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Hans Diedenhofen im Interview ZB 1 / 2009

BAG der betrieblichen Schwerbehindertenvertretungen

"Professionalität allein genügt nicht"

Hans Diedenhofen ist Mitbegründer und Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der betrieblichen Schwerbehindertenvertretungen in Deutschland e.V. (BbSD). Die ZB sprach mit ihm über die Arbeit der BbSD und seine persönlichen Erfahrungen als ehemaliger Schwerbehindertenvertreter.

ZB Herr Diedenhofen, Sie engagieren sich seit vielen Jahren für die berufliche Integration schwerbehinderter Menschen. Zunächst als Schwerbehindertenvertreter im WDR, später als Initiator der Bundesarbeitsgemeinschaft der betrieblichen Schwerbehindertenvertretungen. Wie hat alles begonnen?

Hans Diedenhofen: 1987war ich Leiter der Aus- und Fortbildungsredaktion beim WDR. Damals kam eine blinde Schülerin zu uns und äußerte den Wunsch, Redakteurin zu werden. Nach dem Gespräch war ich überzeugt: Diese junge Frau hat so viel Power – die kann es schaffen! Also war die nächste Überlegung, ihr nach dem Abitur eine Hospitanz für die Semesterferien anzubieten. Was dann folgte, war für mich ein Schlüsselerlebnis. Wir brauchten tatsächlich zwei Jahre, um einen blindengerechten Arbeitsplatz einzurichten und im Zuständigkeitsdschungel der Leistungsträger die Finanzierung zu regeln! Damals habe ich gelernt: Was helfen alle Gesetze, wenn es nicht Menschen gibt, die sich darum kümmern, dass sie in der Praxis angewendet werden. Menschen, die wissen, wie es geht, und die notfalls auch Druck machen. Das hat mich motiviert, nach dem Ausscheiden unserer damaligen Schwerbehindertenvertretung selbst für das Amt zu kandidieren.

Die junge Frau – ihr Name ist Gesa Rünker – hat übrigens später ihr Volontariat bei uns gemacht. Seit 15 Jahren arbeitet sie nun schon als Redakteurin bei WDR 5 – und macht klasse Sendungen!

ZB Wann entstand die Idee, die betrieblichen Schwerbehindertenvertretungen zu organisieren?

Diedenhofen: Als Neuling im Amt besuchte ich ein Seminar zum Thema Integrationsvereinbarungen. Mit einigen Teilnehmern blieb ich in Kontakt, später trafen wir uns hin und wieder. Irgendwann stellten wir fest, dass es außer in der Automobilindustrie und in der Bundesverwaltung keine bundesweite Vereinigung der Schwerbehindertenvertretungen gibt. So habe ich mit einigen Mitstreitern 2001/ 2002 die Bundesarbeitsgemeinschaft der betrieblichen Schwerbehindertenvertretungen – kurz BbSD – gegründet. Wir wollten bewusst keinen großen, hierarchischen Vereinsapparat aufbauen – deshalb besteht der Verein nur aus einem dreiköpfigen Vorstand sowie den Gründungs- und fördernden Mitgliedern.

ZB Was macht die BbSD?

Diedenhofen: Die BbSD will vor allem die betrieblichen Schwerbehindertenvertretungen in Deutschland in ihrer praktischen Arbeit unterstützen und Anregungen geben. Zum Beispiel durch eine intensive Seminararbeit und Regionalkonferenzen, die wir ein bis zwei Mal im Jahr veranstalten. Es geht auch darum, den Kollegen Mut zu machen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und zu begreifen, dass viele der Probleme, die sie haben, nicht mit ihrer mangelnden Professionalität zu tun haben, sondern im System begründet sind. Zum Beispiel Konflikte mit dem Betriebs- und Personalrat. Deren gelegentlicher Alleinvertretungsanspruch kollidiert natürlich mit den Zielen der Schwerbehindertenvertretung, die die Interessen einer kleinen Gruppe von Beschäftigten im Betrieb vertreten soll. Deshalb haben wir jetzt ein Seminar „Störfaktoren in der betrieblichen Zusammenarbeit“ aufgelegt, wo genau solche Probleme thematisiert werden. Es soll den Betroffenen helfen, mit der Situation besser umzugehen.

