Symbol Gebärdensprache Symbol Leichte Sprache

Behinderung
&
Beruf

ZB 1/2012

Verzahnte Ausbildung

Lernen unter realen Bedingungen

Gero Banko fährt ein Kommissionierfahrzeug, (c) Nancy Heusel
Der Auszubildende Gero Banko. (c) Nancy Heusel
Der 21-jährige Gero Banko wird am Berufsbildungswerk Annastift in Hannover zum Fachlageristen ausgebildet. Den größten Teil seiner fachpraktischen Ausbildung erhält er in einem Unternehmen für Logistik im Gesundheitswesen.

„Wenn Herr Banko uns im Februar verlässt, können Sie uns dann wieder einen Auszubildenden vermitteln?“ Fragen wie diese von Seiten eines Betriebes signalisieren Kerstin Fennen: Es ist gut gelaufen! Die Ausbilderin im Berufsbildungswerk (BBW) Annastift Leben und Lernen in Hannover
betreut in diesem Ausbildungsjahr vier angehende Fachlageristen, die in der freien Wirtschaft die berufliche Praxis erlernen.

Es muss passen

Die Hälfte seiner zweijährigen Ausbildungszeit am BBW verbrachte Gero
Banko bei der Rhenus eonova GmbH, einem Logistik-Unternehmen, das Krankenhäuser mit Sach- und Wirtschaftsbedarf wie Medizinprodukten
beliefert. Der Betrieb betrat mit der Ausbildung eines behinderten Menschen Neuland. „Am Anfang ist es ganz wichtig zu schauen: Passen der Auszubildende und der Betrieb zusammen?“ sagt Kerstin Fennen.
Der Standort der Rhenus eonova in Hannover mit 30 Beschäftigten schien genau der richtige Ort zu sein für den sensiblen und zurückhaltenden jungen Mann: Die Betriebsstruktur ist überschaubar, der Umgangston nicht zu rau.

Als Kleinkind wurde Gero Banko ein Gehirntumor entfernt. Seine weitere
Entwicklung verlief insgesamt etwas verzögert. Zwar schaffte er später
den Realschulabschluss, eine reguläre betriebliche Ausbildung hätte
ihn jedoch überfordert. Denn es fällt ihm schwer, mit anderen Menschen
in Kontakt zu treten und sich zu behaupten. Mit Unterstützung des BBW
im Rücken sah die Situation aber anders aus.

Sich an der Realität messen

Gero Banko (re.) mit Chef und Ausbilderin Kerstin Fennen, (c) Nancy Heusel
Kerstin Fennen vom BBW erkundigt sich beim Standort-Leiter Olaf Wolff (li.) nach dem Stand der Ausbildung. (c) Nancy Heusel
Während der betrieblichen Phase seiner Ausbildung arbeitete Gero
Banko drei Tage in der Woche im Unternehmen. Mittwochs besuchte er
eine 40 Kilometer entfernte Regel-Berufsschule. Im Berufsbildungswerk
wurden diejenigen Ausbildungs Inhalte vermittelt, die der Betrieb nicht
abdecken konnte. Außerdem stand eine intensive Prüfungsvorbereitung
auf dem Lehrplan.

Während ihrer Betriebsbesuche konnte Kerstin Fennen beobachten, wie
Gero Banko im Umgang mit seinen Kollegen immer mehr „auftaute“ und
sich öffnete. Genauso beeindruckt war die Ausbilderin davon, wie souverän
und geschickt Gero Banko das Kommissionierfahrzeug an den Lagerregalen entlang manövrierte oder mit dem Handscanner Aufträge abrief. „Andere Betriebe arbeiten noch mit Papierlisten. Rhenus ist da viel fortschrittlicher“, sagt Gero Banko stolz. Aber es wird auch mehr verlangt als im BBW, gibt er zu. Deshalb übte Kerstin Fennen mit ihm, verschiedene Arbeitsabläufe konzentrierter und zügiger zu erledigen.

Gütesiegel „Betriebspraxis“

Gero Banko (li.) und seine Ausbilderin Kerstin Fennen, (c) Nancy Heusel
Gezieltes Training hilft Gero Banko, seine Aufgaben konzentrierter und zügiger zu erledigen. (c) Nancy Heusel
„Herr Banko hat uns positiv überrascht. Es ist ihm gelungen, seine anfängliche Scheu teilweise zu überwinden und sein Potenzial auszuschöpfen“, stellt der Objektleiter des Standorts von Rhenus eonova in Hannover, Olaf Wolff, fest. Am Ende seiner Ausbildungszeit im Unternehmen hat Gero Banko ein Zeugnis erhalten – wie ein Gütesiegel wertet es seine gesamte Berufsausbildung auf. Bei Rhenus wird er nicht bleiben, da er in seine Heimatstadt zurückkehren möchte.

 

ZUM THEMA

Interview mit Dr. Katja Robinson, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke (BAG BBW)

Info-Kasten: Verzahnte Ausbildung (Begriffserklärung, Vorteile, Angebot)

 

ZB Online

Alle Ausgaben
Aktuelle Ausgabe
2019 2018 2017 2016
2015 2014 2013 2012
2011 2010 2009 2008
2007 2006 2005

Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.