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ZB 3-2015

Gelebte Inklusion
Theater ohne Grenzen

Das Staatstheater Darmstadt lebt Inklusion: Zum festen Ensemble gehören seit 2014 die behinderten Schauspieler Samuel Koch und Jana Zöll. Auf der Bühne ermöglichen die körperlichen Einschränkungen neue Ausdrucksformen und fantasievolle Inszenierungen.

Schauspielerin Jana Zöll bei einer Aufführung am Staatstheater Darmstadt, (c) Sandra Then
Jana Zöll (vorne), Schauspielerin am Staatstheater Darmstadt, (c) Sandra Then
Wir schreiben das Jahr 1674. In Brandenburg herrscht Krieg. Von langen Kämpfen erschöpft ist Prinz Friedrich von Homburg im Garten in einen traumwandlerischen Schlaf verfallen. Mehrere Adlige werden Zeugen seiner nächtlichen Aktivität und treiben ihren Scherz mit dem Schlafenden. Die Szene, mit der das Stück "Prinz Friedrich von Homburg" beginnt, wird im Staatstheater Darmstadt aufgeführt. Der Prinz thront in der Mitte der Bühne auf einem hölzernen Pferd. Die Darsteller zu seinen Seiten geizen beim Spiel mit Bewegungen. Sie erwecken die alten Texte vor allem mit ihren Stimmen zum Leben. Auch der Prinz regt sich kaum, doch anders als seine Kollegen kann er sich nicht frei bewegen: Der den Prinzen darstellende Schauspieler Samuel Koch ist vom Hals abwärts querschnittsgelähmt. Er brach sich bei einem Stunt in der Fernsehsendung "Wetten dass…?" im Jahr 2010 das Genick.

Staatstheater übernimmt Vorreiterrolle Samuel Koch ist einer von zwei behinderten Darstellern, die das Staatstheater seit vergangenem Jahr fest angestellt hat. Beide sind Rollstuhlfahrer, beide REPORTAGEhaben eine professionelle Ausbildung als Schauspieler absolviert. Damit geht das  Haus einen ungewöhnlichen Weg. Zwar gibt es Behinderten-Theatergruppen und Inklusionsfestivals. Doch Schauspieler mit für die Zuschauer offensichtlicher Behinderung erlebt man auf den großen Bühnen in Deutschland nur selten. Wenn doch, sind sie häufig auf Behindertenrollen festgelegt. In dem südhessischen Theater gibt es keine derartigen Einschränkungen.

Karsten Wiegand, Intendant des Staatstheaters Darmstadt, sagt zum Engagement von Samuel Koch und Jana Zöll, die die Glasknochenkrankheit hat und kleinwüchsig ist: "Wir reden so gerne davon, dass auf der Bühne das Leben spielt – und das Leben ist so vielfältig wie die Menschen." Das Theater könne bei der Vielfalt gegenüber der Realität aufholen. Karsten Wiegand betont aber auch, dass die beiden nur engagiert wurden, weil sie durch schauspielerisches Können überzeugen. "Ich möchte als Schauspielerin ernst genommen werden", ergänzt Jana Zöll. "Es ist ein Zeichen von Respekt, dass man mich schonungslos kritisiert, wenn ich schlecht spiele."

Anfangs gab es Unsicherheiten Die Kollegen im Theater haben sich schnell auf die Zusammenarbeit mit den behinderten Schauspielern eingestellt. "In der Maske und im Kostüm gab es anfangs schon Unsicherheiten", erinnert sich Jana Zöll. Wie soll das Umkleiden funktionieren? Wie fest darf man zufassen? Brechen am Ende gar Knochen? "Aber das ist alles kein Problem, mich kann man einfach fragen", sagt sie. Umgekleidet wird Jana Zöll nur von ihren Arbeitsassistenten, die das LWV Hessen Integrationsamt im Auftrag der Agentur für Arbeit finanziert. Maß nehmen die Schneider des Theaters, wenn sie liegt.

