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Beruf

ZB 4/2010

Wechsel an der BIH-Spitze

Kräfte bündeln, gemeinsam handeln

Auf der Jahreshauptversammlung der BIH im Oktober 2010 wählten die Integrationsämter eine neue Führungsspitze. Die ZB sprach mit dem langjährigen BIH-Vorsitzenden Karl-Friedrich Ernst und seiner Nachfolgerin im Amt Dr. Helga Seel über Erreichtes und zukünftige Aufgaben.

Karl-Friedrich Ernst / (c) Thomas Müller
Karl-Friedrich Ernst / (c) Thomas Müller
ZB Herr Ernst, Sie geben nach 16 Jahren Ihre ehrenamtliche Tätigkeit als Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der  Integrationsämter
und Hauptfürsorgestellen (BIH) auf. Wie sieht die Bilanz nach dieser Zeit aus?

Karl-Friedrich Ernst Die Integrationsämter sind in dieser Zeit mit ihren Aufgaben zweifellos weitergekommen. Wir können aber mit der Situation
schwerbehinderter Menschen am Arbeitsmarkt dennoch nicht zufrieden sein. Im Herbst 2010 meldeten uns die Statistiken zwar einen Rückgang der allgemeinen Arbeitslosigkeit, aber die Zahl der arbeitslosen schwerbehinderten Menschen liegt immer noch über dem Vorjahr.

ZB In welchen Bereichen gab es Fortschritte?

Ernst Ich denke dabei vor allem an die Entwicklung der Begleitenden Hilfe im Arbeitsleben als wichtigstes Instrument zur Sicherung bedrohter Arbeitsplätze. Sie läuft heute weit besser und viele Betriebe schätzen die kompetente Beratung durch die Integrationsämter. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind viel vor Ort an den Arbeitsplätzen und mit vielen Arbeitgebern hat sich eine gute Zusammenarbeit entwickelt. Wir werden nicht mehr ausschließlich als „Kündigungsschutzbehörde“ und Stelle wahrgenommen, an die man die Ausgleichsabgabe bezahlen muss,sondern zunehmend als auch kompetente Dienstleister.

Die BIH hat in den letzten Jahren ebenfalls einiges erreicht, um die Arbeit der Integrationsämter in Deutschland voranzubringen und zu koordinieren. Es gibt inzwischen viele „Empfehlungen“ der BIH zur Umsetzung der Vorschriften des Sozialgesetzbuchs IX. Das hat zu einem vergleichbaren Standard in Deutschland beigetragen. Wir haben weiter gemeinsame EDV-Anwendungen für die Arbeit der Integrationsämter entwickelt und die Öffentlichkeitsarbeit gebündelt, zum Beispiel durch die Herausgabe dieser Zeitschrift, was jedem Bundesland sehr viel Geld spart und zu einer einheitlicheren Wahrnehmung der Integrationsämter beiträgt.

ZB Was sehen Sie als den wichtigsten „Markstein“ während Ihrer Amtszeit an?

Ernst Das war zweifellos das Inkrafttreten des Sozialgesetzbuches IX im Jahr 2001. Sicher haben sich bei weitem nicht alle damit verknüpften Hoffnungen erfüllt. So gibt es Bereiche, in denen ich kaum Fortschritte sehe, zum Beispiel bei der Entwicklung von Gemeinsamen Servicestellen. Die Idee war sicher gut, die Realisierung dagegen schlecht. Auch das Persönliche Budget hat trotz großer „Werbefeldzüge“ nach wie vor kaum praktische Bedeutung. Die Zusammenarbeit der gesetzlichen Leistungsträger hat sich zwar verbessert, ist aber nach meiner Auffassung bei weitem noch nicht so, wie sie sein sollte.

Anderes ist dagegen weit besser gelungen: Zum Beispiel das Förderinstrumentarium für Integrationsfirmen, die dadurch in den letzten Jahren eine gute Entwicklung gemacht haben. Auch den Rechtsanspruch auf eine Arbeitsassistenz oder die Präventionsvorschrift mit dem Betrieblichen Eingliederungsmanagement kann man sicher auf der Habenseite verbuchen.

Zwiespältig ist die Bilanz bei den Integrationsfachdiensten: Einerseits liefern sie hervorragende Arbeitsergebnisse ab. Andererseits wurden sie von der Bundesagentur für Arbeit im Aufgabenbereich Arbeitsvermittlung letztlich wieder fallen gelassen. Im Streit um ihre Finanzierung, um die Beauftragung durch die Bundesagentur fur Arbeit und seit diesem Jahr nun auch noch wegen der Anwendung des Vergaberechts wurden erhebliche finanzielle Ressourcen und viel Arbeitskapazität verschwendet. Das ist aus Sicht der Integrationsämter schon enttäuschend. Stabil sind die Integrationsfachdienste nur im Bereich der beruflichen Begleitung und inzwischen auch hinsichtlich der Aufträge der Rehabilitationsträger.

