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Behinderung
&
Beruf

ZB 2-2017

Integrationsunternehmen

Mit Recycling Perspektiven schaffen

Außergewöhnlich, umtriebig, engagiert – mit diesen drei Attributen lässt sich das Unternehmen AfB beschreiben. Gegründet wurde es 2004 in Ettlingen als erstes gemeinnütziges IT-Unternehmen in Europa.

Julian Stolz begutachtet gemeinsam mit einem Kollegen ein IT-Gerät, (c) ARTIS Uli Deck
"Der Rollstuhl spielt hier keine Rolle", sagt Julian Stolz, Auszubildender bei AfB, (c) ARTIS Uli Deck
Die Geschäftsidee ist bestechend einfach: AfB übernimmt von großen Konzernen und öffentlichen Einrichtungen ausgemusterte IT-Hardware, bereitet sie auf und führt eine zertifizierte Löschung der Daten durch. An allen anfallenden Arbeiten sind Menschen mit und ohne Behinderungen gleichermaßen beteiligt. Bei dem Unternehmen ist der Name Programm: Das Kürzel "AfB" bedeutet "Arbeit für Menschen mit Behinderung". Die fertig aufbereiteten Geräte werden in eigenen Shops, bei den Partnerfirmen vor Ort oder über die Website mit mindestens einem Jahr Garantie wieder verkauft. Irreparable oder zu alte Geräte, die nicht mehr in die Hände neuer Nutzer gebracht werden können, dienen als Ersatzteillager und werden dazu in ihre Einzelteile zerlegt. Die wenigen verbleibenden Rohstoffe gehen schließlich an zertifizierte Recyclingbetriebe.

Wirtschaftliche Jobs Eine weitere Besonderheit: Im Unternehmen sind alle Arbeitsabläufe barrierefrei gestaltet. Jeder Arbeitsplatz ist an die jeweiligen Bedürfnisse des einzelnen Mitarbeiters angepasst und bietet die technischen Hilfsmittel, die unter Umständen benötigt werden. Für den einen Mitarbeiter liegt die Lösung in möglichst gleichbleibenden Routinetätigkeiten, beim anderen ist es ein höhenverstellbarer Schreibtisch. "Der Unternehmensgründer hat erkannt, dass Menschen mit Behinderung in der IT-Branche arbeiten und dort einen wirtschaftlichen in Ettlingen. Eine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann. "Meine Ausbildung ist bald zu Ende, die Arbeit macht mir viel Spaß. Das Arbeitsklima ist toll und dass ich im Rollstuhl sitze, spielt hier überhaupt keine Rolle." Julian Stolz arbeitet in der Abteilung E-Commerce. Dort berät er Kunden am Telefon oder per E-Mail und löst allerlei technische Probleme.

Praktika für Berufsanfänger Für AfB ist es selbstverständlich, dass behinderte und nicht behinderte Menschen zusammenarbeiten. "Für uns steht der Mensch im Vordergrund und nicht seine Behinderung", sagt Lars Keller. Zur Unterstützung beschäftigt das Unternehmen einen eigenen Betriebssozialarbeiter, der sich beispielsweise um die zahlreichen Anfragen nach Praktikumsplätzen kümmert. Meist kommen die Praktikanten über den Integrationsfachdienst, Schulen oder Bildungsträger – einige bewerben sich aber auch direkt. Pro Abteilung wird immer nur ein Praktikumsplatz vergeben, um eine bestmögliche Betreuung zu gewährleisten. Darüber hinaus wird das Unternehmen vom Integrationsamt beim Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) unterstützt – sowohl finanziell als auch beratend. Wie alle Mitarbeiter mit Behinderung hat auch Julian Stolz zunächst ein Praktikum im Unternehmen absolviert. "Das Praktikum war für mich eine super Sache. So habe ich die Firma gut kennengelernt und konnte mir schon nach kurzer Zeit vorstellen, hier meine Ausbildung zu machen."

Ausbildung im Fokus Einen Ausbildungsplatz in der freien Wirtschaft zu bekommen, ist für behinderte Menschen im Allgemeinen sehr schwierig. Nicht so bei AfB: Neben Ettlingen gibt es weitere Unternehmensstandorte, an denen ausgebildet wird. Dazu gehören Berlin, Nürnberg,  duale Studium BWL-Handel ist möglich. Manchmal lässt die Behinderung eine Regelausbildung nicht zu. Dann bietet AfB eine Ausbildung zum Fachpraktiker für IT-Systeme. Diese erfolgt nach besonderen Ausbildungsregelungen für behinderte Menschen.

AfB-Lastwagen mit verpackten IT-Geräten auf der Laderampe, (c) AfB
(c) AfB
Firmenmotto "social & green"
Neben seinem sozialen Engagement setzt sich das Unternehmen auch für Nachhaltigkeit ein. Durch die Aufbereitung der gebrauchten IT-Geräte werden Ressourcen geschont und Elektroschrott sowie CO2 in hohem Maße vermieden. "Viele Konzerne und Einrichtungen haben den Vorteil bereits erkannt: Sie können notwendige Geschäftsprozesse ohne zusätzliches Investment mit sozialem und ökologischem Engagement verbinden", erklärt Lars Keller. Das Konzept, das schon viele langjährige Arbeitsverhältnisse hervorgebracht hat, geht auf: Inzwischen arbeiten an insgesamt 14 Standorten europaweit über 250 Mitarbeiter in dem Integrationsunternehmen. Ungefähr die Hälfte davon ist schwerbehindert. "Langfristig wollen wir weiter expandieren und noch viel mehr Menschen mit Behinderung beschäftigen", sagt der Ettlinger Niederlassungsleiter. Wenn die Pläne aufgehen, könnten so bis zu 500 neue Arbeitsplätze entstehen.

 

Porträt von Paul Cvilak, (c) AfB
(c) AfB
"Nachhaltiges Unternehmertum bedeutet, dass man vorhandene Möglichkeiten ausschöpft, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, dies aber immer auf wirtschaftlicher Basis löst. Diese Maxime wird bei allen unternehmerischen Entscheidungen der Tochtergesellschaften berücksichtigt."

Paul Cvilak, Gründer der AfB gemeinnützige GmbH in Ettlingen und Träger des Bundesverdienstkreuzes

 





Porträt von Christian Vedder, (c) Thomas Brenner
(c) Thomas Brenner
"Mit 150 Millionen Euro fördert der Bund aktuell die Schaffung neuer Arbeits- und Ausbildungsplätze in Integrationsunternehmen. Das zeigt: Die Politik hat erkannt, dass diese Betriebe einen wichtigen Beitrag zur Inklusion im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention leisten. Denn dort arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen erfolgreich zusammen."

Christian Vedder, Mitarbeiter des Integrationsamtes beim Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) Baden-Württemberg

 

 

 

WEITERE INFORMATIONEN

Zahlen & Daten

Bundesweit gibt es derzeit fast 850 Integrationsunternehmen. Sie stehen im freien Wettbewerb, sind Teil des allgemeinen Arbeitsmarktes und beschäftigen bis zu 50 Prozent schwerbehinderte Menschen. Damit verbundene außergewöhnliche Belastungen gleichen die Integrationsämter finanziell aus: Im Jahr 2015 mit fast 79 Millionen Euro. Das staatliche Förderprogramm "Inklusionsinitiative II – Alle im Betrieb" unterstützt mit 150 Millionen Euro bis 2019 den Aufbau und die Erweiterung von Integrationsunternehmen.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.