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ZB 4/2011

Schlafapnoe

Endlich wieder träumen

Ein beispielhafter Wiedereintritt in die Arbeitswelt ist
Torsten Rensch aus Bremen gelungen. An einem Punkt im Leben angelangt, an dem manch anderer aufgeben würde, hat der ehemalige Manager eines IT-Unternehmens zu kämpfen begonnen.

Torsten Rensch mit seinem Vorgesetzten und der IFD-Beraterin, (c) Jochen Stoss
Torsten Rensch (Mi.) mit seinem Vorgesetzten und der IFD-Beraterin, (c) Jochen Stoss
„Behindert ist jemand, der im Rollstuhl sitzt“, so ein weit verbreitetes Klischee in unserer Gesellschaft. Die Wirklichkeit sieht indes anders aus. Dies ist die Geschichte von Torsten Rensch aus Bremen, einem schwerbehinderten Menschen, der äußerlich „topfit“ wirkt.

Krankhafte Schläfrigkeit

Seit seiner Jugend hat der 1,85 Meter große Mann Handball als Leistungssport betrieben. Eine Sportart, bei der ein Spieler oft stürzt, mit anderen zusammenstößt und Schläge abbekommt. Torsten Renschs Nase bekam häufiger etwas ab. „Irgendwann habe ich kaum mehr Luft durch die Nase bekommen“, beschreibt der einstige IT-Manager die Folgen. Ebenso schleichend ließ seine Leistungsfähigkeit im Berufsalltag nach. Dazu kamen Rückenschmerzen. „Aus dem Leistungssport war ich es allerdings gewohnt, über meine Grenzen zu gehen und Schmerzen wegzudrücken“, so der heute 46-Jährige. Doch die Beschwerden wurden immer heftiger, bis er sich vor Schmerzen kaum noch bewegen konnte. Außerdem quälten ihn eine ständige Tagesmüdigkeit und Sekundenschlaf.

Zu seiner ehemaligen Firma in Hamburg ist der Bremer morgens in einer Fahrgemeinschaft gefahren. „Auf dieser Strecke verfiel ich immer häufiger in den Sekundenschlaf, sodass ich letztlich nur noch als Beifahrer mitfahren konnte. Selbst bei wichtigen Meetings bin ich eingeschlafen, bis auch meine Vorgesetzten bemerkten, dass mit mir etwas nicht stimmt.“

Die ersten medizinischen Befunde waren niederschmetternd. „Ich war in anderthalb Jahren bei 18 Ärzten. Durch meine außerordentliche Sportlichkeit wurde ich allerdings oft als Simulant abgestempelt und kaum ernst genommen.“ Torsten Rensch gab sich damit nicht zufrieden und drängte auf weitere Untersuchungen. Klarheit brachte erst das Schlaflabor. Das Ergebnis: Während einer Schlafdauer von sechs Stunden wurden bei Torsten Rensch 240 Atemaussetzer, die man als Schlafapnoe bezeichnet, registriert.

Überraschende Diagnose

Der Sauerstoffgehalt seines Blutes sank auf gefährlich niedrige Werte. Hinzu kam, dass sein Körper wegen der „verschlossenen“ Nase automatisch auf Mundatmung umgestellt hatte. Der ausgetrocknete Rachen „brannte wie Feuer“, erinnert sich Torsten Rensch, der davon immer wieder wach wurde. Um sich Erleichterung zu verschaffen, trank er viel Wasser. Was wiederum dazu führte, dass er nachts häufiger auf die Toilette gehen musste ... Wenn der Schlaf wie bei Torsten Rensch häufig unterbrochen wird, können die wichtigen Tiefschlafphasen nicht erreicht werden, in denen sich Körper und Geist regenerieren und in denen Menschen träumen. Torsten Rensch hatte 20 Jahre lang keine Träume. Was aber noch schlimmer ist: Der chronische Sauerstoffmangel hat bleibende gesundheitliche Schäden hinterlassen.

Berufliche Kehrtwende

Seinen früheren Beruf, in dem Torsten Rensch die Verantwortung für 50 Mitarbeiter hatte, konnte er nicht mehr ausüben. Sein Umfeld reagierte teilweise mit Ablehnung und Unverständnis auf Renschs neuen „Status“ einer anerkannten Schwerbehinderung. Was wohl auch damit zu tun hat, dass keine äußerlichen Zeichen einer Erkrankung sichtbar sind. „Im Gegenteil, angesichts meiner ausgeprägten Sportleidenschaft konnten viele nicht verstehen, dass ich nun als schwerbehindert gelten soll.“   Der Familienvater investierte von nun an all seine Energie in die Genesung, obwohl ihm die Ärzte nur geringe Hoffnungen machten.

Zwei Jahre verbrachte Torsten Rensch in einer Reha-Klinik und zu Hause, bis ihn die Arbeitsagentur an den Bremer Integrationsfachdienst verwies. Die dortige Mitarbeiterin Iris Sauerberg half ihm dabei, eine neue berufliche Perspektive zu entwickeln. Klar war, dass Torsten Rensch mental nicht mehr dazu in der Lage war, die beruflichen Belastungen eines Managers zu bewältigen. In den Beratungsgesprächen stellte sich jedoch schnell heraus, dass Torsten Rensch über allerlei handwerkliche Fähigkeiten verfügt, die ihn befähigen, in einer Hausverwaltung zu arbeiten.

Arbeitgeber: „Hält er durch?“

Iris Sauerberg vermittelte ein dreiwöchiges Praktikum beim Bremer Kontor für Gebäudewirtschaft GmbH. „Anfangs war ich etwas skeptisch, als Frau Sauerberg mit diesem Vorschlag auf uns zukam“, sagt Alfred Kothe, Leiter der Bereiche Handwerk und Objektbetreuung im Unternehmen. „Wer konnte mir garantieren, dass Herr Rensch auch durchhält?“ Die Fachberaterin konnte ihn überzeugen. Es gehört zu ihren Aufgaben, Arbeitgeber aufzuklären – über Schwerbehinderung, den besonderen Kündigungsschutz und weitere wichtige Fragen. Außerdem informiert sie Betriebe über Fördermöglichkeiten. Im Fall von Torsten Rensch erhielt das Unternehmen von der Arbeitsagentur einen 100-prozentigen Lohnkostenzuschuss für die Dauer von sechs Monaten, finanziert aus einem Arbeitsmarktprogramm des Landes Bremen für schwerbehinderte Menschen.

„An die Arbeitsbelastung musste ich mich erst langsam gewöhnen. Nach vier Stunden waren Kraft und Konzentration weg. Dennoch hat mir der neue Job viel Spaß gemacht“, erinnert sich Torsten Rensch an seinen Wiedereinstieg ins Arbeitsleben. Allmählich wurde sein Arbeitspensum gesteigert. Inzwischen hat er beim Bremer Kontor für Gebäudewirtschaft einen Zweijahresvertrag für eine Teilzeitbeschäftigung mit 30 Wochenstunden erhalten. Als haustechnischer Mitarbeiter betreut er selbstständig einen 150 Apartments umfassenden Wohnkomplex.

Die Träume kehren zurück

Nach einer Nasenoperation kann der Bremer mit Hilfe einer speziellen Atemmaske nachts wieder durchschlafen. „Mittlerweile lebe ich bewusster und kann spüren, wie sich meine Akkus langsam wieder aufladen.“ Torsten Rensch hat durch seinen Kampfeswillen nicht nur den Weg ins Arbeitsleben zurückgefunden, sondern auch seine Träume wiedergewonnen.

 

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.