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ZB 2-2016

Konfliktlösung

Probleme anpacken und meistern

Konflikte gehören zum menschlichen Miteinander – auch im betrieblichen Alltag. Wie kann die Schwerbehindertenvertretung damit umgehen? Der erste Schritt: Die eigene Rolle klären!

Thomas Lambert mit einer Aktenmappe lächelt in die Kamera, (c) Frank Schuppelius
Es lohnt sich, Zeit und Mühe in Beziehungspflege zu investieren, weiß Thomas Lambert, Regionalmanager beim LWV Hessen Integrationsamt, (c) Frank Schuppelius
Sie sehen sich als Anwalt der schwerbehinderten Menschen. Ihr Gegner ist der Arbeitgeber. "Mit dieser Vorstellung beginnt so mancher Schwerbehindertenvertreter sein neues Amt", stellt Thomas Lambert vom LWV Hessen Integrationsamt kritisch fest. Ein Missverständnis mit Folgen: Denn wer mehr auf Konfrontation als auf Konsens setzt, wird Konflikte erst recht heraufbeschwören. Der Diplom-Verwaltungswirt kennt sich mit diesem Thema aus: Bevor er anfing, Kurse für Vertrauenspersonen zu geben, war er als Sachbearbeiter im Bereich Kündigungsschutz und in der Begleitenden Hilfe immer wieder mit Streitfällen in Betrieben konfrontiert.

Die Rolle der SBV Weil ein klarer Auftrag die Basis für eine erfolgreiche Arbeit darstellt und viel Konfliktpotenzial von vornherein entschärft, empfehlen Fachleute wie Thomas Lambert den Besuch eines Grundkurses beim Integrationsamt. Dort lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass eine Schwerbehindertenvertretung die berechtigten Interessen der schwerbehinderten Beschäftigten vertritt und dabei auch die des Betriebes mit im Blick hat. "Denn Lösungen sind nur dann langfristig tragfähig, wenn beide Seiten damit zufrieden sind", sagt Thomas Lambert, der auch ausgebildeter Mediator ist.

Konflikte entzünden sich häufig an Missverständnissen. Zum Beispiel kann man nicht davon ausgehen, dass jeder Arbeitgeber weiß, welche Rechte und Pflichten eine Schwerbehindertenvertretung hat. Versäumt dieser aus Unkenntnis, die Vertrauensperson angemessen zu beteiligen, und wird ihm böse Absicht unterstellt, ist die Beziehung gleich zu Beginn gestört. Umso wichtiger ist es, dass die Schwerbehindertenvertretung ihre Aufgaben und Ziele im Betrieb vorstellt, etwa im Rahmen einer Schwerbehindertenversammlung, zu der auch der Arbeitgeber oder sein Beauftragter eingeladen wird.

Eine Vertrauensbasis aufbauen Was aber, wenn die Parteien einfach nicht "miteinander können"? "Wenn die Chemie zwischen den Beteiligten nicht stimmt, gibt es meist auch eine Vorgeschichte dazu", so Thomas Lambert. Deshalb empfiehlt er seinen Kursteilnehmern, Zeit und Mühe in Beziehungspflege zu investieren. Gelegenheiten dazu gibt es viele: in der SBV-Sprechstunde für Kolleginnen und Kollegen, in den Gesprächen mit dem Arbeitgeber oder in den Sitzungen des Betriebs- oder Personalrats. Wer sich hier engagiert zeigt, den anderen wertschätzend begegnet und sich als verlässlicher Partner erweist, kann eine gute Vertrauensbasis aufbauen, die im Konfliktfall trägt und Lösungen einfacher macht.

Nicht jedes Problem, das bei der Beschäftigung schwerbehinderter Menschen auftaucht, ist ein Konflikt, erklärt Thomas Lambert. Aber manchmal prallen gegensätzliche Interessen, Ziele oder Wertvorstellungen aufeinander. Konflikte sind letztlich immer Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse. So kann der Arbeitgeber das Bedürfnis nach einer besseren Arbeitsleistung haben, die Kollegen nach gerechter Aufgabenverteilung und der schwerbehinderte Mitarbeiter nach Wertschätzung und der notwendigen Unterstützung. Wenn es nicht gelingt, diese Bedürfnisse in Einklang zu bringen, wird der Konflikt weiter schwelen.

