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Behinderung
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Beruf

Mitarbeiter in der Holzverarbeitung ZB 2/2009

Mainfränkische Werkstätten

Mehr als ein Platz zum Arbeiten ...

Erster Arbeitsmarkt heißt das Ziel, doch für viele behinderte Menschen ist die Werkstatt der richtige Arbeitsplatz. Wie arbeiten die Beschäftigten dort? Die ZB besuchte die Mainfränkischen Werkstätten in Würzburg.

Als vor einiger Zeit die jetzige Präsidentin des Bayerischen Landtags, Barbara Stamm, die Mainfränkischen Werkstätten in Würzburg besuchte und eine sichtlich erkältete behinderte Mitarbeiterin fragte, wieso sie denn in diesem Zustand trotzdem zur Arbeit ginge, erhielt sie nur lapidar zur Auskunft: „Ohne mich läuft das hier nicht!“ Eine Szene, die treffend beschreibt, wie stark sich die meisten Beschäftigten mit „ihrer“ Werkstatt identifizieren.

Die Mainfränkische Werkstätten GmbH ist ein Verbund von zehn Werk- und Betriebsstätten in Würzburg und der Region. Träger sind mehrere Lebenshilfe-Vereine und der Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte in Würzburg. Insgesamt sind dort rund 1.100 behinderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Die Würzburger Werkstätte, eine der ersten und größten Einrichtungen in diesem Verbund, bietet 400 überwiegend geistig, aber auch körperlich behinderten Menschen eine Beschäftigung in den Bereichen Elektro/Kabelkonfektion, Metallbearbeitung, Schreinerei, Montage und Verpackung sowie Kreativarbeiten. „Bekannt sind die Mainfränkischen Werkstätten jedoch für ihre vielfältigen Arbeitsplätze außerhalb klassischer Werkstatträumlichkeiten“, so Michael Wenzel, Prokurist und Leiter des Sozialen Dienstes der Mainfränkischen Werkstätten „... zum Beispiel in unseren Betriebsstätten Wildpark Sommerhausen, Theater Augenblick, Zentralküche Kitzingen und Mainfrankenhof Schwarzenau – ein Kartoffelverarbeitungsbetrieb.“

Individuell fördern

Wer als behinderter Mensch neu in eine Werkstatt kommt, durchläuft zunächst ein dreimonatiges „Eingangsverfahren“, um herauszufinden, ob die Werkstatt der richtige Platz für ihn ist. In dieser Zeit wird auch ein individueller Eingliederungsplan mit einer Empfehlung für die weitere berufliche und persönliche Förderung erstellt. Hanna Butz zum Beispiel absolviert den Berufsbildungsbereich im Wildpark Sommerhausen. Die junge Frau mit Down-Syndrom mag Tiere, vor allem Pferde, und träumt von einer dauerhaften Beschäftigung in dem Tier- und Freizeitpark. Derzeit lernt sie während einer zweijährigen praktischen Qualifizierung nicht nur, mit den Tieren richtig umzugehen und sie zu versorgen, sondern auch zuverlässig und möglichst eigenständig und verantwortungsbewusst ihre Aufgaben zu erledigen.

Dauerhafter Job garantiert

Nach dem Berufsbildungsbereich schließt sich für die meisten Teilnehmer der Arbeitsbereich der Werkstatt an. Die Beschäftigung in einer Werkstatt ist unbefristet.

Carsten Kobold, gelernter Schreiner mit sonderpädagogischer Zusatzausbildung, ist Gruppenleiter für den Bereich Holz. Seine Aufgabe ist es, die 13 behinderten Mitarbeiter seiner Gruppe fachlich anzuleiten und zu betreuen. Gleichzeitig ist der 29-Jährige verantwortlich für die Qualität der Produktion und die termingerechte Lieferung. „Wir fertigen zum Beispiel für einen Auftraggeber Holzbausätze für den Werkunterricht in Schulen.“

