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Behinderung
&
Beruf

ZB 3-2014

Exzellent + inklusiv

Perspektiven für schwerbehinderte Akademiker


Sie sind hochqualifiziert und arbeiten überall dort, wo das gebraucht wird. Der Elektroingenieur Sebastian Wiedemann plant Energieanlagen bei der DB ProjektBau. Die Anästhesistin Dr. Angelika Trabert bringt Patienten schmerzfrei durch die OP. Der Doktorand Christoph Wendel forscht am Institut für Astrophysik in Würzburg. Alles ganz normal – mit der passenden Qualifikation. Und doch ist vieles außergewöhnlich.

Sebastian Wiedemann an seinem Arbeitsplatz, (c)DB ProjektBau
Elektroingenieur Sebastian Wiedemann, (c)DB ProjektBau
Elektroningenieure sind gefragt. Nach einem guten Studienabschluss 2011 fand Sebastian Wiedemann recht bald einen Arbeitsplatz in einem Planungsbüro der DB ProjektBau. Bei der Stellensuche wurde er vom Integrationsfachdienst Köln unterstützt. Sebastian Wiedemann ist hochgradig schwerhörig: "Alle hier im Team sind völlig offen und wissen, wie die Kommunikation reibungslos laufen kann. Meist stimmen wir uns per E-Mail ab, das ist ja heute Standard." Die Entwicklung der IT-Technik hat viele Kommunikations-Barrieren beseitigt. Im Gespräch kommt Sebastian Wiedemann mit seinen beiden Hörgeräten klar. In größeren Besprechungen wird er von einem Gebärdensprachdolmetscher begleitet.

Was zählt, ist die Fähigkeit Angelika Trabert ist bekannt als erfolgreiche Dressurreiterin. Sie gehört zum Top Team des DBS (Deutscher Behindertensportverband e.V.). Über 25 Gold-, Silber- und Bronzemedaillen bei WMs, EMs und Paralympics hat sie gewonnen. Angelika Trabert hat eine Dysmelie (Fehlbildung) beider Beine. "Mit sechs saß ich zum ersten Mal auf einem Pferd. Pferde begleiten mich ein Leben lang. Sie alle sind Persönlichkeiten und haben ihre Eigenheiten wie wir Menschen auch! Die Kunst besteht darin, sich gegenseitig zu akzeptieren und so eine gemeinsame Arbeitsbasis zu schaffen. Dies kann, insbesondere wenn man ein Handicap hat wie ich, nur auf Vertrauen und Miteinander basieren."

Dr. Angelika Trabert bei Ihrer Arbeit als Anästhesistin (c)privat
Dr. Angelika Trabert, Anästhesistin und Deutsche Meisterin in der Dressur 2014, (c)privat
Angelika Trabert ist promovierte Fachärztin für Anästhesiologie. Auf ihrer
Website – www.angelika-trabert.de – steht ganz oben: IT´s ABILITY, NOT DISABILITY THAT COUNTS! (Was zählt, ist die Fähigkeit, nicht die Behinderung). Sie nutzt ihre Fähigkeiten äußerst vielfältig. Als Ärztin engagiert sie sich zum Beispiel für das medizinische Hilfsprojekt Mango e.V. in Guinea/Westafrika. Und in ihrer hessischen Heimat kümmert sie sich natürlich auch um ihre Patientinnen und Patienten. Dr. Angelika Trabert arbeitet im Team der Tagesklinik Höchst und im Sana Klinikum in Offenbach.

Promi in Astrophysik Christoph Wendel ist ebenfalls ein PROMI, wenn auch (noch) nicht berühmt. PROMI heißt hier Promotion inklusive und ist eine bundesweite Initiative an Universitäten, die für schwerbehinderte Akademiker dreijährige Promotionsstellen bereitstellt, damit sie den Doktortitel erwerben können (siehe INFO). Seit Anfang März arbeitet Christoph Wendel als Doktorand mit einer halben Stelle (20 Wochenstunden) am Institut für Theoretische Physik und Astrophysik der Universität Würzburg.

Christoph Wendel an seinem Arbeitsplatz, (c)Judith Dauwalter
Doktorant Christoph Wendel, (c)Judith Dauwalter
Womit ist er befasst? "Wir untersuchen Strahlungsprozesse und Mechanismen der Teilchenbeschleunigung in astrophysikalischen Objekten fern vom thermodynamischen Gleichgewicht anhand von Beobachtungen und theoretischen Modellen." Hier ist Christoph Wendel in seinem Element und sein Professor Karl Mannheim schätzt die Kompetenz seines neuen Doktoranden außerordentlich: "Er ist mit einer kaum vorstellbaren Gabe ausgezeichnet, diese komplexen Zusammenhänge und ihre Vernetzung
in seinem Inneren abzubilden und dann
auch Lösungswege zu finden."

