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ZB 1-2021

Führungskräfte sind jetzt gefordert

Auf einem Bildschirm sind Carsten Huck und Yasmin Stößer zu sehen, beide lachen und winken in die Kamera.© BIH/Rupert Oberhäuser
Pandemiebedingt arbeiten viele Mitarbeiter mehr als sonst im Home-office, so dass hybride Führung noch wichtiger wird. Auch das ZB-Fotoshooting mit Carsten Huck und Yasmin Stößer fand digital statt.

Nach der Pandemie wird es vielfach zum Arbeitsalltag gehören, je nach Bedarf im Homeoffice oder im Büro zu arbeiten. Diese Flexibilität erfordert eine neue Art der Führung, wie unser Beispiel beim inklusiven IT-Unternehmen AfB zeigt: Eine gute Führung bringt gerade aus dem Umgang mit behinderten Menschen heraus Vorteile für das gesamte Unternehmen.
 

Als im März 2020 der „Lockdown“ aufgrund der Corona-Pandemie ausgerufen wurde, stießen viele Unternehmen an ihre Grenzen. Carsten Huck, Chefeinkäufer beim IT-Unternehmen AfB, blieb zumindest für seinen Bereich entspannt. Der Grund dafür: Im Unternehmen gab es eine erprobte Homeoffice-Regelung. Diese besagte bereits vor der Pandemie, dass AfB-Mitarbeiter einmal in der Woche zu Hause arbeiten durften. „Und das hat immer gut funktioniert“, sagt Huck. Aktuell führt er ein diverses Team von 40 Leuten, 20 Prozent sind Menschen mit Behinderung. Diese relativ hohe Zahl kommt nicht von ungefähr: AfB ist Europas größtes gemeinnütziges IT-Unternehmen, spezialisiert darauf, gebrauchte Business-IT zu übernehmen, zertifiziert zu löschen, aufzuarbeiten und wieder zu vermarkten. AfB steht für „Arbeit für Menschen mit Behinderung“. Alle Prozessschritte in der IT-Firma sind barrierefrei, und dieser Fokus auf Barrierefreiheit zahlt sich in der Corona-Pandemie besonders aus. Der Schritt ins Homeoffice war durch bereits barrierefrei gedachte Infrastruktur und Prozesse leichter, die Reibungsverluste fielen geringer aus. Gleichzeitig sind die positiven Effekte von diversen Teams für das Unternehmen groß – davon profitieren alle.

 

AfB wurde als gemeinnützige GmbH im Jahre 2004 in Ettlingen bei Karlsruhe gegründet. Europaweit arbeiten fast 500 Menschen für den IT-Recycler, davon 45 Prozent Menschen mit Behinderung. Für diese Beschäftigtengruppe war und ist die Corona-Pandemie besonders herausfordernd. Deshalb ist wichtig, dass Führungskräfte die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter berücksichtigen. Das war natürlich schon vor der Pandemie so, seit März 2020 gilt dies aber in besonderem Maße.

Neue Wege der Kommunikation.

Damals, vor einem Jahr, war Manager Huck positiv überrascht: Viele Initiativen seien in den ersten Wochen des Lockdowns von den Mitarbeitern ausgegangen. Sein Team habe sich direkt eigenständig organisiert, erzählt er. Die Anzahl der E-Mails innerhalb des Teams nahm rapide ab, „weil sich ganz selbstverständlich über die Chatfunktionen unterschiedlicher Software-Programme ausgetauscht wurde“. Dass die Mitarbeiter so schnell zu einer persönlicheren Art der Kommunikation gefunden haben, war gut für den Teamzusammenhalt. Und auch individuell gesehen fällt es vielen leichter, im Chat oder über einen Messagin-Dienst zu schreiben. Das ist schnell und unkompliziert, außerdem kommt es Mitarbeitern mit einer kognitiven Beeinträchtigung entgegen – Chats sind weniger formell als E-Mails und es muss nicht penibel auf Satzbau und Co. geachtet werden. Deshalb werden neue Formen der Kommunikation wie Teamchats oder Messaging-Dienste gerade von kognitiv beeinträchtigten Menschen gerne genutzt. Mit den Bedürfnissen seiner Mitarbeiter mit Behinderung sei er während der Pandemie sensibler, hellhöriger umgegangen, erzählt Huck. Aber anders habe er die Mitarbeiter mit Behinderung nicht geführt, allein schon, um den Grundsatz der Gleichbehandlung nicht zu verletzen. Durch ein Rotationsprinzip traf er seine Mitarbeiter auch gelegentlich im Büro. Die gesamte Zeit seit März 2020 führt er sein Team also „hybrid“.

Wichtige Ansprechpartner.

