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Behinderung
&
Beruf

ZB 1-2020

SBV-Erfahrungsberichte

"Wir müssen gute Kommunikatoren sein"

Im Herbst 2018 wurden neue Schwerbehindertenvertretungen (SBV) gewählt. Heiko Dassow aus Hessen und Carolin Florin aus Mecklenburg-Vorpommern berichten, warum sie sich zur Wahl stellten und wie ihr erstes Jahr als Vertrauensperson verlaufen ist.

Was hat Sie beide motiviert, sich als SBV wählen zu lassen?

Heiko Dassow Meine Schwester hatte einen unverschuldeten schweren Arbeitsunfall und ist seitdem schwerbehindert. Eine Kollegin, die als Vertrauensperson für schwerbehinderte Menschen in einem Unternehmen arbeitet, hat mir mit wichtigen Tipps und Informationen geholfen. Durch diesen Schicksalsschlag wurde mir sehr deutlich vor Augen geführt, wie wichtig eine funktionierende und kompetente SBV sein kann. Aus Gefälligkeit habe ich dann bei der SBVWahl letzten Herbst die Wahlleitung übernommen. In der vorbereitenden Schulung waren die meisten Teilnehmer selbst schwerbehindert und nach anfänglichen Berührungsängsten war ich total beeindruckt von deren positiver Lebenseinstellung. Ich bekam Lust auf das Amt, stellte mich zur Wahl und wurde erster Stellvertreter. Weil die damalige SBV kurz darauf unser Unternehmen verließ, musste ich viel schneller als gewollt nachrücken und selbst das Amt übernehmen. Ein Sprung ins kalte Wasser, den ich aber nicht bereut habe.

POSITIVE EINSTELLUNG

Porträt von Carolin Florin, (c) Frank Hormann/nordlicht
Carolin Florin ist Verwaltungsangestellte bei der Gesellschaft für Gesundheit und Pädagogik in Rostock mit insgesamt 650 Beschäftigten. Als SBV vertritt sie die Interessen von 30 schwerbehinderten Menschen. (c) Frank Hormann/nordlicht
Carolin Florin
Das ist ja ähnlich gelaufen wie bei mir – ich musste auch nach nur drei Monaten als Stellvertreterin das Amt der SBV übernehmen, weil meine Vorgängerin innerhalb des Unternehmens eine andere Stelle angenommen hat und keine Zeit mehr hatte. Meine Motivation, mich zur Wahl zu stellen, hat mit mir und meiner eigenen Krankheit zu tun. Ich bin selbst schwerbehindert und interessiere mich deshalb besonders für das Thema "Behinderung und Beruf".

Wie haben Sie beide sich auf das Ehrenamt vorbereitet? Haben Sie Kurse beim Integrationsamt besucht?

Dassow Nach der ungeplanten Amtsübernahme habe ich sehr schnell den Grund- und auch Aufbaukurs beim LWV Hessen Integrationsamt besucht. Außerdem hatte ich von Anfang an eine sehr gute Unterstützung von anderen SBVen in unserem Konzern.

Florin Ich hatte ebenfalls das Glück, innerhalb kürzester Zeit beim Integrationsamt Mecklenburg-Vorpommern am Grund- sowie am Aufbaukurs teilnehmen zu können. Vor Kurzem habe ich noch den Kurs "Inklusionsvereinbarung" besucht.

NETZWERKE KNÜPFEN

Was haben Ihnen die Kurse für Ihre tägliche Arbeit gebracht?

