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ZB 3 / 2005

Integrationsfachdienste

Im Auftrag Dritter: vorbereiten, vermitteln und begleiten

Das SGB IX hat auch für die Integrationsfachdienste einige wichtige Neuerungen gebracht: ein erweitertes Beratungsangebot, sieben verschiedene Auftraggeber sowie die Übernahme der Strukturverantwortung durch die Integrationsämter.

„Neuerdings“, berichtet Ute Wurfer – Leiterin des Integrationsfachdienstes in Pforzheim – „werden wir verstärkt direkt aus den Betrieben angesprochen. Ich erinnere mich spontan an einen Fall, wo die Schwerbehindertenvertretung einer Druckerei um Rat fragte.“ Ein geistig behinderter Kollege war aufgrund von Kommunikationsschwierigkeiten im Betrieb zunehmend unter Druck gekommen. Das betriebliche Integrationsteam befürchtete, dass sich die Situation weiter verschlimmern und infolgedessen der Arbeitsplatz in Gefahr geraten könnte. Das Integrationsteam wollte frühzeitig aktiv werden, um nichts zu versäumen. „In einem solchen Fall sind wir der richtige Ansprechpartner“, bestätigt Ute Wurfer, „denn es geht um die Aufgabe, die Besonderheiten und Auswirkungen einer Behinderung mit den Belangen des Betriebes in Einklang zu bringen.“ Im Auftrag des Integrationsamtes kann der Pforzheimer Integrationsfachdienst Betriebe, wie diese Druckerei, heute umfassend informieren und individuell beraten sowie alle in Betracht kommenden Leistungen abklären und den Betrieb bei der Beantragung von Leistungen unterstützen.

Wenn es allerdings um die konkrete Beratung und Betreuung eines behinderten Menschen geht, also um einen konkreten Einzelfall, muss der Integrationsfachdienst zuvor von einem der möglichen Kostenträger beauftragt werden: entweder vom Integrationsamt, von der Agentur für Arbeit oder von einem Rehabilitationsträger. Ist der zuständige Kostenträger noch nicht bekannt, kümmert sich der Integrationsfachdienst selbst darum, ihn zu ermitteln und eine Beauftragung einzuholen. „Häufig ist es jedoch umgekehrt, das heißt, der Auftraggeber kommt auf uns zu“, so Ute Wurfer. Zum Beispiel hat der Pforzheimer Dienst kürzlich einen psychisch kranken Metallwerker betreut, der von der Agentur für Arbeit mit dem Auftrag einer Arbeitsvermittlung überwiesen worden war. Auch Betroffene mit einem Vermittlungsgutschein können sich direkt an den Integrationsfachdienst wenden.

Die Integrationsfachdienste haben sich in den letzten Jahren stetig weiterentwickelt. Heute halten sie ein professionelles Serviceangebot für Betriebe wie auch für behinderte Menschen bereit.

Ihre Entwicklung
... und was leisten sie?

Mit dem Gesetz zum Abbau der Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen im Oktober 2000 wurden die Integrationsfachdienste in ihrer heute bestehenden Form auf eine rechtliche Grundlage gestellt. Die ehemalige Bundesanstalt für Arbeit erhielt gemeinsam mit den Integrationsämtern den Auftrag, die vorhandenen Psychosozialen und Berufsbegleitenden Dienste zu einem flächendeckenden Netz an Integrationsfachdiensten in Deutschland auszubauen. Die beiden Aufgaben – das heißt, die Sicherung bestehender Arbeitsverhältnisse im Rahmen der berufsbegleitenden Betreuung besonders betroffener schwerbehinderter Menschen einerseits und ihre Vermittlung auf geeignete Arbeitsplätze andererseits – wurden zu einem Dienstleistungsangebot aus einer Hand gebündelt. Mit den Integrationsfachdiensten, die in der Regel bei freien gemeinnützigen Trägern oder Bildungsträgern angesiedelt sind, steht seither eine gemeinsame Anlauf- und Beratungsstelle für Arbeit suchende und beschäftigte schwerbehinderte Menschen und ihre Arbeitgeber zur Verfügung.

Inzwischen gibt es in jedem Arbeitsagentur-Bezirk einen Integrationsfachdienst. Die bundesweit rund 450 Dienste haben im vergangenen Jahr etwa 52.000 schwerbehinderte Menschen im Rahmen der Begleitenden Hilfe im Arbeitsleben im Auftrag der Integrationsämter vorbereitet und begleitet. In 85 Prozent der Fälle ist es gelungen, die Beschäftigung zu erhalten oder zu stabilisieren. Im gleichen Zeitraum wurden etwa 7.200 Personen in Arbeit vermittelt.

Ihre Aufgaben
... und wer kann sich an sie wenden?