Die AfB-Betriebssozialarbeiterin Yasmin Stößer begleitet die 160 Beschäftigten am Standort Ettlingen und steht bei Fragen oder Problemen zur Verfügung. „Bei meiner Arbeit steht der Mitarbeiter im Mittelpunkt – und nicht jeder Mitarbeiter ist gleich. Das trifft auch auf Menschen mit Behinderung zu“, sagt sie. Deshalb müsse man auf jeden Mitarbeiter einzeln eingehen. Der eine sei daran gewöhnt zu fragen, wenn er Hilfe braucht. Die andere scheue Nachfragen oder bitte nicht um Hilfe, weil dies Schwäche zeigen könnte. Und das wolle ein Mensch mit Behinderung oft nicht, sagt Stößer. Deshalb gilt es, Führungskräfte darauf vorzubereiten, dass Mitarbeiter unterschiedlich sind und sich in Arbeitsweise sowie in Stressbewältigungsstrategien unterscheiden. Betriebe, die keine Betriebssozialarbeiter beschäftigen, können sich an die Integrationsfachdienste wenden. Auch die Schwerbehindertenvertretung kann unterstützen. Sie kennt die Bedürfnisse und Sorgen der Mitarbeiter mit Behinderung im Unternehmen und kann entsprechend Hinweise geben. Wichtig ist, den Kontakt zu Mitarbeitern möglichst immer aufrechtzuerhalten.
Ähnliche Erfahrungen hat Gerald Bauer vom Integrationsfachdienst in Düren im Rheinland gemacht. Bauer betreut unter anderem einen Klienten, der in der Dürener AfB-Niederlassung im Bereich „Fragmentierung von Festplatten“ arbeitet. Generell – nicht nur bei seinem AfB-Klienten – sieht er Herausforderungen, wenn beispielsweise der direkte Ansprechpartner des Menschen mit Behinderung durch Homeoffice oder Quarantäne in der Pandemie ausfällt und sich der Kontakt verlagert. „Dann kann der behinderte Mitarbeiter schnell in ein Loch fallen.“ Das treffe vor allen Dingen diejenigen Beschäftigten, die schon vor der Pandemie die Tendenz hatten, sich zu isolieren, sagt Bauer. Die Integrationsämter können in solchen Fällen auch begleitende Leistungen vermitteln – diese richten sich an Mitarbeiter mit Schwerbehinderung und können beispielsweise in besonderen Krisensituationen in Anspruch genommen werden. Dazu zählt auch der Wechsel der Ansprechpartner im Betrieb.

Vorgesetzte müssen ihr Team gut kennen.

Auf einem Bildschirm ist Carsten Huck zu sehen. Er trägt ein rotkariertes Hemd und ist in einer Sprechbewegung abgebildet.© BIH/Rupert Oberhäuser
Carsten Huck führt Mitarbeiter digital und analog.
Einer Isolation kann auf unterschiedlichen Wegen vorgebeugt werden. Zunächst helfen technische Mittel wie Chatprogramme, damit der persönliche Kontakt nicht verloren geht. Außerdem sollten Führungskräfte in Zeiten von Corona bei den ruhigeren Beschäftigten öfter nachfragen, wie es geht, fordert auch Sozialarbeiterin Stößer. Gleichwohl macht sie Unterschiede zwischen Mitarbeitern im Büro und denen, die zu Hause arbeiten. „Im Büro trifft die Führungskraft ihre Teammitglieder an der Kaffeemaschine oder beim Mittagessen. Diese kurzen Tür-und-Angel-Gespräche fehlen dem Mitarbeiter im Homeoffice komplett“, sagt die 41-Jährige. Dann kann beispielsweise eine spontane Einladung zum digitalen Kaffeeklatsch eine gute Idee sein. Hier sei das Fingerspitzengefühl des Vorgesetzten gefragt. Bei längeren Arbeiten von zu Hause empfiehlt Stößer Kameras, damit man sich bei Videokonferenzen gegenseitig sieht. Außerdem hilft es, nachzufragen und immer wieder anzubieten: „Ich nehme mir Zeit für dich“.

Diese Verantwortung für die Arbeitssituation seiner Homeoffice-Mitarbeiter war auch für Carsten Huck im März 2020 eine neue Situation. Das seien zunächst einfache Fragen nach der IT-Ausstattung gewesen: Hat der Beschäftigte zu Hause genug Monitore, damit ein schnelles ergonomisches Arbeiten möglich ist? Stimmt die Internetgeschwindigkeit? Das Homeoffice war bei AfB zwar erprobt: Der Dauereinsatz war es nicht.

Regeln kennen.

Auch das Regelwerk sollten sich Führungskräfte ansehen: Die SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel der gesetzlichen Unfallversicherung beispielsweise legt genau fest, welche Regelungen im pandemiebedingten Homeoffice gelten. Arbeitgeber sind verpflichtet, auch für Homeoffice- und mobile Arbeitsplätze eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen. Diese Beurteilung umfasst seit 2015 auch psychische Gefährdungen – und nimmt damit den Arbeitgeber und die Führungskraft in die Pflicht. Die Herausforderung für die hybride Führung sieht Huck in der Art der Kommunikation. „Wenn ich jemandem gegenübersitze, weiß er meist, was ich will, und ich weiß, was er mir sagen will. Das merke ich bei Chats oder bei Videokonferenzen nicht immer sofort.“

In Zeiten von Homeoffice sei es wichtig, regelmäßig in den Austausch zu treten, auch damit sich der Mitarbeiter wertgeschätzt fühlt. Das sollte auf unterschiedlichen Kanälen passieren. Gespräche sollten sich außerdem nicht immer nur um Arbeitsthemen drehen. „Man muss einfach ein Gefühl und ein Verständnis für den Mitarbeiter im Homeoffice entwickeln“, sagt Huck. Ob er noch einen Tipp für andere Führungskräfte in der gleichen Situation habe? Miteinander reden, reden, reden, sagt er, das sei das beste Rezept.

Mehr Informationen

Die angesprochene SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel geht auf die Führungskräfte besonders ein, zum Beispiel unter 3 (3), 4.2.4 und 5.2.4.

baua.de > „SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel

Häufige Fragen zum Thema Homeoffice werden in der 4. Ausgabe 2020 der ZB beantwortet.

Hybride Teams zu führen kann erlernt werden. Es gibt viele Anbieter auf dem Markt – wir möchten an dieser Stelle keine Empfehlung aussprechen.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.