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ZB 3-2019

SGB IX 4.0

Arbeiten, wo und wie man möchte

Das Ziel ist klar: Es heißt Inklusion in Arbeit. Aber was bedeutet das eigentlich? Und wie kommen wir dahin? Fragen an die Juristin Dr. Natalie Waldenburger und die Reha-Wissenschaftlerin Dr. Susanne Bartel.

In diesem Jahr feierten die Hauptfürsorgestellen – die Vorläufer der Integrationsämter – ihren 100. Geburtstag. Mit ihrer Gründung nahm die berufliche Eingliederung von Menschen mit Behinderungen ihren Anfang. Seit 2001 umfasst das Sozialgesetzbuch (SGB) IX alle gesetzlichen Regelungen zur Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen. Mit dem Bundesteilhabegesetz  wurde es vor drei Jahren reformiert und die UN-Behindertenrechtskonvention mit ihrem Leitbild der Inklusion in nationales Recht umgesetzt.

Doch wie geht es nun weiter? Über die Zukunft des SGB IX haben wir mit zwei Fachfrauen gesprochen.

Frau Dr. Bartel, Frau Dr. Waldenburger, wir laden Sie ein, mit uns gedanklich in die Zukunft zu reisen. Wie kann inklusive Arbeit in der Zukunft aussehen? Was muss Ihrer Ansicht nach für eine flächendeckende Inklusion in der Arbeitswelt getan werden?

Dr. Natalie Waldenburger, (c) Paul Esser
Dr. Natalie Waldenburger, (c) Paul Esser
Dr. Natalie Waldenburger
Mit diesen Fragen beschäftigen sich Fachexpertinnen und Fachexperten schon seit Langem. Die Umsetzung von Lösungsansätzen, wie eine verbesserte Zusammenarbeit der Leistungsträger, dauert einfach zu lange. Dabei ist gerade dieser Punkt unerlässlich. Es ist wichtig, die Abläufe zu vereinfachen und unbürokratischer zu gestalten. Momentan erhalten Arbeitgeber und Beschäftigte mit Behinderungen je nach Situation Leistungen von verschiedenen Kostenträgern. Da für viele nicht klar ist, welcher Träger für sie zuständig ist, wären für beide Parteien ein einheitliches trägerübergreifendes Antragsverfahren und die unbürokratischere und kurzfristigere Bereitstellung von Leistungen eine große Erleichterung. Das wäre eine Hürde  weniger, die genommen werden muss, um die Inklusion in die Arbeitswelt zu tragen.

 

 

 

BÜROKRATIE ABBAUEN

Inklusion beginnt in der Schule und muss im Arbeitsleben weitergehen. Wie kann das gelingen?

Dr. Susanne Bartel, (c) Claudius Pflug
Dr. Susanne Bartel, (c) Claudius Pflug
Dr. Susanne Bartel
Die Akzeptanz bei den Arbeitgebern muss erhöht werden. Zum Beispiel durch zeitgemäße Dialogformate und die gemeinsame Evaluation von Projekten. Ebenso können Best-Practice-
Beispiele dazu beitragen, mehr Unternehmen für Inklusion zu gewinnen, weil sie drängende Probleme wie den Fachkräftemangel aufgreifen und konkrete Lösungen anbieten. Darüber hinaus bedarf es niederschwelliger Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten, um Inklusion im Betrieb noch besser zu ermöglichen. Es ist wichtig, dass Arbeitgeber einen verlässlichen und erreichbaren Ansprechpartner haben, der in Krisensituationen schnell reagieren kann. Insgesamt sollten die zahlreichen Vorteile der Inklusion den Arbeitgebern immer wieder aufgezeigt werden. Gleichzeitig ist es wichtig, auch die damit verbundenen möglichen Herausforderungen für alle Akteure vertrauensvoll zu thematisieren und gemeinsam Lösungen zu finden.

Frau Dr. Waldenburger, Ihr Spezialgebiet ist der Übergang von der Werkstatt für behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Was glauben Sie, wie wird hier die Entwicklung aussehen? Was ist notwendig, um Fortschritte zu erzielen?

