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ZB 1-2016

Forschungsprojekt Work-by-Inclusion®

Blick in die Zukunft

Eine spezielle Datenbrille könnte in Zukunft gehörlosen Menschen die Arbeit in der Lagerlogistik erleichtern. Angestoßen wurde das Projekt von dem mittelständischen Bürofachhändler Schmaus aus Hartmannsdorf nahe Chemnitz.

Anja Schuhmacher mit Datenbrille steht im Lager vor einem Regal und scannt Waren, (c) Schmidtfoto Chemnitz
„So habe ich beide Hände frei, um die bestellten Waren einzusammeln“, erklärt Anja Schuhmacher, (c) Schmidtfoto Chemnitz
Erwartungsvoll setzt Anja Schuhmacher das futuristisch anmutende Brillengestell auf. Sie steht zwischen zwei langen Lagerregalen, die bis unter die Decke ragen. Eine kurze Berührung mit der Fingerspitze am Brillenbügel, da leuchten mitten in ihrem Sichtfeld Zahlen und Buchstaben auf: "H3-02-D16, Ringordner rot, 2 Stück". Die Zeile scheint zum Greifen nah in der Luft zu schweben.

Barrieren überwinden Anja Schuhmacher testet eine neuartige Datenbrille – einen Miniaturcomputer mit Kamera und Touchpad am Bügel. Die gehörlose Frau arbeitet als Kommissioniererin bei der Schmaus GmbH, einem Fachhändler für Büroartikel. "Ich sammle die bestellte Ware im Lager ein", beschreibt sie ihre Tätigkeit. Dann tippt sie erneut an den Bügel, um den nächsten Auftrag zu starten: Wieder erscheint vor ihren Augen eine Arbeitsanweisung mit exaktem Lagerort, Artikel und Stückzahl.

Noch befindet sich das System zur barrierefreien Kommissionierung im Entwicklungsstadium. In der Praxis arbeitet Anja Schuhmacher nach wie vor mit ausgedruckten Bestelllisten. Eine fehleranfällige Methode, unpraktisch dazu, weil die Hände nicht frei sind. Deshalb hat sich in der Lagerlogistik das beleglose System Pick-by-Voice – auf Deutsch: "Auswählen nach Ansage" – durchgesetzt. Da sie die akustischen Informationen über ein Headset nicht wahrnehmen können, sind gehörlose Menschen von diesem System ausgeschlossen.

Gerlinde Schmaus, Adalbert Schmaus mit Datenbrille in den Händen und Anja Schuhmacher stehen nebeneinander im Lager, (c) Schmidtfoto Chemnitz
Barrierefreiheit: Gerlinde und Adalbert Schmaus (li.) setzen auf die Datenbrille, (c) Schmidtfoto Chemnitz

Vielversprechende Idee "Das könnte eine Lösung sein", dachte sich Seniorchef Adalbert Schmaus, als er vor zwei Jahren erstmals von der "Google Glass" hörte, der weltweit bekanntesten Datenbrille. Der Unternehmer recherchierte und erfuhr, dass die Technische Universität München (TUM) bereits an einer Datenbrille für die Lagerlogistik arbeitet. "Das System nennt sich Pick-by-Vision, weil die Aufträge optisch übermittelt werden", erklärt Professor Dr. Willibald Günthner, der den Lehrstuhl für Fördertechnik, Materialfluss und Logistik an der TUM leitet. Die Idee von Adalbert Schmaus, diese Technologie für gehörlose Menschen zu nutzen, begeisterte ihn sofort. Schnell entstand daraus ein dreijähriges Forschungsprojekt, das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert wird. Zu den Projektpartnern gehören neben der TUM und der Schmaus GmbH auch die CIM GmbH aus Fürstenfeldbruck, ein Hersteller von Lagerverwaltungssoftware.

Knifflige Entwicklungsarbeit Im November 2015, also gut ein Jahr nach dem Start, stellten die Entwickler dem Projektbeirat die ersten Ergebnisse vor. Dem Gremium gehören Fachleute und betroffene Menschen an. Darunter Anja Schuhmacher und ihre ebenfalls gehörlosen Kollegen Olga Schell und Marc Pulz. Ihre Erfahrungen beim Testen verschiedener Datenbrillen fließen in die Arbeit der Ingenieure mit ein. Denn bis ein einsatzfähiges Gerät vorliegt, sind noch viele Aufgaben zu lösen. "Wie der Kommissionierer Informationen unkompliziert in das Lagersystem eingeben kann, ist eine davon", erläutert Professor Dr. Willibald Günthner. Auch Anja Schuhmacher, die von ihrer Chefin als "Multitalent" bezeichnet wird, hat große Erwartungen an die Datenbrille: "Ich erhoffe mir, dass damit in Zukunft beruflich noch mehr möglich ist!"

 

Logo BMAS Das Projekt Work-by-Inclusion wird über den Projektträger im DLR im Rahmen von Zuwendungen aus dem Ausgleichsfonds für überregionale Vorhaben zur Teilhabe schwerbehinderter Menschan am Arbeitsleben vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert.

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