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Behinderung
&
Beruf

ZB 3-2017

Interview

"Ich hatte keinen anderen Plan"

Phil Hubbe ist Cartoonist – und er hat Multiple Sklerose. 1992 machte er seine Leidenschaft zum Beruf. Mit großem Erfolg. Im Interview erzählt der Magdeburger, wie es dazu kam.

Cartoon zum Thema Behinderung, (c) Phil Hubbe Herr Hubbe, wie wirkt sich Ihre Erkrankung MS – Multiple Sklerose – im Alltag aus?

Phil Hubbe Ich habe eine recht milde Form von MS. Man sieht mir die Erkrankung nicht an. Leider kann ich keinen Sport mehr treiben. Das Fußballspielen musste ich aufgeben. Aber ich kann zeichnen. Und wenn ich müde werde, mache ich Pausen. Als Selbstständiger kann ich mir die Zeiten flexibel einteilen.

Wie und wann haben Sie erfahren, dass Sie an MS erkrankt sind?

Hubbe Noch zu DDR-Zeiten – 1988 habe ich die Diagnose bekommen. Drei Jahre zuvor hatte ich bereits einen starken Schub – nur dass dieser noch nicht mit MS in Verbindung gebracht wurde. Ich konnte nicht gehen, nicht stehen und ich hatte einen Blick wie durch Milchglas. Zum Zeitpunkt der Diagnose ging es mir aber schon wieder sehr viel besser. Dennoch stellte ich mir die Frage: Was erwartet mich? Mein Mathematikstudium hatte ich zuvor schon abgebrochen, um Grafik zu studieren. Ich wollte zeichnen und zwar für die Mosaikreihe – das in der DDR bekannte Comic-Heft. Das Grafikstudium habe ich dann aber aufgrund der Diagnose sein lassen.

Wie ging es weiter?

Hubbe Dann kam die Wende. Der Sprung in die Selbstständigkeit ergab sich aus der Situation heraus – nicht wegen der Krankheit. Ich hatte keinen anderen Plan. Ich wollte zeichnen. Vielleicht war das ein wenig blauäugig. Aber meine Frau arbeitete im Öffentlichen Dienst. Ein Einkommen war also sicher. So habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht.

Wie kam es dann dazu, dass Sie Cartoons über behinderte Menschen zeichnen?

Hubbe 2000 habe ich die ersten Cartoons über behinderte Menschen veröffentlicht. Ich hatte einen Beitrag über den New Yorker Zeichner John Callahan gesehen, der Witze über behinderte Menschen machte. Das fand ich gut. Ich war selber betroffen. Dann habe ich angefangen, Cartoons über MS-kranke Menschen zu zeichnen. Doch mit einer Veröffentlichung war ich vorsichtig. In der Zeitung hatte ich einen Artikel über behinderte Menschen gelesen. Diesen Leuten habe ich meine Cartoons geschickt.

Und wie haben sie reagiert?

Hubbe Sie fanden die Cartoons sehr gut. Trotzdem habe ich mich langsam weiter herangetastet. Viele Zeichnungen haben sich aber auch ohne mein Wissen verbreitet und ich bekam immer mehr Anfragen. Zunächst habe ich viel im Magazin "Handicap" veröffentlicht. 2003 habe ich das erste Mal meine Cartoons über behinderte Menschen ausgestellt. Ein Jahr später habe ich mein erstes Buch herausgebracht. Mittlerweile zeichne ich sehr viel für Verbände, vor allem seit der UN-Behindertenrechtskonvention.

Gerade das Thema Inklusion ist komplex und wird von manchen auch kritisch gesehen …

Hubbe Mit meinen Zeichnungen kann ich dazu beitragen, das Thema lockerer anzugehen. Ich werde häufig zu Vorträgen dazu gerufen, um den Begriff Inklusion auf humorvolle Art und Weise zu erklären. Auch behinderte Menschen wollen an der Gesellschaft teilhaben. Wie das konkret umgesetzt werden kann, ist die große Frage und Herausforderung. Doch zunächst muss auch das Interesse da sein. Wichtig ist, dass nicht behinderte Menschen mit behinderten Menschen in Kontakt kommen. Vor allem Kinder gehen viel unbefangener damit um.

