Symbol Gebärdensprache Symbol Leichte Sprache

Behinderung
&
Beruf

ZB 2-2017

Barrierefreies Internet

Neue EU-Vorgaben für öffentliche Stellen

Das Europäische Parlament hat neue Richtlinien für den barrierefreien Zugang zu Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen verabschiedet. Dadurch soll sich auch in Deutschland die Teilhabe für Menschen mit Seh- oder Hörbehinderung verbessern.

Europaflagge, (c) 12ee12/Fotolia.com
(c) 12ee12/Fotolia.com
Die Möglichkeit, das Internet zu nutzen, wird immer mehr zur Bedingung für eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft. Für behinderte Menschen erschweren jedoch häufig Barrieren den Zugang zu diesem Medium. Sehbehinderte Menschen sind beispielsweise darauf angewiesen, dass ihnen die Texte auf den Webseiten vorgelesen werden und sie sich nur mit Hilfe der Tastatur – also ohne Maus – auf den Seiten zurechtfinden. Hörbehinderte Menschen benötigen bei Audio- und Videodateien Untertitel oder alternative Angebote in der Gebärdensprache.

Am 26. Oktober 2016 hat das Europäische Parlament Richtlinien verabschiedet, in denen Mindeststandards für den barrierefreien Zugang zu Webseiten und zu mobile Anwendungen geregelt sind. Sie gelten für alle öffentlichen Institutionen, wie Verwaltungen, Gerichte, Finanzämter, Bibliotheken, Universitäten oder Institutionen des Gesundheitswesens. Ausgenommen sind Webseiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die Mitgliedsstaaten – und damit auch Deutschland – haben bis Herbst 2018 Zeit, die Vorgaben in nationales Recht umzusetzen.

Verständlichkeit wird Pflicht Die EU-Richtlinien geben vier Grundsätze für den barrierefreien Zugang vor: Die Seiten und Apps müssen Normen bezüglich der Wahrnehmbarkeit, der Bedienbarkeit, der Verständlichkeit und der Robustheit erfüllen. Das heißt, die Informationen müssen so dargestellt werden, dass auch behinderte Nutzer sie wahrnehmen, verstehen und auf den Seiten navigieren können. Außerdem müssen die Angebote "robust" sein, was bedeutet, dass sie für verschiedenste assistive Technologien, wie beispielsweise Vorlesesoftware für blinde Menschen, zugänglich sind. Die Vorgaben betreffen auch von Behörden bereitgestellte Dokumente, Bilder und Videos.

Die neuen EU-Richtlinien entsprechen weitgehend der Verordnung zu barrierefreier Informationstechnik (BITV), die in Deutschland seit 15 Jahren gültig ist. Nach ihr sind die Bundesbehörden bereits verpflichtet, Menschen mit Seh- oder Hörbehinderung einen barrierefreien Zugang zu ihren Internetseiten zu ermöglichen. Die Regeln gelten nicht auf Länderebene. Dennoch ist Deutschland damit im europäischen Vergleich eigentlich schon gut aufgestellt. Die EU-Richtlinien gehen über diese Vorgaben hinaus – eine Verbesserung, die das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) begrüßt. "Das bedeutet für Deutschland, dass auch in den Bundesländern, wo es gesetzlich bislang noch nicht verbindlich geregelt ist, die Behörden des kommunalen Sektors ihre Webseiten und mobilen Anwendungen barrierefrei gestalten müssen", erklärt eine Sprecherin des BMAS.

Privatwirtschaft ausgeklammert Auch wenn Deutschland dann im öffentlichen Bereich einen Fortschritt macht, ist der Weg zu einem barrierefreien Internet noch weit. Die neuen Richtlinien verbessern in erster Linie den Zugang für seh- oder hörbehinderte Menschen. Barrierefreiheit bedeutet aber, dass allen Menschen der Zugang möglich ist – beispielsweise auch Nutzern mit Lernbehinderung, für die es Angebote in Leichter Sprache bedarf. Völlig von den Vorgaben ausgeklammert ist die Privatwirtschaft. Das bemängelt Heiko Kunert, Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg, und verdeutlicht die Dringlichkeit an einem Beispiel. "Bei Banken geht vieles vorrangig übers Internet. Dabei sind die Anwendungen hinsichtlich Barrierefreiheit oft eine Katastrophe", sagt Heiko Kunert, der selbst blind ist. Dass die EU-Vorgaben für öffentliche Stellen eine Signalwirkung auf den privaten Sektor haben könnten und zu Nachahmung führen, glaubt er nicht. "Ich denke, hier kann nur mit klaren gesetzlichen Vorgaben etwas erreicht werden", so seine Überzeugung.

ZB Online

Alle Ausgaben
Aktuelle Ausgabe
2019 2018 2017 2016
2015 2014 2013 2012
2011 2010 2009 2008
2007 2006 2005

Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.