Mit billigen Massenproduktionen aus Asien oder Osteuropa kann die Werkstatt nicht konkurrieren. „Deshalb müssen wir Nischen finden: Das sind Dienstleistungen, aber auch so genannte Systemleistungen, die alle Herstellungsschritte beinhalten: vom Materialeinkauf über Lagerung, Montage und Verpackung bis hin zur Distribution“, erklärt Carsten Kobold. Wettbewerbsfähig ist die Werkstatt auch bei der Fertigung komplexer Bauteile in kleinen Serien, zum Beispiel Kabelkomponenten für medizinische Instrumente. „Trotz Wirtschaftskrise haben wir derzeit noch genügend Arbeit für unsere Beschäftigten“, stellt Michael Wenzel fest. Anders sieht es bei Werkstätten aus, die von einem großen Kunden oder einer Branche abhängig sind, zum Beispiel als Zulieferer in der Automobilindustrie.

Arbeitsmarkt im Visier

Die Integration von geeigneten Werkstattbeschäftigten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ist gesetzlicher Auftrag aller Werkstätten. „Wir haben dafür gute Voraussetzungen geschaffen“, so der Sozialdienstleiter Michael Wenzel mit Blick auf den Integrationsfachdienst und das Integrationsunternehmen, die beide zum Werkstattverbund gehören. Auch mit „Außenarbeitsplätzen“ unterstützen die Mainfränkischen Werkstätten den Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt: Derzeit arbeiten 25 Werkstattbeschäftigte in privatwirtschaftlichen Betrieben, zum Beispiel in einem Würzburger Altenheim und in einem Kindergarten. Für die Betroffenen eine Chance, wenn es gut läuft, in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen zu werden.

Leben in der Werkstatt

„Behinderte Menschen kommen nicht nur zum Arbeiten hierher“, erklärt Beata Seidel, Mitarbeiterin des Sozialen Dienstes der Werkstatt. Der Dienst berät die Betroffenen und ihre Angehörigen in Fragen der beruflichen wie auch persönlichen Förderung und bietet in Konfliktsituationen seine Hilfe an. Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen haben deutlich zugenommen, beobachtet Michael Wenzel. Entsprechend hat die Werkstatt ihr therapeutisches Angebot erweitert, das neben Ergotherapie und Krankengymnastik auch heilpädagogisches Reiten und psychologische Beratung umfasst.

Beata Seidel, die in der Werkstatt für die „Erwachsenenbildung“ zuständig ist, hat gerade mit Kolleginnen ein neues Kurskonzept erarbeitet, das sich an den Wünschen und Zielen der behinderten Mitarbeiter orientiert. Beliebte Kurse sind derzeit Computer, Tanzen, Erste Hilfe oder der „Führerschein“ für einen Hand-Gabelstapler.

Der Werkstattrat

Wie in jeder menschlichen Gemeinschaft läuft auch in der Werkstatt nicht alles rund und konfliktfrei. Anregungen und Beschwerden landen dann oft zuerst beim Werkstattrat. Das Gremium aus sieben gewählten Kollegen vertritt die Interessen der behinderten Beschäftigten gegenüber der Werkstattleitung, zum Beispiel wenn es um die Urlaubsplanung oder das Lohnsystem geht.

Dass viele der behinderten Menschen bis ins Rentenalter in der Werkstatt arbeiten wollen, kann Michael Wenzel verstehen: „Hier haben sie ein vertrautes soziales Umfeld aus Freunden, Kollegen und Ansprechpartnern.“ Auch auf das Freizeitangebot der Werkstatt möchten viele nicht verzichten – etwa, wenn der Würzburger Motorradclub zu einer Spritztour auf einer Harley Davidson einlädt …


WfbM und Ausgleichsabgabe

Arbeitgeber, die an anerkannte Werkstätten für behinderte Menschen Aufträge erteilen, können 50 Prozent des auf die Arbeitsleistung der Werkstatt entfallenden Rechnungsbetrages auf die Ausgleichsabgabe anrechnen.

Kontakt:
www.werkstaetten-im-Netz.de

 

 

 

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.