Haben Sie da persönlich Erfahrungen gemacht?

Hubbe Ja, zum Beispiel auf Kinderfreizeiten. Ich habe mal eine Woche lang mit Kindern, die im Rollstuhl sitzen, gezeichnet und gesehen, wie viel Spaß und Lebensfreude sie haben. Interessant war auch ein Workshop für Kinder mit behinderten Geschwistern. Sie müssen früher erwachsen werden und sehr viel zurückstecken. Aus diesen Begegnungen nehme ich viele Anregungen mit – auch für meine Arbeit als Cartoonist.

Das heißt, dass Sie auch viel unterwegs sind. Haben Sie beim Reisen Einschränkungen?

Hubbe Ich bin ein guter Bahnkunde. In Deutschland kommt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut überall hin. Einen Führerschein habe ich nicht. Aber das sehe ich nicht als Einschränkung. In der Stadt benötige ich nur sehr selten das Auto und wenn, dann fährt mich meine Frau.

Hat sich Ihr Gesundheitszustand über die Jahre verändert? Wurde die Erkrankung schlimmer?

Hubbe Ich lebe jetzt seit 30 Jahren mit MS. Kleine Veränderungen stelle ich fest. Ich werde etwas schneller müde. Aber das ist kein Grund zum Jammern. Ich bin mit Medikamenten gut eingestellt, sodass ich nur wenige Schübe bekomme. 15 Jahre lang musste ich mich jeden Tag spritzen. Doch jetzt habe ich ein Medikament, das ich oral einnehme. Ich gehe regelmäßig zum Arzt in die Uniklinik. Mit der Zeit haben sich hier gute Freundschaften entwickelt. Zum Teil nutzen die Ärzte meine Zeichnungen für ihre Arbeit. Bei MS ist es schwierig, eine Prognose zu stellen. In meinem Fall rechnen die Ärzte mit einem gutartigen Verlauf. Das heißt: geringe Bewegungseinschränkungen und wenige Schübe. Doch beim letzten Schub hatte ich ein schlaffes Bein und konnte es nur noch hinter mir herziehen.

Haben Sie im Beruf Unterstützung vom Integrationsamt erhalten?

Hubbe Bisher habe ich noch keine Hilfen benötigt. Doch nicht umsonst ist MS die "Krankheit mit 1.000 Gesichtern". Da hat jeder Betroffene seine eigene Geschichte. Von MS-Kranken mit stärkeren Einschränkungen weiß ich, dass es Hilfen finanzieller und technischer Art gibt, zum Beispiel Sehhilfen oder spezielle Computer-Software, die bei den Integrationsämtern beantragt werden können.

Nun würde ich gern noch wissen: Haben Sie einen Lieblingscartoon?

Hubbe Mein Favorit ist der Cartoon "MS Rainer". Das ist auch der Witz, der bei den Betroffenen am besten ankommt …

… und der Sie populär gemacht hat!

Hubbe Das Zeichnen ist meine große Leidenschaft. Ich habe eine Nische besetzt und kann inzwischen sehr gut davon leben. Es gibt mir darüber hinaus die Möglichkeit, meine Krankheit zu verarbeiten.

WEITERE INFORMATIONEN

Phil Hubbe beim Zeichnen, (c) Steffen Giersch Phil Hubbe

Phil Hubbe, 51 Jahre, ist Cartoonist und lebt in Magdeburg. 1985 erkrankte er an MS – Multipler Sklerose. Von Freunden und Kollegen ermutigt, die Krankheit zum Thema von Cartoons zu machen, zeichnet er inzwischen für Verbände, Ministerien, Fernsehsender und Tageszeitungen. Darüber hinaus hat er Bücher mit seinen Cartoons veröffentlicht und für seine Arbeit mehrere Preise erhalten.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.