Porträt von Heiko Dassow, (c) Sascha Kopp
Heiko Dassow ist Senior Systems Engineer bei T-Systems International am Standort Darmstadt, wo rund 1.000 Menschen arbeiten. Der Vertrauensmann kümmert sich um rund 50 schwerbehinderte Kolleginnen und Kollegen. (c) Sascha Kopp
Dassow
Ich hatte ja vorher keine Ahnung, welche Rechte und Pflichten ich als SBV habe. Die beiden Kurse haben mir vor allem das rechtliche Rüstzeug vermittelt und damit das nötige Selbstbewusstsein gegeben, das man braucht, um Kollegen gut und kompetent beraten zu können – und um Gespräche mit deren Vorgesetzen führen zu können. Außerdem lernt man in den Kursen die Ansprechpartner im Integrationsamt und ihre Arbeitsweise kennen. Das ist absolut gewinnbringend.

Florin Das sehe ich ganz genauso. Man bekommt natürlich in erster Linie wichtiges Fachwissen für die tägliche Arbeit vermittelt. Genauso wichtig fand ich aber den persönlichen und direkten Austausch mit den anderen Schwerbehindertenvertretungen aus den unterschiedlichsten Branchen. Außerdem wurden in beiden Kursen zu verschiedenen Themen externe Experten eingeladen, zum Beispiel ein Jurist zum Thema Arbeitsrecht oder jemand vom Versorgungsamt, der uns erklärte, was man bei der Beantragung eines Schwerbehindertenausweises beachten muss. Vor dem Besuch der Kurse hatte ich Bedenken, ob ich mein Amt auch wirklich ausfüllen kann. Jetzt kann ich viel selbstbewusster auftreten.

FACHLICH GERÜSTET

Mit welchen Anliegen oder Themen haben Sie sich bisher beschäftigen müssen?

Florin Bei uns geht es in erster Linie um die behinderungsgerechte Umgestaltung verschiedener Arbeitsplätze, beispielsweise für Kollegen mit einer Sehoder Hörbehinderung. Auch die Themen Vorruhestand und Renteneintritt spielen immer wieder eine Rolle. Überhaupt besteht ein großer Teil meiner Aufgabe darin, Gespräche zu führen, Probleme zu lösen und in den einzelnen Teams und Abteilungen für Verständnis untereinander zu werben. Eine SBV, die nicht gerne mit anderen ins Gespräch kommt, wird es in diesem Amt schwer haben.

INS GESPRÄCH KOMMEN

Dassow Ich habe das Amt der SBV in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit übernommen. Viele Kollegen wurden mit dem Ziel freigestellt, sich außerhalb des Unternehmens eine neue Stelle zu suchen. Darunter waren auch zehn schwerbehinderte Menschen. Ich war hier vor allem beratend tätig und habe sehr viele Gespräche geführt – mit den Betroffenen selbst und mit einigen Führungskräften, von denen ich wusste, dass sie nach verlässlichen Mitarbeitern in der eigenen Abteilung suchen. So konnte ich ein paar der von Freistellung betroffenen schwerbehinderten Kollegen in andere Bereiche vermitteln und im Unternehmen halten. Ich habe mich und mein Amt im Rahmen einer Betriebsversammlung der ganzen Belegschaft bekannt gemacht. Man muss die Werbetrommel rühren, damit die schwerbehinderten Kollegen überhaupt wissen, dass es eine Vertrauensperson gibt und dass sie Hilfe und Unterstützung finden.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat?

Florin Da ich selbst Betriebsratsmitglied bin, läuft hier alles wirklich sehr gut. Ich werde immer informiert und kann mich auf die Unterstützung der Kollegen aus dem Betriebsrat hundertprozentig verlassen.

Dassow Ich habe im Laufe der Zeit eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit aufgebaut. Das war bei uns nicht immer so. Ich bin sehr gut eingebunden und muss wichtigen Informationen nicht hinterherlaufen. Wenn das persönliche Zusammenspiel mit dem Betriebsrat nicht funktioniert, ist eine SBV chancenlos.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Kursangebot der Integrationsämter

Die Integrationsämter unterstützen mit ihren Kursprogrammen die Arbeit der betrieblichen Integrationsteams.

Mehr unter: www.integrationsaemter.de/kurs-vor-ort

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.