in den Beruf“ und „Greenteam“ stellt die Stadt insgesamt rund 2,25 Millionen Euro zur Verfügung.

... mit persönlicher Unterstützung ...

Von diesem Engagement profitiert auch Alexandra Willigsecker. Die 26-Jährige, die aufgrund einer Muskeldystrophie im Rollstuhl sitzt, war nach der Ausbildung zur Bürokauffrau erst einmal arbeitslos. Seit gut eineinhalb Jahren sammelt sie im Projekt „Neue Wege in den Beruf“ Praxiserfahrung bei den Entsorgungsbetrieben in Wiesbaden. „Unser Bereich – der Entwässerungsbetrieb – ist zum Beispiel für die Wartung des Kanalsystems der Stadt zuständig“, erklärt Alexandra Willigsecker. Die Kolleginnen und Kollegen sind froh über ihre Unterstützung, zum Beispiel, wenn Sie das Telefon eines Mitarbeiters während eines Außeneinsatzes übernimmt oder für die Meister Listen am PC erfasst, die die Einsätze der Arbeitskolonnen dokumentieren. „Mit den Leuten hier verstehe ich mich super!“ Auch über mangelnde Hilfsbereitschaft kann sich Alexandra Willigsecker nicht beklagen. Als ihr Arbeitsplatz eingerichtet wurde, haben ihre Kollegen selber eine spezielle Türklinke konstruiert und eingebaut, die sie vom Rollstuhl aus leichter fassen kann.

Einmal im Monat treffen sich die Teilnehmer der beiden Projekte beim Integrationsfachdienst. Bei diesen Gruppentreffen können die Betroffenen Erfahrungen austauschen und Fragen klären. „Wir bieten auch Bewerbungstraining an und arbeiten bei Bedarf mit den Teilnehmern an ihrem Verhalten, um Schlüsselqualifikationen, wie Pünktlichkeit und Kritikfähigkeit, zu verbessern“, so Ulrich-Peter Wolf vom Integrationsfachdienst. Er und die anderen Berater besuchen die Teilnehmer regelmäßig in den Betrieben. „Manche Chefs haben zum Beispiel Schwierigkeiten damit, behinderte Mitarbeiter zu kritisieren.“ Er ermutigt die Vorgesetzten, ihre Leistungsansprüche auch bei den behinderten Mitarbeitern geltend zu machen. „Nur so können die Teilnehmer sich unter realistischen Bedingungen bewähren!“

... für das Ziel „dauerhafte Beschäftigung“

Inzwischen haben bereits sechs Teilnehmer aus den beiden Projekten einen unbefristeten Arbeitsplatz gefunden. Vier davon bei der Stadt. Die Projektleiterin von „Neue Wege in den Beruf“, Bärbel Simon, kennt alle Teilnehmer persönlich. „Das gehört zur Philosophie unserer Projekte.“ Sie hält alle Fäden in der Hand und den Kontakt zu allen Beteiligten. Eine wichtige Aufgabe beim Aufbau der Projekte bestand in der Tat darin, die verschiedenen Partner in das Projekt einzubeziehen, zum Beispiel auch die Schwerbehindertenvertretung und den Personalrat der Stadt. Fachliche Beratung für ihr Vorhaben erhielt die Stadt vom Integrationsamt beim Landeswohlfahrtsverband in Hessen. „Wir wollen dieses Netzwerk und die gesammelten Erfahrungen weiter nutzen“, so Bärbel Simon. „Ein Folgeprojekt ist schon in Planung ….“

 

„Qualifizierung ist immer noch der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit.“ Dieses Motto habe ich von Walter Genders übernommen. Er war zehn Jahre lang als Beauftragter der Hessischen Landesregierung für Angelegenheiten der Schwerbehinderten in der Landesverwaltung zuständig und hat mich durch seine Ideen und sein Engagement überzeugt. Für die Projekte wurden bewusst Bereiche ausgewählt, in denen es sich um Tätigkeiten handelt, die von der Zielgruppe gut erledigt werden können und wo – auch nach Projektende – eine echte Chance zur Integration in den Arbeitsmarkt besteht."

> Dr. Helmut Müller,
Oberbürgermeister der Stadt Wiesbaden

 

 

 


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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.