Eskalation vermeiden Je früher eine Einigung erzielt wird, desto besser. Denn Spannungen haben die Eigenschaft, zu eskalieren. "Wenn man den richtigen Zeitpunkt für eine Lösung verpasst, wird es für alle Beteiligten immer schwieriger, unbeschadet aus dem Konflikt herauszugehen. Bis es irgendwann nur noch Verlierer gibt", erklärt Thomas Lambert vom hessischen Integrationsamt.

Eine Lösung ist oft nicht so einfach zu finden, wenn es sich um komplexe Probleme handelt. Der Auslöser ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Die darunter liegenden Ursachen sind zunächst verborgen. Ein erster Schritt zur Konfliktlösung besteht deshalb darin, im Gespräch einen Überblick über die Situation zu  bekommen: Worum geht es? Wer ist beteiligt? Was ist das eigentliche Problem?

Eine Schwerbehindertenvertretung, die um Vermittlung gebeten wird, muss sich spätestens jetzt über ihren Auftrag klar werden: Was kann ich dazu beitragen, um den Konflikt zu lösen? Was sind meine Aufgaben, was nicht? Wo gibt es Unterstützung von anderer Seite? Es lohnt sich, im geschützten Rahmen eines Kurses verschiedene Szenarien durchzuspielen, um für die Praxis mehr Sicherheit im Umgang mit Konflikten zu gewinnen. "Ein weiterer Vorteil ist", so Thomas Lambert, "dass in den Schulungen neben Anfängern immer auch routinierte Vertrauensleute sitzen, von deren Erfahrungsschatz alle profitieren können."

 

Interview

Keine Angst vor Konflikten!

Über die Rolle der Schwerbehindertenvertretung in betrieblichen Konflikten spricht die ZB mit Thomas Lambert, Regionalmanager beim LWV Hessen Integrationsamt in Wiesbaden.

Thomas Lambert beim Interview, (c) Frank Schuppelius
Thomas Lambert ist ausgebildeter Mediator, (c) Frank Schuppelius
Herr Lambert, was erwartet das Integrationsamt von einer Schwerbehindertenvertretung, wenn bei der Beschäftigung schwerbehinderter Menschen Konflikte auftreten?

Thomas Lambert Wir sehen die Schwerbehindertenvertretung als eine Art Ersthelfer: Sie wird frühzeitig auf Probleme aufmerksam und versucht, auf eine Lösung hinzuwirken. Dafür wird sie in unseren Kursen qualifiziert. Unterstützung erhalten Vertrauenspersonen der schwerbehinderten Menschen auch durch den Integrationsfachdienst, der beratend und begleitend an der Entwicklung einer Lösung mitarbeitet.

Was kann ich als Schwerbehindertenvertretung tun, wenn der Arbeitgeber die Kooperation verweigert?

Lambert Wenden Sie sich an das Integrationsamt! Im Gespräch wird man gemeinsam die Situation im Betrieb analysieren, dabei auch das eigene Verhalten hinterfragen und Handlungsmöglichkeiten ausloten.

Was raten Sie Schwerbehindertenvertretungen, die noch wenig Erfahrung haben?

Lambert Es ist auf jeden Fall wichtig, das eigene Konfliktverhalten zu reflektieren, um nicht in Fallen zu tappen, die man sich unbewusst selbst stellt. Ich möchte die Schwerbehindertenvertretungen ermutigen: Haben Sie keine Angst vor Konflikten! Denn sie sind auch eine Chance – sie weisen darauf hin, dass etwas nicht stimmt, und man kann daran arbeiten. Damit die Situation in Zukunft für alle Beteiligten besser läuft!

 

WEITERE INFORMATIONEN

Kurse

In Kursen des Integrationsamtes lernen die Teilnehmer, schwierige Gespräche zu führen, in Verhandlungen zu überzeugen und mit Konflikten im Betrieb konstruktiv umzugehen. Die aktuellen Kursprogramme stehen im Internet bereit.

Mehr unter: www.integrationsaemter.de/kurs-vor-ort

 

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.