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ZB 1/2013

Blinde Lehrer

Lernen fürs Leben

Sie unterrichten an zwei verschiedenen Schulen in zwei verschiedenen Bundesländern zwei verschiedene Fächerkombinationen, und doch verbindet Martin Park und Dietmar Schade mehr als bloß der Lehrerberuf.

Dietmar Schade und die Referendarin beim Unterrichten, (c) Peter Lutz
Dietmar Schade unterrichtet Latein und Religion. (c) Peter Lutz
„Schön, wie heute die Sonne scheint, graue Tage mag ich ja nicht so“, kommentiert Dietmar Schade das Recklinghäuser Wetter vor den Fenstern des Klassenzimmers scherzhaft. An sich eine völlig belanglose Beobachtung, wäre da nicht eine Kleinigkeit: Dietmar Schade ist blind. Ebenso wie sein Kollege Martin Park aus dem baden-württembergischen Kirchheim unter Teck. Während Martin Park Französisch und Erdkunde unterrichtet, bringt Dietmar Schade seinen Schülern die Fächer Latein und evangelische Religionslehre näher.

Wie einen Sack Flöhe hüten, so kommt es vermutlich schon manchem nicht behinderten Lehrer vor. Für Dietmar Schade und Martin Park ist es Leidenschaft. Zusammen mit der Referendarin Katrin Knoblauch, die auch bei ihm ihr Examen ablegte, will Dietmar Schade heute die Schüler einer 8. Klasse über das Thema Tod diskutieren lassen. Im so genannten „Team-Teaching“ teilen sich Dietmar Schade und Katrin Knoblauch die Moderation, wobei die Referendarin die Arbeitsblätter an die Schüler verteilt. Bevor es an die Aufgaben geht, sollen die Schüler Todesanzeigen vorlesen und sich ein paar Gedanken dazu machen. Raschelnd ziehen sie die Zeitungen aus ihren Taschen. Im Gegensatz zu anderen Klassen sieht man hier keine hektischen Handzeichen und kein Fingerschnippen, sondern Dietmar Schade ruft eine Schülerin auf, dann wird eine „Meldekette“ gebildet, die Schüler rufen sich also gegenseitig auf. Wenn doch mal ein Schüler dringend etwas loswerden will, ruft er seinen Namen in die Klasse.

Martin Park präsentiert einen Reliefglobus. (c) Friedrich Stampe
Martin Park arbeitet mit einem Reliefglobus. (c) Friedrich Stampe
Martin Park hat das Problem mit den Meldungen gelöst, indem die Schüler sich gegenseitig den „Meldeball“ zuwerfen und so lernen, den Unterricht selbst zu moderieren. Macht ein Schüler Unsinn und spielt zum Beispiel auf seinem Handy herum, kann Martin Park dank seines feinen Gehörs genau sagen, welcher seiner Schützlinge eine kleine Verwarnung braucht. Ansonsten versetzt der 32-Jährige seine Schüler in Staunen, wenn er ihnen beschreibt, wie die Luft in den Wäldern Nordfrankreichs riecht, und ihnen auf dem Reliefglobus die verschiedenen Länder der Erde zeigt.

Die Schüler mit Begeisterung anstecken, das ist auch Dietmar Schades Anliegen. Seine Leidenschaft für Sprachen und Theologie haben ihn zu der Entscheidung geführt, Lehrer zu werden. Der Weg dahin war allerdings nicht schnurgerade: Nachdem der 45-jährige Dietmar Schade zunächst die Blindenschule im westfälischen Soest besucht hatte, bestand er sein Abitur an einem Regelgymnasium in seinem Geburtsort Recklinghausen und machte im Anschluss sein Staatsexamen in Latein und evangelischer Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Danach war er drei Jahre lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Landschaftsverband Westfalen- Lippe (LWL) angestellt. 2007 kam er schließlich, zunächst nur als Schwangerschaftsvertretung, an das Marie-Curie- Gymnasium in Recklinghausen, doch dann richtete der damalige Schulleiter eine Planstelle für Dietmar Schade ein. Kollegen und Schulleitung reagierten positiv: „Einen blinden Kollegen zu haben, nimmt dem Thema Behinderung doch gleich diese Pseudo-Exotik,“ so Peter Faßbach, ein Lehrerkollege. Dem stimmt auch Franz-Josef Richert, stellvertretender Schulleiter, zu: „Ich denke, dass sowohl Schüler als auch Lehrer etwas von Herrn Schade lernen können.“

