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ZB 2-2015

Job-Coaching

Kompetente Trainer gefragt

Job-Coaching für schwerbehinderte Menschen bedeutet: Die Beschäftigten werden direkt am Arbeitsplatz qualifiziert. Trainer für hör- und sehbehinderte Menschen sind bislang Mangelware. Zwei Modellprojekte aus dem Rheinland sollen dies ändern.

Sonja Cornely bekommt eine Einführung an der Brailletastatur, (c) Paul Esser
Sonja Cornely wird zum Job-Coach für sehbehinderte Menschen ausgebildet, (c) Paul Esser
Ziel des Job-Coachings ist es, behinderten Mitarbeitern arbeitsrelevante Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln, eine gute Arbeitsleistung zu erreichen und ihre Beschäftigung zu sichern. Job-Coaching wird nicht als bundesweit einheitliche Leistung angeboten. In einigen Ländern, wie in Baden-Württemberg, wird es im Rahmen der Unterstützten Beschäftigung angeboten, andernorts auch darüber hinaus. Die Integrationsämter klären zunächst den Bedarf und koordinieren die Durchführung. Gemeinsam mit dem Arbeitgeber und dem schwerbehinderten Mitarbeiter werden die Eckpunkte der Maßnahme vereinbart, also Ziele sowie Beginn und Dauer.

Mit dem Job-Coaching werden dann professionelle Trainer beauftragt, die Kenntnisse über die Auswirkungen von Behinderungen besitzen. Meistens bringen sie auch berufliche Fachkenntnisse aus einem Erstberuf mit, zum Beispiel als Handwerker oder EDV-Spezialist.

Beispiel für klassisches Job-Coaching Ein klassisches Einsatzgebiet von Job-Coaching ist die Unterstützung von Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Lernen haben. So wie Anja Schneider (Name geändert). Die 25-Jährige hat in einem Berliner Seniorenwohnheim eine sechsmonatige Qualifizierung zur Alltagsbegleiterin abgeschlossen. Dabei lernte sie, REPORTdie demenzkranken Bewohner zu motivieren – etwa indem sie mit ihnen über Hobbys spricht oder mit ihnen singt. Im Kontakt mit den Senioren bewies die junge Frau sehr viel Einfühlungsvermögen. Nach der Qualifizierung wurde Anja Schneider als Springerin eingesetzt. Innerhalb kürzester Zeit kam es zu großen Problemen. Die schwerbehinderte Frau verfasste keine schriftlichen Berichte und betreute nur etwa die Hälfte der ihr zugeteilten Senioren. Ihr Arbeitsplatz war akut gefährdet. Um eine Kündigung zu verhindern, stellte das Integrationsamt beim Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin ihr einen Job-Coach zur Seite.

Sonja Cornely mit Augenklappe und Blindenstock beim Treppensteigen, (c) Paul Esser
Während der Ausbildung probiert sie auch, wie es sich anfühlt, blind zu sein, (c) Paul Esser
Vier Phasen des Coachings
Die Arbeit des Job-Coaches ist in mehrere Phasen unterteilt. In einer ersten Klärungs- und Planungsphase werden in der Regel gemeinsam mit dem Arbeitgeber, der Schwerbehindertenvertretung, dem Betriebs- oder Personalrat sowie dem Beschäftigten die Schwierigkeiten benannt und Ziele gesetzt. Ein wesentliches Problem wurde in Berlin vorab gelöst: Anja Schneider arbeitete nicht mehr als Springerin, für sie war nur noch ein fester Ansprechpartner zuständig. Zu den weiteren Zielen gehörten die selbstständige Leitung einer Gymnastikgruppe und das Erstellen einer lückenlosen Dokumentation. In der zweiten Phase, der so genannten Selbstintegration, arbeitete der Job-Coach mit Anja Schneider gemeinsam auf der Station. Dadurch lernte er die Arbeit kennen und konnte Vertrauen zu der schwerbehinderten Mitarbeiterin und ihren Kollegen aufbauen. In der folgenden „Interventions- oder Veränderungsphase“ trainierte der Job-Coach mit Anja Schneider beispielsweise die sorgfältige Dokumentation ihrer Arbeit. Als die junge Frau ihre Aufgaben zunehmend selbstständig erledigen konnte, begann die abschließende Stabilisierungsphase des Coachings, in der sich der Job-Coach langsam zurückziehen konnte. Heute erledigt die 25-Jährige ihre Aufgaben so souverän, dass sie in eine unbefristete Festanstellung übernommen wurde.