ZB Wie sieht Ihre persönliche Planung aus?

Ernst Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Funktion so lange ausüben konnte und mich die Kolleginnen und Kollegen in Deutschland mehrfach wiedergewählt haben. Aber man muss rechtzeitig den Absprung finden, zumal die Zusatzbelastung doch ganz erheblich ist. Ich habe noch einige Berufsjahre vor mir und werde mich nun wieder ganz meinem Hauptberuf als Leiter des Integrationsamtes beim KVJS widmen. Die BIH werde ich im Vorstand - wenn auch nicht mehr an vorderster Front - weiter unterstützen.

Dr. Helga Seel / (c) Thomas Müller
Dr. Helga Seel / (c) Thomas Müller
ZB Frau Dr. Seel, Sie wurden zur neuen Vorsitzenden der BIH gewählt. Dazu zunächst einmal herzlichen
Glückwunsch. Worauf werden Sie besonderen Wert legen?

Dr. Helga Seel Ich freue mich auf die künftigen Aufgaben als Vorsitzende der BIH und trete das Amt ja nicht völlig unbefleckt an. Ich bin schon seit 2002 Mitglied im Vorstand und weiß die gute Zusammenarbeit mit den Vorstandskollegen zu schätzen. Dies möchte ich mit dem neuen Vorstand genauso intensiv fortsetzen.

Zusammenarbeit, Vernetzung, Koordination spielen für mich eine zentrale Rolle. Die BIH ist ein Zusammenschluss aller Integrationsämter in  Deutschland. Dass die Integrationsämter insgesamt eine positive Bilanz ihrer Arbeit ziehen konnen, dass sie als Anlaufstellen fur Menschen mit Behinderung, ihre Arbeitgeber, fur die Schwerbehindertenvertretungen geschätzt werden, hat - trotz unterschiedlicher Schwerpunktsetzung bei den einzelnen Integrationsamtern - viel mit dem gemeinsamen Aufschlag in wichtigen Handlungsfeldern zu tun. Hier nenne ich die Erarbeitung von Empfehlungen fur die Umsetzung von Leistungen der Begleitenden Hilfen, das standardisierte Schulungsangebot der Integrationsämter, die gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit.

Diese Formen der Abstimmung, die Verständigung auf gemeinsame Eckpunkte, auf gemeinsame Positionen und Vorgehensweisen sowie der Erfahrungsaustausch sind fur eine erfolgreiche Arbeit unerlässlich.

ZB Wo sehen Sie die Schwerpunkte für die Arbeit der Integrationsämter?

Dr. Seel Die Zahl der arbeitslosen schwerbehinderten Menschen ist nach wie vor hoch. Dabei zieht der Arbeitsmarkt wieder deutlich an. Unsere Bemühungen müssen dahin gehen, dass auch schwerbehinderte Menschen von der positiven Entwicklung profitieren. Dies betrifft auch die Teilhabe behinderter Jugendlicher am Arbeitsleben. Möglichst viele von ihnen sollen die Chance auf eine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen. Dass dies mit gezielter Unterstützung gelingen kann, haben die zahlreichen Aktivitäten vieler Integrationsämter bereits gezeigt. Und die erfolgreiche Tätigkeit vieler Integrationsunternehmen am Markt ist ein Beweis dafür, dass auch Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf sich am allgemeinen Arbeitsmarkt bewähren können. Diese Wege gilt es weiter zu verfolgen.

Aber nicht nur die Forderung der Schaffung neuer Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen muss uns beschäftigen, die Erhaltung von Arbeitsplätzen ist ebenso wichtig. Hier spielen Prävention und Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) eine wichtige Rolle. Immer wieder bekommen wir die Rückmeldung, wie hilfreich das Angebot der Integrationsämter bei der Einführung des BEM für die Betriebe und Dienststellen ist.


PORTRÄTS

Karl-Friedrich Ernst
Jahrgang 1955, Jurist, seit 1988 Leiter der Hauptfürsorgestelle
des Landeswohlfahrtsverbandes Baden. Ab 2005: Dezernent des Integrationsamtes beim Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) Baden-Württemberg in Karlsruhe. Von 1994 bis 2010 Vorsitzender der BIH.

Dr. Helga Seel
Jahrgang 1956, Philologin, seit 2000 Leiterin des Integrationsamtes und der Hauptfürsorgestelle beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) in
Köln. Ab 2002 Mitglied des Vorstandes der BIH, Schriftleiterin der Zeitschrift ZB – Behinderte Menschen im Beruf.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.