Christoph Wendel hat eine spinale Muskelatrophie (sog. Muskelschwund) und ist körperlich stark eingeschränkt. Er arbeitet in einem speziell ausgestatteten Elektrorollstuhl. Für die Dinge des alltäglichen Lebens, für den Weg zu seinem Arbeitsplatz an der Uni und bei Arbeiten, die dort zu erledigen sind – Unterlagen und Literatur beschaffen, aber auch Kaffee, Essen und Trinken – wird Christoph Wendel unterstützt durch persönliche Assistenten.

Exzellent plus inklusiv Es gibt einige prominente Akademikerinnen und Akademiker mit Behinderungen, die jeder kennt: Den Astrophysiker Stephen Hawking, Wolfgang Schäuble und Malu Dreyer, Verena Bentele, die blinde Biathletin und zwölffache Paralympics-Siegerin, heute Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Ansonsten ist die Gruppe der hochqualifizierten Menschen mit Behinderungen im öffentlichen Bewusstsein wenig präsent. In ihrer Pilotstudie Chancen und Barrieren für hochqualifizierte Menschen mit Behinderung* stellt Prof. Dr. Mathilde Niehaus von der Universität Köln fest, dass die zahlenmäßige Größe der hochqualifizierten Menschen mit Behinderungen unterschätzt wird. Gleichzeitig herrscht bei vielen Menschen (darunter auch Arbeitgebern) noch das Vorurteil, dass akademische Leistung und Behinderung nicht zusammenpassen.

Um dieses Vorurteil abzubauen, ist es wichtig, die Sichtbarkeit der Gruppe hochqualifizierter Menschen mit Behinderung zu erhöhen. Die Pilotstudie zeigt, dass es in den Betrieben viele positive Beispiele für die tatsächliche Leistungsfähigkeit von Menschen mit Behinderungen gibt und dass Arbeitgeber gerne bereit sind, ihre Erfahrungen zu teilen. Dies kann dazu beitragen, die Offenheit für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen generell zu erhöhen.

* Prof. Dr. Mathilde Niehaus, Dipl. Psych. Jana Bauer: Chancen und Barrieren für hochqualifizierte Menschen mit Behinderung, Pilotstudie zur beruflichen Teilhabe, Abschlussbericht, Hrsg. Aktion Mensch e.V., Bonn 2013

STATEMENTS

Porträt von Thorsten Prenner, (c)Bundesagentur für Arbeit Zur Situation der Arbeitsvermittlung
"Im Dezember 2013 waren in Deutschland 7.541 schwerbehinderte Akademiker auf Stellensuche – 22 Prozent mehr als vor drei Jahren. Besonders hart trifft es die über 50-Jährigen, die mit etwa zwei Dritteln den größten Anteil ausmachen. Wer sein Studium in der Regelstudienzeit abschließt, hat gute Karten auf dem Arbeitsmarkt. Die Perspektiven der über 50-Jährigen bereiten mir aber Bauchschmerzen!"

Thorsten Prenner, Arbeitgeber-Service für Schwerbehinderte Akademiker, Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit.
Kontakt: 0228-713-1375, www.zav.de
E-Mail schreiben

Porträt von Dr. Andreas Jürgens, (c)Uwe Zucchi
Andreas Jürgens, (c)Uwe Zucchi
Leistungen der Integrationsämter

Die Integrationsämter in Deutschland stellen für die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen im Betrieb alle erforderlichen Leistungen bereit. Dazu gehören: Ausstattung des Arbeitsplatzes, technische Hilfsmittel, persönliche Betreuung durch einen Integrationsfachdienst, Arbeitsassistenz und finanzielle Zuschüsse zu Investitionen. Wenden Sie sich an Ihr Integrationsamt:Wir machen es einfach für Ihren Betrieb.“

Dr. Andreas Jürgens, Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV), Erster Beigeordneter, ehemaliger Richter, Sprecher des Forums behinderter Juristinnen und Juristen. Kontakt Integrationsämter:
www.integrationsaemter.de/kontakt

WEITERE INFORMATIONEN

Projekt Promi
Promotion Inklusive

45 Hochschulabsolventen mit Behinderungen erhalten die Möglichkeit zur Promotion. Hierzu werden an 15 Partner-Universitäten halbe Stellen für Wissenschaftliche Mitarbeiter neu eingerichtet. Die Leitung des Projektes liegt bei der Universität Köln. Durch das Modellprojekt InWi Inklusion in der Wissenschaft hat die Universität Bremen bereits 2011 eine Vorreiterrolle eingenommen. Inzwischen promovieren dort 12 wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Stellen werden vom Integrationsamt beim Amt für Versorgung und Integration Bremen und der Arbeitsagentur finanziert. Kontakt Projekt PROMI:
promi.uni-koeln.de


 

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.