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ZB 03/2011

Titelbild ZB 3/2011, (c) Fotolia V/fotolia.com Technische Beratung

Maßgeschneiderte Arbeitsplätze

Die Beratenden Ingenieure des Integrationsamtes finden technische und organisatorische Lösungen für die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen. Einer von ihnen ist Otto Klick-Weiler aus Hamburg.

Am Schreibtisch sitzen und nach Aktenlage entscheiden, ist seine Sache  nicht. Viel lieber fährt Otto Klick-Weiler mit seinem Motorrad zu den  Betrieben, die seinen Rat brauchen. „Inzwischen sind es an die 200 Lokaltermine im Jahr – viel mehr als früher“, so der Ingenieur, der vor 25 Jahren beim Technischen Beratungsdienst des Integrationsamtes  angefangen hat. Das Amt ist bei der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration in Hamburg angesiedelt. Das Einsatzgebiet des 58-Jährigen und seiner Kollegin erstreckt sich über die ganze Hansestadt.

Problem  analysieren

„Ein Betriebsbesuch ist auch deshalb so wichtig, weil sich die  Situation vor Ort manchmal ganz anders darstellt als auf dem Papier“, sagt  Otto Klick- Weiler und schildert den Fall einer Juristin, die an ALS – einer  schweren fortschreitenden Erkrankung des motorischen Nervensystems –  erkrankt ist. Ihre Muskelkraft reichte irgendwann nicht mehr aus, um die schwere Eingangstür zum Betriebsgebäude zu öffnen. Im Laufe des Gesprächs wurde der Technische Berater jedoch mit einem weitaus ernsteren Problem konfrontiert: der Juristin drohte der Verlust ihrer Stimme.

Otto Klick-Weiler und Christine Heess, (c) Suzanne Eichel
Das Hamburger Team: Otto Klick-Weiler und Christine Heess, (c) Suzanne Eichel

Weil jeder Fall anders und neu ist, macht sich der Technische Berater zuerst ein genaues Bild von der Situation am Arbeitsplatz. „Die wichtigste Informationsquelle ist mein Gegenüber“, sagt Otto Klick-Weiler. „Einzelgespräche haben den Vorteil, dass mein Gesprächspartner ganz offen über Schwierigkeiten sprechen kann.“ Gleichzeitig ist es ihm wichtig, mit allen Beteiligten zu reden. Manchmal treten Probleme als „Schattenthemen“ auf. Sie können jeden Lösungsansatz im Keim ersticken, weiß Otto Klick-Weiler: „Man sitzt in der Runde und alle sind sich einig, dass sie nur das Beste für den Mitarbeiter wollen. Trotzdem spürst du die unausgesprochenen Konflikte, so dass sich insgeheim vielleicht einige Teilnehmer denken: Am besten kommen wir zurecht, wenn er nicht da ist … .“ Solche Barrieren muss der Berater kennen, um Lösungsvorschläge zu entwickeln, die alle mittragen können.

Profile abgleichen

Wenn es darum geht, technische oder organisatorische Hilfen zu gestalten, spielt die Profilmethode eine wichtige Rolle. Dabei werden systematisch die Anforderungen des konkretenArbeitsplatzes den vorhandenen Fähigkeiten des behinderten Menschen gegenüber gestellt. Otto Klick-Weiler prüft  körperliche Anforderungen, Umgebungseinflüsse, Gefährdungspotenziale, Schlüsselqualifikationen und weitere Kriterien. Er berät sich mit Fachleuten vor Ort, wie dem Betriebsarzt und der Sicherheitsfachkraft, um alle wichtigen Informationen zusammenzutragen und auszuwerten. Anlass für die Beratung kann beispielsweise ein akuter Krankheitsschub oder eine stufenweise  Wiedereingliederung sein.

Auf der Fachmesse Reha-Care wurde Otto Klick-Weiler auf ein neues Hilfsmittel aufmerksam, das für die Juristin mit ALS  geeignet schien. Er trat mit dem Hersteller im Internet unter „meine-eigene-stimme.de“ in Kontakt. Drei Wochen später wurde die Stimme der behinderten Frau aufgenommen, um daraus eine individuelle Sprachausgabe zu bauen. In vielen anderen Fällen, die der Technische Berater betreut, profitieren auch die Kollegen ohne Handicap von der  behinderungsgerechten Gestaltung eines Arbeitsplatzes, beispielsweise urch eine Hebehilfe, die schweres Tragen überflüssig macht.

Lösungen umsetzen

Oft stehen mehrere Produkte und Anbieter zur Auswahl. Um neutral  zu beraten, zeigt Otto Klick-Weiler den Beteiligten, wo sie sich selbst näher informieren können. „Danach sprechen wir natürlich über die Vor- und Nachteile.“ Auf Wunsch vermittelt er den Kontakt zu Betroffenen, die bereits Erfahrung im Umgang mit einem bestimmten Hilfsmittel haben. „Vielen macht das Mut, weil sie merken: Wenn der andere das geschafft hat, schaffe ich das auch!“

Manchmal muss ein Hilfsmittel erst ganz neu entwickelt werden,  weil es auf dem Markt noch nichts Entsprechendes gibt. Dann setzt sich der Beratende Ingenieur des Integrationsamtes vielleicht mit einem  Orthopädiemechaniker oder einem Möbelbauer zusammen. Diese „Entwicklungsarbeit“ kommt später anderen Betroffenen zugute. Angebote  prüfen und die Umsetzung der geplanten Maßnahmen organisieren gehört ebenfalls zum Service des Technischen Beratungsdienstes. Kunde ist nicht nur der behinderte Mensch, sondern auch der Arbeitgeber, dem der Berater Entscheidungsoptionen aufzeigt. Beispielsweise bei der Frage: Einzelbüro oder Großraumbüro?

Die Unterstützung des Technischen Beraters endet nicht, wenn das Hilfsmittel geliefert und die Rechnung bezahlt ist. Otto Klick-Weiler: „Manchmal muss auch nachgebessert werden, bis alles optimal passt.“

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.