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Beruf

Derya Ertem bei der Arbeit in der Kantine des Landratsamtes in Pforzheim ZB 2/2006

Junge Menschen mit Lernschwierigkeiten

"Motivation ist das Kapital unserer Schüler"

Lernen vor Ort mit Menschen, die vor Ort arbeiten: Nach diesem Grundsatz begleitet die Berufsvorbereitende Einrichtung der Gustav-Heinemann- Schule in Pforzheim junge Menschen mit Lernschwierigkeiten auf ihrem Weg in die Arbeitswelt.

„Vor 25 Jahren haben wir eine überraschende Entdeckung gemacht ...“, Klaus-Peter Böhringer erzählt, wie sich aus einer spontanen Idee im Laufe vieler Jahre ein erfolgreiches Konzept zur beruflichen Eingliederung von jungen Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt hat. Der 61-jährige Pädagoge war damals schon Leiter der Gustav-Heinemann-Schule in Pforzheim. Die Ganztagsschule wird von rund 160 geistig behinderten Schülerinnen und Schülern besucht. Ihre Schulzeit dauert in der Regel zwölf Jahre. „...Damals wurde das Schulhaus grundlegend saniert und wir hatten die Idee, unsere Schüler an den Arbeiten zu beteiligen. Eine Projektgruppe der Werkstufe, also der Abgangsklasse, sollte den Handwerkern helfen. Zum Beispiel die Baustelle sauber halten, Werkzeug bringen und andere Helfertätigkeiten.“

Überrascht waren die Fachleute, zu welchen Leistungen die Schüler fähig waren und wie wohl sie sich in der „realen Arbeitswelt“ fühlten. Diese positive Erfahrung weckte bei den Schülern den Wunsch, nach der Schule in einem richtigen Betrieb zu arbeiten, anstatt in eine Werkstatt für behinderte Menschen zu gehen. Tatsächlich konnten vier der acht Schüler nach Abschluss der Arbeiten in Betriebe der näheren Umgebung vermittelt werden. Sie hatten Schlüsselqualifikationen wie Fleiß, Ausdauer, Teamwork und Kritikfähigkeit erworben und über längere Zeit bewiesen. Außerdem hatten sie handwerkliche Fertigkeiten erlernt, die ihre Lehrer bis dahin nicht für möglich gehalten hatten: „Einmal montierten zum Beispiel vier Schüler selbstständig vorgefertigte Deckenelemente aus Holz.“

Ziel: Arbeitsreife entwickeln

Die Schulzeit an einer Schule für Geistigbehinderte endet in der Regel mit einer dreijährigen Werkstufe. Ziel ist es, die Schülerinnen und Schüler umfassend auf ein möglichst selbstständiges Erwachsenenleben vorzubereiten. Auf dem Lehrplan stehen daher Themen wie Mobilität, Wohnen sowie Berufsorientierung und eine berufliche Grundbildung, zum Beispiel in den schuleigenen Werkstätten. So war es auch bei der Gustav-Heinemann-Schule.

Die Erfahrungen beim Umbau des Schulgebäudes gaben jedoch den Anstoß, neben der vorhandenen Werkstufe ein ergänzendes Angebot einzuführen. Da dieses Angebot die Eingliederung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zum Ziel hat, wird sie als Eingliederungswerkstufe bezeichnet. Nach dem Grundsatz „Lernen vor Ort mit Menschen, die vor Ort arbeiten“ sollen die Schüler durch betriebliche Praktika die notwendige Arbeitsreife für eine spätere berufliche Tätigkeit entwickeln.

Praxistage im Betrieb

Zu Beginn lernen die Schüler über ein Schnupperpraktikum einen Arbeitsbereich intensiver kennen, zum Beispiel in der Großküche eines Krankenhauses, in einem Metall verarbeitenden Betrieb oder auf einem Bauernhof. Im Anschluss daran kann das Praktikum an einem bis zwei Tagen in der Woche über einen längeren Zeitraum fortgesetzt werden. Um die Belastbarkeit zu trainieren, findet mindestens einmal im Jahr ein zwei- bis vierwöchiges Blockpraktikum statt. Vorbereitet und begleitet wird die praktische Tätigkeit im Betrieb von den Lehrern.

Über einen Zeitraum von drei Jahren werden peu à peu die Anzahl der Praxistage und die Dauer der Praktika ausgedehnt. In der letzten Phase sind die Schüler in der Regel nur noch an einem Tag in der Woche gemeinsam in der Schule. So können sie sich langsam in das Arbeitsleben eingewöhnen und von der Schule abnabeln. Um herauszufinden, welche Tätigkeit am besten ihren Interessen und Fähigkeiten entspricht, sollen die Schüler in verschiedenen Arbeitsbereichen praktische Erfahrungen sammeln.

„Die Anerkennung und der Erfolg, den die Schüler in den Betrieben erfahren, ist eine wichtige Triebfeder für ihre Motivation und den Lernfortschritt“, weiß Klaus-Peter Böhringer. Das Ziel der Eingliederungswerkstufe ist die Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. In der Regel wird dies eine Helfertätigkeit sein.

Berufsvorbereitende Einrichtung

Um das Angebot der Eingliederungswerkstufe auch anderen Schulen in der Umgebung zugänglich zu machen, entschloss man sich im Jahr 2004, eine räumlich eigenständige Einrichtung zur beruflichen und sozialen Eingliederung behinderter junger Menschen zu eröffnen. Dies war die Geburtsstunde der Berufsvorbereitenden Einrichtung des Enzkreises – kurz BVE – in Pforzheim. Für die Umsetzung dieses Vorhabens wurde ein Netzwerk von Partnern gebildet, zu dem neben der Gustav- Heinemann-Schule und drei weiteren Schulen im Enzkreis auch Betriebe, Arbeitsagentur, Integrationsfachdienst und der Verein Miteinander leben e.V. gehören.

Inzwischen werden in der BVE 31 Schüler beschult, darunter auch „schwache“ Abgänger einer Förderschule, also einer Schule für lernbehinderte Menschen. Unterstützt werden die Eingliederungsbemühungen durch eine eigens dafür angestellte Integrationsfachkraft, deren Stelle vom Integrationsamt beim Kommunalverband für Jugend und Soziales in Karlsruhe finanziert wird. Gemeinsam mit den Lehrern bemüht sie sich unter anderem darum, geeignete Praktikumsplätze zu finden. Dabei profitieren sie von den guten Erfahrungen der Betriebe in der Zusammenarbeit mit der Schule, die sich inzwischen herumgesprochen haben ... „In den vergangenen Jahren konnten aus beiden Schulen für geistig behinderte Menschen im Enzkreis über 110 ehemalige Schüler erfolgreich in den allgemeinen Arbeitsmarkt eingliedert werden,“ stellt Klaus-Peter Böhringer zufrieden fest.„ Und fast alle haben sich seither dort behauptet!“

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.