Vergangenes Jahr erhielten die Integrationsfachdienste mit der Novellierung des Sozialgesetzbuches (SGB) IX zusätzliche Aufgaben: Im Bereich der Integration behinderter Jugendlicher können sie jetzt auch die Bundesagentur für Arbeit bei der Berufsberatung und Berufsorientierung in Schulen unterstützen. Darüber hinaus begleiten sie schwerbehinderte und behinderte junge Menschen ins Arbeitsleben. Außerdem sind die Integrationsfachdienste im Auftrag der Integrationsämter sowohl Ansprechpartner für Arbeitgeber, als auch Partner der Handwerks- und der Industrie- und Handelskammern.

Ihre Auftraggeber
... und die Frage nach der Strukturverantwortung der Integrationsämter


Neben den Integrationsämtern können auch die Bundesagentur für Arbeit sowie die Träger der gesetzlichen Renten- und Unfallversicherung, der Sozialen Entschädigung bei Gesundheitsschäden, der Sozialhilfe und der öffentlichen Jugendhilfe die Integrationsfachdienste beauftragen.

„Manchmal müssen wir sehr beharrlich sein, zum Beispiel, wenn ein Rehabilitationsträger zunächst die Zuständigkeit ablehnt. Oder wir müssen uns Zwischenlösungen überlegen, wenn zwar die Beauftragung in Aussicht steht, aber erst in einigen Wochen formal bestätigt wird.“ So die Erfahrung von Ute Wurfer, die seit über 15 Jahren „im Geschäft“ ist. „Hierbei können uns auch die Schwerbehindertenvertretungen unterstützen, zum Beispiel indem sie bestehende Kontakte zu Ansprechpartnern bei den Rehabilitationsträgern nutzen. Wenn man sich persönlich kennt, beispielsweise durch die Zusammenarbeit im Rahmen des Betrieblichen Eingliederungsmanagements, lässt sich vieles einfacher klären.“

Die Integrationsämter beauftragen die Fachdienste einzelfallbezogen mit der psychosozialen Betreuung von schwerbehinderten Beschäftigten und als Ansprechpartner für Arbeitgeber. Die Rehabilitationsträger können die Dienste beispielsweise zur beruflichen Wiedereingliederung nach einem Arbeitsunfall oder einer Berufskrankheit in Anspruch nehmen. Die Bundesagentur für Arbeit wiederum kann sie für die Berufsorientierung, die Berufsberatung, die Ausbildungs- und die Arbeitsvermittlung von schwerbehinderten Menschen nutzen.

Verantwortlich dafür, dass ein entsprechendes Angebot für alle potenziellen Auftraggeber zur Verfügung steht, sind seit Anfang des Jahres die Integrationsämter. Der Gesetzgeber hat die so genannte Strukturverantwortung für die Integrationsfachdienste von der Bundesagentur für Arbeit auf die Integrationsämter übertragen. Die meisten Integrationsämter stellen über eine Finanzierung beziehungsweise Vorfinanzierung das komplette Beratungsangebot sicher. Zur Refinanzierung wurden mit den Rehabilitationsträgern und der Bundesagentur für Arbeit Kostensätze vereinbart, die bei Nutzung eines Integrationsfachdienstes zu zahlen sind.

Die Strukturverantwortung
... und die Frage nach der Nutzung der Integrationsfachdienste

Die Integrationsämter befinden sich in einer nicht ganz einfachen Situation: Auf der einen Seite haben sie die Verantwortung für die Integrationsfachdienste mit ihrem gesamten Aufgabenspektrum, auf der anderen Seite aber sind sie selbst im Einzelfall nur Auftraggeber im Rahmen der Begleitenden Hilfe im Arbeitsleben. Die Integrationsämter verstehen sich durch die Übernahme der Strukturverantwortung in gewisser Weise als Dienstleister für die Bundesagentur für Arbeit und die anderen Träger der beruflichen Rehabilitation.

Dieses System kann nur funktionieren, wenn die potenziellen Auftraggeber das vorgehaltene Angebot der Integrationsfachdienste auch tatsächlich nutzen und durch ihre Aufträge eine ausreichende Finanzierung sicherstellen. Aus diesem Grund ist die Akquise von realisierbaren Aufträgen inzwischen eine wichtige Aufgabe der Fachkräfte bei den Integrationsfachdiensten. Gleichzeitig soll verhindert werden, dass eine Unterstützung behinderter Menschen durch den Integrationsfachdienst, die im Einzelfall sinnvoll und notwendig wäre, daran scheitert, dass der zuständige Kostenträger einer Beauftragung nicht zustimmt. Um die Auslastung und Refinanzierung der Integrationsfachdienste zu verbessern, arbeiten die Integrationsämter ihrerseits an einer weiteren Verständigung mit allen potenziellen Auftraggebern.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.