Ebenso wie Dietmar Schade besuchte Martin Park ein reguläres Gymnasium. Von der Trennung zwischen blinden und sehenden Schülern hält er persönlich nicht viel. Er sei auch von seiner Mutter nie „in Watte gepackt“ worden und entschied sich so nach dem Abitur für ein Studium an der Universität in Freiburg. Danach kam er über die normale Vergaberegelung an ein Referendariat und unterrichtet nun am Schlossgymnasium in seinem Heimatort. Seine Direktorin Lucia Heffner hatte von Anfang an keine Bedenken bei Martin Parks Einstellung und er selbst nimmt sein Anderssein mit Humor: „Der eine Lehrer hat vielleicht eine Knollennase und der Park sieht eben nichts.“

Menschliche und technische Hilfen erhalten sowohl Dietmar Schade als auch Martin Park für diejenigen Unterrichtsaspekte, die ein Augenpaar erfordern, wie zum Beispiel Klausuraufsicht oder das Betreuen von Gruppenarbeit. Das Integrationsamt beim Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden- Württemberg (KVJS) übernahm die Kosten für Martin Parks Arbeitsassistentin, die ihm der Integrationsfachdienst Esslingen vermittelt hatte. Dietmar Schade kann dank der Förderung durch das LWL-Integrationsamt ebenfalls eine Arbeitsassistenz anstellen, die ihn im Lateinunterricht unterstützt. „Und im Religionsunterricht ersetze ich ihm die Augen,“ wie Katrin Knoblauch es scherzhaft formuliert.

Neben einer Arbeitsassistenz ist auch für die nötige technische Ausrüstung der beiden Lehrer gesorgt, die von ihren Schulen jeweils ein festes Klassenzimmer zugeteilt bekommen haben, um sich leichter im Unterricht orientieren zu können. So benutzt Martin Park in seinen Stunden ein so genanntes Smartboard, eine Art digitale Tafel, auf die er mit Hilfe eines blindengerechten Laptops schreiben kann, die Mittel hierfür kamen ebenfalls vom KVJS-Integrationsamt.

Dietmar Schade arbeitet mit einem Beamer mit dem er über seinen Laptop Tafelanschriebe gestalten kann. Und in dem Klassenzimmer, in dem er unterrichtet, sind spezielle Wand- und Deckenpaneele installiert, die den Schall bündeln und so seine akustische Orientierung verbessern. Die Mittel für Umbau und Beamer kamen vom LWL-Integrationsamt.

„Ein bisschen komisch“ fand sie das schon, beschreibt die Schülerin Julia ihre erste Reaktion auf einen blinden Lehrer. „Aber wir kommen richtig gut mit Herrn Schade klar, und bei ihm lernen wir auch, die Sachen viel genauer zu beschreiben, mehr auf Details zu achten.“ Ihr Klassenkamerad Hermann findet den Unterricht „ganz normal, es gefällt mir, dass Herr Schade die Stunden auch mal anders gestaltet“. Und auch Martin Parks Schüler lernen durch seine Behinderung, dass Dinge wie Aussehen und Kleidung nur Oberflächlichkeiten sind, eine vielleicht noch wichtigere Lektion als die richtige Akzentsetzung im Französischen.

Am Ende der Stunde fragen Dietmar Schade und Katrin Knoblauch, ob die Aufgabe den Schülern Spaß gemacht habe, die Antwort ist trotz des ernsten Themas ein einhelliges „Ja“. Als es läutet, stürmen die Schüler aus dem Klassenzimmer. Schlagartig füllen sich die Gänge mit Kinderlärm – so klingt für Dietmar Schade und Martin Park ein ganz normaler Arbeitstag.

 

Info: Zahlen und Fakten
In der Bundesrepublik gibt es laut des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten (DVBS) aktuell schätzungsweise 150.000 blinde und eine halbe Million sehbehinderte Menschen. Von den etwa 45.000 blinden Menschen im erwerbsfähigen Alter ist etwa ein Zehntel erwerbstätig. Traditionelle Ausbildungsberufe für blinde Menschen wie Masseur oder Telefonist sind laut DVBS nach wie vor gefragt, allerdings haben sich durch den IT-Bereich in den letzten Jahren einige neue Berufsfelder für blinde Menschen erschlossen.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.