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Beruf

ZB 2-2016

Inklusives Frühstück

Bewerbungen im Minutentakt

Die Chancen von Jugendlichen mit Behinderungen auf dem Arbeitsmarkt verbessern – das ist Ziel des "Inklusiven Frühstücks" in Cottbus. Bei einer Art Speed-Dating lernen sich Bewerber und Arbeitgeber persönlich kennen.

Simone Wuschech vom Integrationsamt im LASV, Unternehmerin Dörthe Groß und Reha-Berater Michael Stein, (c) Michael Helbig/mih1
Simone Wuschech (li.) und Michael Stein (re.) loben die enge Zusammenarbeit aller Akteure für das Inklusive Frühstück, (c) Michael Helbig/mih1
Im Saal schwirrt es nur so vor Stimmen. An die 110 Jugendliche und über 30 Arbeitgeber sind an diesem Morgen ins Soziokulturelle Zentrum in Cottbus zum zweiten "Inklusiven Frühstück" gekommen. Alle mit einem Ziel: Hier und heute sollen betriebliche Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnisse angebahnt werden. Fast alle Jugendlichen haben eine Behinderung, viele waren Schüler von Förderschulen. Ihre Chancen, über klassische Bewerbungen an einen Job zu kommen, sind deutlich schlechter als die Gleichaltriger ohne Behinderung.

Enge Zusammenarbeit im Netzwerk Das wollte Michael Stein, Reha-Berater bei der Agentur für Arbeit Cottbus, ändern. "Wir brauchten ein anderes Format, bei dem die Hürden geringer sind und die Jugendlichen sich persönlich vorstellen können", sagt er. Gemeinsam mit seiner Kollegin Ines Gregor entwickelte er die Idee für das Inklusive Frühstück in Cottbus. Die beiden Reha-Berater konnten den "Arbeitskreis Inklusion Stadt Cottbus und des Landkreises Spree-Neiße" für das Format gewinnen, der das Inklusive Frühstück plant und veranstaltet. Mit dabei sind Vertreter der Kammern, des Unternehmensverbandes, des Landesamtes für Soziales und Versorgung (LASV), der regionalen Schulen, der Bildungsträger und der Leistungsträger. "Die enge Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure ist ganz wichtig", betont Simone Wuschech, Leiterin des Integrationsamtes im LASV. "Jeder bringt sein Wissen und Können ein, um betriebliche Ausbildung und Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen zu unterstützen und zu fördern. Durch die enge, vernetzte Zusammenarbeit werden Hürden abgebaut und Arbeitgeber motiviert, Menschen mit Behinderungen eine Perspektive zu geben."

Ein Arbeitgeber und eine Bewerberin im Gespräch, (c) Michael Helbig/mih1
Beim Speed-Dating kommen Arbeitgeber und Bewerber in entspannter Atmosphäre ins Gespräch, (c) Michael Helbig/mih1
Die Veranstaltung funktioniert wie ein Speed-Dating: Die Arbeitgeber stellen sich an Stehtischen vor, die über den ganzen Raum verteilt sind. Schilder informieren über das jeweilige Unternehmen. Die Jugendlichen steuern für sie interessante Tische an, kommen mit den Arbeitgebern ins Gespräch. Auch die Netzwerkpartner präsentieren sich mit ihrem Beratungsangebot vor Ort. Die Teilnehmer können sich hier über Fragen zu Ausbildung, Beschäftigung und Förderung informieren.

Motivierte Jugendliche "Man merkt, dass die Bewerber wirklich interessiert sind", lobt ein Arbeitgeber. Darin spiegelt sich ein Prinzip der Veranstaltung: "Wir haben die Jugendlichen genau ausgewählt. Klar müssen sie in der Lage sein, die Arbeit auszuführen, aber genauso wichtig ist ihre Motivation", erklärt Michael Stein. Es ist eine besondere Chance, mit dabei zu sein. Auch für die Arbeitgeber: Das Interesse am zweiten Inklusiven Frühstück war so groß, dass einigen abgesagt werden musste. Sie werden bei einer Folgeveranstaltung berücksichtigt.