ZB Ein weiteres Projekt ist das Mentoren-Programm. Was verbirgt sich dahinter?

Diedenhofen: In ihrer Arbeit sind Schwerbehindertenvertretungen meist auf sich allein gestellt. Sie können sich nicht wie Betriebs- oder Personalräte mit Teamkollegen austauschen. Hier setzt das Angebot an, das wir zusammen mit dem LVR-Integrationsamt in Köln entwickelt haben. Das Mentoring bietet Vertrauenspersonen eine individuelle, praxisnahe Beratung durch speziell qualifizierte Schwerbehindertenvertreter, die Mentoren. Insbesondere bei sehr komplexen oder schwierigen Fragestellungen und Problemsituationen können sie Kontakt zu einem Mentor aufnehmen. Inzwischen haben wir bundesweit 14 Mentoren für diese Aufgabe qualifiziert. Sie sollen nicht selbst als Problemlöser aktiv werden, sondern den Vertrauenspersonen eher beratend und unterstützend zur Seite stehen. Bisher läuft es so, dass die Mentoren zunächst die Schwerbehindertenvertreter in ihrem Konzern beraten. Nach und nach kommen dann Vertrauensleute anderer Betriebe dazu. Selbstverständlich werden dabei Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse sowie der Datenschutz gewahrt – dies gehört unter anderem zu den Ausbildungsinhalten der Mentoren.

ZB Die BbSD versucht auch, politisch Einfluss zu nehmen ...

Diedenhofen: Es ist unser politisches Hauptanliegen, die Schwerbehindertenvertretung rechtlich zu stärken. Im Sozialgesetzbuch IX § 95 steht, dass der Arbeitgeber die Schwerbehindertenvertretung in allen Angelegenheiten, die einen einzelnen oder die schwerbehinderten Menschen als Gruppe berühren, unverzüglich und umfassend unterrichten und vor einer Entscheidung anhören muss. Was passiert, wenn er das nicht tut, steht dort nicht. Die Realität sieht leider so aus, dass die Vertrauensperson häufig nicht einbezogen wird. Ich denke, die Schwerbehindertenvertretung kann noch so professionell arbeiten, wenn sie keine Möglichkeit hat, ihre Rechte durchzusetzen, dann bleibt sie machtlos und auf das „goodwill“ des Arbeitgebers angewiesen. Wir müssen auch weiter darum kämpfen, in der Politik als Ansprechpartner ernst genommen zu werden. Damit es nicht läuft wie aktuell bei den Beratungen über den Gesetzentwurf zur Unterstützten Beschäftigung. Hier wurden wir nicht angehört – obwohl doch die Schwerbehindertenvertretungen und die Beauftragten des Arbeitgebers nachher diejenigen sind, die an der Umsetzung in den Betrieben maßgeblich beteiligt sein werden!

ZB Wie sehen Sie die Zukunft der Arbeit der Schwerbehindertenvertretungen?

Diedenhofen: Vor dem Hintergrund der aktuellen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wird es eher schwieriger, neue Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen zu schaffen. Auf der anderen Seite stelle ich fest, dass das Verständnis für behinderte Menschen, die Bereitschaft, sich mit ihren Problemen auseinander zu setzen, in den Betrieben in den letzten Jahren gewachsen ist. Vielleicht auch, weil wir alle älter werden und dann mit gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen haben ...

Schwerbehindertenvertretungen werden auch in Zukunft nur Erfolg haben, wenn es ihnen gelingt, die Kollegen in den Betrieben, die Personalchefs und die Arbeitgeber von ihrer Sache zu überzeugen. Dafür reichen nicht nur Argumente. Wir müssen auch neue Wege in der betrieblichen Kommunikation finden. Und wir müssen – auch wenn das etwas pathetisch klingt – vor allem die Herzen der Menschen gewinnen!

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.