Die baulichen Barrieren wurden gleich zu Beginn des Engagements bei einer Tour durchs Theater in Augenschein genommen. Mit dabei waren unter anderem die beiden Schauspieler, der Technische Direktor des Staatstheaters, ein Mitarbeiter des Technischen Beratungsdienstes beim LWV Hessen Integrationsamt sowie die Schwerbehindertenvertretung. "Ein Problem war der Brandschutz", berichtet Klaus Riedelsheimer, Vertrauensperson am Staatstheater. Wenn bei Feueralarm der eiserne Vorhang fällt und die großen Stahltüren geschlossen werden, gewähren nur noch Schlupftüren den Weg von der Bühne ins Freie – mit Rollstühlen nicht passierbar. So wurde die Regelung gefunden, dass immer eine Person auf der Bühne sein muss, die die behinderten Schauspieler im Ernstfall ins Freie tragen kann. "Das hat zu mehr Achtsamkeit im Umgang miteinander geführt", sagt der Intendant.

Eine andere Baustelle: In der Garderobe von Samuel Koch waren Tische, Dusche und Waschbecken nicht mit dem Rollstuhl zugänglich. Außerdem mussten einzelne Türen verbreitert und ein barrierefreier Zugang zu einer Bühne über eine Rampe geschaffen werden. "Das Integrationsamt hat da ganz problemlos geholfen und die Übernahme eines Großteils der Kosten für den Umbau in Aussicht gestellt", sagt Klaus Riedelsheimer.

Der querschnittsgelähmte Schauspieler Samuel Koch hoch zu Ross als Prinz Friedrich von Homburg, (c)
Der querschnittsgelähmte Schauspieler Samuel Koch hoch zu Ross als Prinz Friedrich von Homburg, (c) Lena Obst

Fantasie ist gefragt Für die Integration der Schauspieler in die Stücke ist die Fantasie der Regisseure gefragt. Ein Gewinn für das Theater, so die Überzeugung des Intendanten Karsten Wiegand: "Kunst entsteht auch an Herausforderungen und Widerständen." Im Stück "Prinz Friedrich von Homburg" fügen sich die wenigen Bewegungen, die Samuel Koch möglich sind, hervorragend in die Inszenierung. Fast beiläufig bewegen ihn seine Kollegen, heben ihn vom Pferd, platzieren ihn auf einem Stuhl oder legen ihn – passend zur Handlung – auf den Boden. In einem anderen Stück flitzt Jana Zöll auf einem Rollbrett auf die Bühne. Oder Samuel Koch wird mit Bändern an einen Kollegen geklettet. Dadurch entsteht auf der Bühne ein Doppelwesen, bei dem der eine den anderen puppengleich bewegt. Bei wieder einer anderen Inszenierung wird der Rollstuhl bunt blinkend als Stilmittel eingesetzt. "Wir können fast alle Rollen spielen", sagt Jana Zöll.

Vertrautheit schaffen Äußere Barrieren spielen im Leben der Schauspielerin sowieso eine untergeordnete Rolle. "Ich habe meine Assistentin dabei, die mir hilft", erklärt sie. Ihr Thema sind die Barrieren in den Köpfen. "Menschen haben oft Angst vor dem, was ihnen fremd ist – und dazu gehören für viele noch immer behinderte Menschen", so ihre Erfahrung. Sie hofft, dass das Theater mehr Vertrautheit schafft. Unkompliziert funktioniere das bei Kindern, sagt Jana Zöll und erzählt vom Weihnachtsmärchen "Mio, mein Mio", in dem sie die Hauptrolle spielte: "Den Kindern war es egal, ob ich im Rollstuhl sitze – wichtig war, dass ich den bösen Ritter Kato besiege." In der Stadt werde sie nach wie vor von den Jüngsten angesprochen: „Die fragen jetzt aber nicht mehr: Warum bist du so klein? Kannst du nicht laufen? Sondern: Du hast doch den Mio gespielt?!" Da habe sich etwas in den Köpfen verändert. Intendant Karsten Wiegand glaubt, dass auch bei den erwachsenen Zuschauern nach und nach ein Gewöhnungseffekt eintritt, das Ungewohnte vertraut wird. Und Samuel Koch ist der Überzeugung: "Inklusion ist dann erreicht, wenn man nicht mehr darüber spricht." Weil Behinderung selbstverständlich dazu gehört.

WEITERE INFORMATIONEN

Staatstheater Darmstadt

Ausführliche Informationen zum Ensemble, den einzelnen Stücken und den geplanten Aufführungen des Staatstheaters Darmstadt gibt es im Internet.

Mehr unter: www.staatstheaterdarmstadt.de

 

 

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.