Unternehmerin Dörthe Groß und ihre Auszubildende Michelle Günther lächeln in die Kamera, (c) Michael Helbig/mih1
Dörthe Groß (re.) und Azubi Michelle Günther (li.), (c) Michael Helbig/mih1
Dörthe Groß war schon beim ersten Inklusiven Frühstück mit dabei. Sie betreibt eine Jet-Tankstelle in Cottbus, bildet seit 20 Jahren aus. Jugendliche mit Behinderungen einstellen – das war für sie bis dato keine Option. "Ich bin auf jeden Mitarbeiter voll angewiesen", erklärt sie. Dass behinderte Menschen diesem Anspruch gerecht werden können, war für die Geschäftsfrau schwer vorstellbar. Zum Bewerbungs-Speed-Dating vor einem Jahr zog es sie aus Neugier. Danach war sie so überzeugt, dass sie zwei der Jugendlichen einstellte. Eine ist Michelle Günther, sie absolviert eine Ausbildung zum Fachpraktiker Verkauf. "So eine gute Auszubildende hatte ich bisher noch nicht: immer nett, zuverlässig und mit Freude bei der Arbeit", schwärmt Dörthe Groß. Insgesamt fand nach dem ersten Inklusiven Frühstück jeder dritte der Jugendlichen ein Praktikum, eine Ausbildung oder ein Arbeitsverhältnis.

Arbeitsproben liegen aus Ganz zentral für das Inklusive Frühstück ist die gute Vorbereitung. Die Jugendlichen haben im Vorfeld in Kleinstgruppen Lebensläufe geschrieben und Vorstellungsgespräche trainiert. Bei der Veranstaltung werden sie von Scouts unterstützt, die bei Fragen helfen oder zurückhaltenden Teilnehmern Mut zusprechen. Farbige Namensschilder sorgen für Barrierefreiheit: Jugendliche, die nicht lesen können, unterscheiden so zwischen Arbeitgebern, Mitbewerbern und Gästen.

Die Jugendlichen punkten beim Inklusiven Frühstück mit praktischem Können: Bewerber für die Gastronomie haben das Buffet dekoriert und fruchtige Spieße gesteckt. Werkstücke aus den unterschiedlichsten Bereichen liegen aus: ein hölzerner Beistelltisch mit handgedrechselten Beinen oder ein kunstvoll geschmiedeter Kerzenständer. Als einem der jugendlichen Bewerber im Gespräch die Worte ausgehen, holt er schnell eine Tapete, auf der er verschiedene Techniken der Wandmalerei umgesetzt hat. Anerkennend beugt sich der Malermeister über die Arbeitsprobe, schnell kommt Leben ins Gespräch, das Interesse auf beiden Seiten ist offensichtlich.

Eine Frau zeigt auf eine Pinnwand und erklärt einer Jugendlichen etwas, (c) Michael Helbig/mih1
Scouts unterstützen die Jugendlichen, (c) Michael Helbig/mih1
"Für mich ist dieses Format sehr effektiv, ich habe in 30 Minuten drei interessante Bewerber kennengelernt", lobt ein Arbeitgeber. "Wir haben hervorragende Erfahrungen mit behinderten Mitarbeitern gemacht", berichtet ein anderer Unternehmer, der Arbeitskräfte für die Produktion braucht. Die Firmen hier suchen Mitarbeiter in der Gebäudereinigung, für die Bedienung von CNC-Maschinen, für Zuarbeiten in der Küche oder für die Unterstützung von Pflegekräften. "Theoretische Defizite sind uninteressant, wenn einfache Aufgaben  zuverlässig übernommen werden", erklärt ein Arbeitgeber.

Unbürokratische Unterstützung Dass manchmal alles seinen eigenen Rhythmus braucht, hat das Team an der Jet-Tankstelle gelernt. "Man muss mir die Dinge langsam erklären, dann verstehe ich sie besser", beschreibt die 18-jährige Michelle Günther. Mehr Zuwendung, mehr Geduld und mehr Bestätigung lautet die Formel von Dörthe Groß. Zusätzlich bekommen die Azubis Nachhilfe für die Berufsschule. "Aber was sie gelernt haben, das sitzt", lobt Dörthe Groß. Als Ausgleich für den zusätzlichen Aufwand zahlt die Agentur für Arbeit einen Ausbildungszuschuss für die Dauer der Ausbildung. Das LASV-Integrationsamt bezuschusst die Kosten der Berufsausbildung. Besonders wichtig ist für Dörthe Groß die unbürokratische Unterstützung durch die Agentur für Arbeit und das Integrationsamt. Sie ist nach dem Speed-Dating fest entschlossen, auch in diesem Jahr zwei Azubis mit Behinderungen neu einzustellen.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Betriebliche Ausbildung

Jugendliche mit Behinderungen erhalten bei Bedarf Unterstützung für die betriebliche Berufsausbildung. Die Agentur für Arbeit berät und klärt die Voraussetzungen.

  • Ausbildung nach der regulären Ausbildungsordnung mit Unterstützung wie technische oder ausbildungsbegleitende Hilfen, Prüfungsmodifikationen oder eine Verlängerung der Ausbildungszeit.
  • Ausbildung nach besonderen Ausbildungsregelungen für behinderte Menschen zum Fachpraktiker oder Werker. Dabei werden zum Beispiel die praktischen Inhalte stärker gewichtet als die theoretischen.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.