Dr. Waldenburger Inklusion bedeutet vor allem Wahlfreiheit. Zum Beispiel die Freiheit, dort zu arbeiten, wo man möchte. Sei es in einer Werkstatt für behinderte Menschen oder in einem Betrieb auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Wahlfreiheit setzt aber voraus, dass es gleichwertige Alternativen gibt.

In meiner Dissertation habe ich mich mit der Frage beschäftigt, welchen Beitrag die Unterstützte Beschäftigung zur Verbesserung der Teilhabesituation leisten kann. Meines Erachtens ist die Unterstützte Beschäftigung aufgrund ihrer betriebsund personenorientierten Ausrichtung in besonderem Maße geeignet, eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Allerdings bestehen bei der rechtlichen Ausgestaltung und der Einbettung in das existierende Teilhaberecht Regelungslücken. Zum Beispiel werden Teilnehmer der Unterstützten Beschäftigung nicht auf die Ausgleichsabgabe angerechnet. Sie sind auch nicht in die Arbeitslosenversicherung einbezogen. Ähnlich sieht es bei anderen Beschäftigungsformen aus. Hier muss es zu einer stärkeren Angleichung in arbeits- und sozialrechtlicher Hinsicht kommen. Wenn wir den Übergang fördern möchten, müssen wir auch dafür sorgen, dass alle Beteiligten davon profitieren.

Zudem brauchen wir mehr Durchlässigkeit zwischen verschiedenen Beschäftigungsformen – also zwischen Werkstatt für behinderte Menschen, Inklusionsbetrieb, Unterstützter Beschäftigung, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt –, und zwar in beide Richtungen. Deshalb sollte regelmäßig überprüft werden, ob ein Übergang in eine andere Beschäftigungsform in Betracht kommt. Wichtig sind auch der rechtliche und tatsächliche Ausbau von Beschäftigungsalternativen, die sich am persönlichen Unterstützungsbedarf orientieren. Mit dem nunmehr gesetzlich verankerten Budget für Arbeit und den anderen Leistungsanbietern sind wichtige Beschäftigungsalternativen im SGB IX verankert worden.

INNOVATIONEN NUTZEN

Frau Dr. Bartel, Ihr derzeitiges Forschungsprojekt heißt KI.ASSIST. Was verbirgt sich dahinter? Und was erhoffen Sie sich davon für die Zukunft?

Dr. Bartel Mit dem Projekt KI.ASSIST erproben wir in unterschiedlichen Lern- und Experimentierszenarien, wie künstliche Intelligenz (KI) und Assistenzdienste die Teilhabechancen von Menschen mit Behinderungen auf dem Arbeitsmarkt verbessern können. Das dreijährige Projekt ist im April 2019 gestartet und wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales aus Mitteln des Ausgleichsfonds gefördert. Besonders achten wir auf die Akzeptanz technologischer Innovationen und darauf, alle Akteure, das heißt Menschen mit Behinderung, Reha-Experten, politische Akteure und Unternehmen, in unterschiedlichen Phasen des Projektes einzubeziehen. Hierfür entwickeln wir aktuell geeignete Dialogformate, zum Beispiel eine barrierefreie Webplattform, und organisieren Arbeitsgruppen sowie Fachtagungen. Nur so kann die Technologieentwicklung an den Schnittstellen Ethik, Selbstbestimmung und Inklusion funktionieren.

Wir sehen uns der Nachhaltigkeit verpflichtet. Unsere Vision ist es, wegweisende Grundlagen und Strukturen für die praktische Überführung von KI-Technologien in die Praxis bereitzustellen und auch nach Projektabschluss ein Forum für die Thematik KI und die Teilhabe von Menschen mit Behinderung zu sein.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Dr. Natalie Waldenburger (31) hat Rechtswissenschaften studiert. Im Auftrag des LVR-Inklusionsamtes forschte sie über das Budget für Arbeit. Heute ist sie als Richterin am Sozialgericht in Gelsenkirchen tätig.

Dr. Susanne Bartel (40) ist Rehabilitationspädagogin. Seit 2014 leitet sie die Abteilung Forschung & Entwicklung beim Bundesverband Deutscher Berufsförderungswerke in Berlin.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.