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ZB EXTRA 4-2017

Zukunftswerkstatt 2.0

Wir sind gut aufgestellt!

Auf der Zukunftswerkstatt 2.0 diskutierten Fachleute der Integrationsämter und Integrationsteams, wie sie gemeinsam die Inklusion in Arbeit voranbringen können. Vorträge, Workshops, Statements – und ein gezeichnetes Protokoll

Teilnehmer der Zukunftswerkstatt diskutieren, (c) Fotostudio-Diyako
Austausch auf Augenhöhe: Vertreter der Integrationsämter, wie hier der Leiter des LWV Hessen Integrationsamtes Thomas Niermann (Mitte), diskutierten mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Betrieben und Dienststellen, (c) Fotostudio-Diyako
Digitalisierung, grenzenlose Flexibilität, Roboter werden zu Kollegen: Die Arbeitswelt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Eine große Herausforderung – nicht zuletzt für die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen. "Diese Aufgabe können wir nur gemeinsam meistern!", betonte der BIH-Vorsitzende Christoph Beyer vor den Teilnehmern der Zukunftswerkstatt Ende September in Bad Honnef. Deshalb sei es wichtig, sich offen und auf Augenhöhe über die vielfältigen Themen auszutauschen und so eine gute Basis für die weitere Zusammenarbeit zu schaffen.

IN DEN DIALOG TRETEN

Die Zukunftswerkstatt bot genau dafür eine Plattform. Insgesamt 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren der Einladung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH) gefolgt: aktive Vertrauenspersonen der schwerbehinderten Menschen, Betriebs- und Personalräte sowie Arbeitgeber und ihre Inklusionsbeauftragten. Die Integrationsämter ihrerseits waren mit zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus allen Regionen Deutschlands vertreten.

"Was brauchen Sie, damit mehr Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben gelingen kann? Und was können die Integrationsämter dazu beitragen?" Damit stellte der BIH-Vorsitzende Christoph Beyer gleich zu Beginn die zentralen Fragen. Sie wurden von den Teilnehmern in den nachfolgenden Workshops intensiv diskutiert. Zunächst ging es darum, die Herausforderungen der Zukunft konkret zu formulieren. Um dann zu schauen, welche Instrumente es bereits gibt, wie praxistauglich sie sind und ob sie gegebenenfalls an die veränderte Situation angepasst werden müssen – auch im Hinblick auf die neuen Regelungen im SGB IX, mit denen der Gesetzgeber die Rolle der Integrationsämter und der Schwerbehindertenvertretungen gestärkt hat.

Die zunehmende Technisierung verändert aber nicht nur unsere Arbeitsumwelt. Auch das Bild von Menschen mit Behinderungen beginnt sich zu wandeln. Darüber sprach Prof. Dr. Bertolt Meyer von der Technischen Universität (TU) Chemnitz in seinem Impulsreferat: "Behindert oder übermenschlich – die Superhelden".

DENKANSTÖSSE

Blick ins Publikum der Zukunftswerkstatt, (c) Fotostudio-Diyako
Sie kamen aus allen Teilen Deutschlands zusammen: die 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Zukunftswerkstatt, (c) Fotostudio-Diyako
"Eine Behinderung ist zunächst eine Diskrepanz zwischen den impliziten Erwartungen der Umwelt und dem behinderten Menschen", erklärte der Wissenschaftler. Diese Diskrepanz müsse ausgeglichen werden, entweder durch Anpassung der Umwelt an den behinderten Menschen oder durch Kompensation der Behinderung mit technischen Hilfsmitteln. Bertolt Meyer sprach nicht nur als Fachmann, sondern auch als Mensch, der ohne linken Unterarm geboren wurde und heute selbst eine technisch hochentwickelte Prothese trägt. Vor dem Publikum demonstrierte er sogleich, was dieser Nachbau einer natürlichen Hand zu leisten im Stande ist: Zielsicher griff er ein Glas Wasser und führte es zum Mund.

BEHINDERT ODER SUPERHELDEN?

Solche bionischen Prothesen sind teuer und noch nicht weit verbreitet, aber ihnen gehört die Zukunft. Sie sind ein Beispiel für technische Hilfsmittel, die körperliche Einschränkungen voll ausgleichen können – teilweise sogar die natürlichen Funktionen übertreffen: Die künstliche Hand des Professors ermüdet nicht und lässt sich um 360 Grad drehen. Andere Beispiele kennt man von den Paralympics.

Medien orakeln bereits, dass Menschen mit Behinderungen, die derart technisch aufgerüstet sind, in naher Zukunft Menschen ohne Behinderung überlegen sein werden. In diesem Stereotyp des "Superhelden" sieht Bertolt Meyer eine Gefahr. Aus seiner Sicht wird hier nur ein altes Klischee – nämlich das des hilflosen behinderten Menschen, dem man gerne zur Hilfe eilt – durch ein neues Klischee ersetzt: der Übermensch, der als bedrohliche Konkurrenz empfunden und deshalb abgelehnt wird.

CHANCEN FÜR INKLUSION

Dabei liegt die Wahrheit wie so oft in der Mitte. Die technische Entwicklung schreitet voran und bietet neue Chancen für die Inklusion behinderter Menschen am Arbeitsmarkt. Auf der anderen Seite lassen sich nicht alle Einschränkungen voll ausgleichen, Menschen brauchen nach wie vor gezielte und individuelle Förderung. Um dies leisten zu können, ist ein enger Austausch zwischen den Integrationsämtern und den betrieblichen Akteuren wichtig. Hierzu dienten die Workshops der Zukunftswerkstatt.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Film: Neue Nähe

Prof. Dr. Bertolt Meyer rief in seinem Impulsvortrag dazu auf, Stereotype zu überwinden und aufeinander zuzugehen. Dazu will auch der Film "Neue Nähe" der Aktion Mensch beitragen. Er erzählt von Begegnungen zwischen Menschen, die technologische Innovationen nutzen, um ihren Alltag selbstbestimmt zu gestalten, und Kindern, die zunächst nicht ahnen, wofür die Hilfsmittel gedacht sind.

Mehr unter: www.youtube.com (Suchbegriff "Die neue Nähe")

 

WEITERE INFORMATIONEN

Frederic Heinze: "Für mich war Inklusion immer selbstverständlich"

Ein gutes Beispiel für den selbstbewussten Umgang mit der eigenen Behinderung ist Frederic Heinze. Der Mitarbeiter des LWL-Integrationsamtes Westfalen in Münster betreibt Leistungssport. Er spielt in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Cerebralparetiker. Bei einer Cerebralparese treten Krampfzustände oder Spastiken auf.

Auf der Zukunftswerkstatt berichtete der 26-Jährige von seinen persönlichen Erfahrungen: "Ich habe schon immer in Mannschaften trainiert, in denen vor allem Menschen ohne Behinderung gespielt haben. Inklusion war also immer selbstverständlich für mich. Weder meine Mitspieler noch ich selbst haben uns je Gedanken darüber gemacht, was ich kann und was nicht. Auch im Beruf spielt das keine Rolle. Ich erledige alles alleine, was ich eigenständig machen kann, und bei den anderen Sachen bitte ich einfach meine Kollegen um Hilfe. In beiden Fällen war und ist Inklusion nicht so ein großes Thema – es wird einfach 'gemacht'."

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.