Trainer für sinnesbehinderte Menschen Bis vor Kurzem gab es bundesweit nur wenige Job-Coaches für hör- und sehbehinderte Menschen, die über die notwendigen Kompetenzen – wie das Beherrschen von Gebärdensprache oder Blindentechnik – verfügen. Um das Angebot zu verbessern, hat das Integrationsamt beim Landschaftsverband Rheinland zwei Modellprojekte ins Leben gerufen. Deren Ziel ist, Arbeitstrainer für hör- und sehgeschädigte Menschen auszubilden und vier Planstellen in Integrationsfachdiensten einzurichten. Das Projekt Job-Coaching für hörgeschädigte Menschen wurde bereits erfolgreich abgeschlossen und steht seit 2014 als Regelleistung im Rheinland zur Verfügung. Nach diesem Vorbild werden derzeit Job-Coaches für sehbehinderte Menschen ausgebildet (siehe Interview).

 

INTERVIEW

Ich begleite einen Weg
Die Physiotherapeutin Sonja Cornely wird seit Mai 2014 im Berufsförderungswerk Düren zum Job-Coach für sehbehinderte Menschen qualifiziert. Sie berichtet von ihrer Ausbildung.

Porträt von Sonja Cornely, (c) Paul Esser
(c) Paul Esser
Warum braucht ein Job-Coach eine besondere Ausbildung, um sehbehinderten Menschen helfen zu können?


Sonja Cornely Vieles ist für Sehende so selbstverständlich. Deshalb ist es nicht einfach, sich in die besonderen Herausforderungen für Menschen mit Sehbehinderung hineinzudenken. Man muss sich komplett umstellen, um ein Verständnis für die behinderungsspezifischen Probleme am Arbeitsplatz zu erhalten. Natürlich muss ich auch die speziellen technischen Hilfsmittel kennen – angefangen vom Bildschirmlesegerät über Vergrößerungssoftware bis hin zur Braillezeile.

In der Ausbildung haben Sie auch ausprobiert, wie es sich anfühlt, nichts zu sehen ...

Cornely Unsere Zielgruppe sind Berufstätige, für die ist selbstständige Mobilität wichtig – etwa auf dem Weg zur Arbeit oder im Betrieb. Während der Ausbildung waren wir mit einer Simulationsbrille in der Stadt unterwegs und mussten lernen, uns blind zu orientieren. Ich habe erlebt, was hilfreich ist – und was nicht.

Sie haben bereits einen Praxisteil mit einem sehbehinderten Beschäftigten in einem Betrieb absolviert. Womit waren Sie da konfrontiert?

Cornely In diesem Fall gab es mehrere Probleme. Der Betroffene trägt eine Brille und seinen Kollegen war gar nicht klar, dass seine Schwierigkeiten nicht einfach mit einer stärkeren Brille behoben werden können. Ich habe den Klienten ermutigt, mit seiner Sehschwäche offen umzugehen. Eine Aufgabe bestand also darin, Akzeptanz für Hilfsmittel und Verständnis bei den Kollegen zu schaffen. Sie geben ihm jetzt bei Bedarf Hilfestellungen.

Sie suchen also nach individuellen Lösungen für den einzelnen Beschäftigten und seinen Arbeitsplatz?

Cornely Ja. Aber ich bringe als Job-Coach keine fertigen Lösungen in den Betrieb mit. Sondern ich begleite einen Prozess. Ich gebe Anstöße und erarbeite gemeinsam mit allen Beteiligten die für sie richtige Lösung.


WEITERE INFORMATIONEN


Fachliteratur
In dem 2014 erschienenen Fachbuch "Jobcoaching" beschreiben die Autoren Reinhard Hötten und Thorsten Hirsch Vorgehen, mögliche Blockaden und Lösungen des betrieblichen Arbeitstrainings.

Mehr unter: www.balance-verlag.de

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.