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ZB 1/2012

Es ist okay, nicht perfekt zu sein

Als Körpertherapeut hilft Björn Germek behinderten Menschen, mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln. Wie er mit seiner eigenen Sprechbehinderung umgeht, macht ihn zum Vorbild für seine Klienten.

Björn Germek und Klientin beim Training, (c) Klaus Deiters
Björn Germek demonstriert mit seiner Netzwerk-Partnerin Britta Schmedding das spezielle Training, (c) Klaus Deiters
Viele Kinder stottern, doch verliert sich das mit der Zeit oft ganz von selbst. Nicht so bei Björn Germek – trotz jahrelanger Behandlung bei Logopäden und Psychotherapeuten. Als er in die Schule kam, riet man seinen Eltern, ihn in eine Sonderschule zu geben. Doch die Familie kämpfte darum, dass er eine Regelschule besuchen konnte. Später ging er aufs Gymnasium und machte Abitur. Ein Spaziergang war seine Schulzeit aber nicht: Wegen seines Stotterns musste der Junge immer wieder Hänseleien ertragen und Prügel einstecken. „Zum Glück gab es auch treue Freunde, die mich sehr unterstützt haben“, stellt Björn Germek dankbar fest.

Eigene Erfahrungen nutzen

Weil dem Schüler das flüssige Sprechen so schwer fiel und er manchmal
minutenlang an einem Wort festhing, verzichteten die Lehrer darauf, ihn im Unterricht spontan aufzurufen. Dies empfand Björn Germek als große Entlastung, ebenso wie die zusätzliche Zeit, die man ihm bei der mündlichen Abiturprüfung als Nachteilsausgleich wegen seiner Sprechbehinderung zugestand.

Auf weniger Verständnis stieß er bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. „In allen Bewerbungsgesprächen hat man mir gesagt: Mit dem Stottern ginge das gar nicht.“ Ratlos, was aus ihm beruflich werden sollte, begann Björn Germek Germanistik und Anglistik zu studieren. Parallel zum Studium machte er eine Ausbildung in Transaktionsanalyse. „Ich wollte herausfinden, warum ich dieses Stotterproblem nicht loswerde.“ Später entdeckte er die Kampfkunst und ließ sich darin zum Lehrer ausbilden. Langsam reifte in ihm die Idee, die therapeutischen Ausbildungen und seine persönlichen Erfahrungen beruflich zu nutzen.

Lernen, sich zu behaupten

Björn Germek erarbeitete ein Konzept, das er „ok statt ko“ nannte, und machte sich als Heilpraktiker für Psychotherapie selbstständig. „Meine Hauptarbeit besteht in der Persönlichkeitsstärkung für Menschen mit geistiger Behinderung“, erklärt der 33Jährige, der hauptsächlich körpertherapeutische Verfahren einsetzt und sowohl Gruppenseminare als auch Einzeltherapie anbietet. Durch die Arbeit mit dem Körper sollen emotionale Blockaden gelöst werden.Die Klienten lernen, ihre Bedürfnisse stärker wahrzunehmen und sich besser zu behaupten. Dies gibt dann oft den Anstoß für weitere positive Veränderungen im Leben. Ein Teilnehmer fand zum Beispiel den Mut, die Werkstatt für behinderte Menschen, wo er sich schon lange unterfordert gefühlt hatte, zu verlassen und auf den ersten Arbeitsmarkt zu wechseln.

„Während der Gruppenarbeit habe ich ganz selten Probleme mit dem Stottern. Immer wenn ich in meinem Element bin, tritt es in den Hintergrund“, sagt Björn Germek, der auch regelmäßig mit seiner Gitarre auf Konzertbühnen steht. Trotzdem erklärt er den Teilnehmern zu Beginn eines Kurses, dass er stottert: „Ich möchte, dass sie erkennen: Es ist okay, nicht perfekt zu sein.“

 

 

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