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Behinderung
&
Beruf

Titel ZB 4/2006 ZB 4/2006

Behinderte junge Menschen

Schule trifft Arbeitswelt

Behinderten Schülern den Einstieg ins Arbeitsleben erleichtern: Mit diesem Ziel haben die Anna-Freud-Schule in Köln, eine Förderschule für körperbehinderte junge Menschen, und die Kaufhof Warenhaus AG eine besondere Partnerschaft geschlossen.

 

"Keine Entspannung auf dem Ausbildungsmarkt“, so das Fazit der Bundesagentur für Arbeit bei der Veröffentlichung der Bilanz des Berufsberatungsjahres 2005/2006. Knapp 50.000 Bewerber waren danach im September 2006 noch ohne Ausbildungsplatz. Wie viele davon behindert sind, verrät die Statistik nicht. Tatsache ist aber, dass im Konkurrenzkampf um betriebliche Ausbildungsplätze Jugendliche mit einer Behinderung einen schweren Stand haben. Lediglich rund 4.900 werden in Betrieben ausgebildet.* Ihr Anteil an allen Ausbildungsplätzen liegt bei etwa einem Prozent.

Für viele behinderte Jugendliche ist eine Berufsausbildung in einer außerbetrieblichen Einrichtung, zum Beispiel in einem Berufsbildungswerk, die einzige Möglichkeit. Nicht zuletzt aufgrund der fehlenden Betriebspraxis bleibt es für sie nach der Ausbildung schwierig, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Es tut sich was

Mangelndes Wissen über Behinderungen, ihre Auswirkungen und den Umgang damit sowie eine grundsätzliche Skepsis, was die Leistungsfähigkeit von behinderten Menschen angeht, sind nach wie vor wichtige Einstellungshemmnisse. Viele Schulen sind sich dessen bewusst und unternehmen besondere Anstrengungen, ihre behinderten Schüler auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Sie knüpfen zum Beispiel Kontakte zu potenziellen Ausbildungsbetrieben, Ausbildungsbetrieben, informieren sich über die Erwartungen der Arbeitgeber und die Anforderungen im Beruf und betreiben Aufklärungsarbeit, damit behinderte Schüler zum Beispiel in Bewerbungsverfahren die gleichen Chancen erhalten wie nicht behinderte Bewerber.

Andererseits gibt es Betriebe, die behinderte junge Menschen ausbilden oder beschäftigen wollen, aber keine (geeigneten) Bewerber mit einer Behinderung finden.

Gemeinsam etwas bewegen

Anstatt zu resignieren oder die Schuld bei anderen zu suchen, wollen sich immer mehr Schulen und Betriebe gemeinsam für behinderte junge Menschen stark machen. An diesem Punkt setzt die Initiative „Schule trifft Arbeitswelt“ des Integrationsamtes beim Landschaftsverband Rheinland in Köln an. Sie möchte Kontakte zwischen Schulen für behinderte Menschen und Betrieben in der Region vermitteln und Projekte anbahnen, die den Übergang behinderter junger Menschen von der Schule in den Beruf fördern.

So initiierte das Integrationsamt im Dezember 2005 ein Treffen zwischen sechs Schulleitern von Förderschulen für behinderte Menschen und sieben Arbeitgebern der Region. Darunter die Anna-Freud- Schule in Köln – die einzige Förderschule in Deutschland, die körperbehinderte Schüler bis zum Abitur führt – und Vertreter der Kaufhof Warenhaus AG. Gastgeber des Treffens war die Anna-Freud-Schule, deren Schulleiter, Ludwig Gehlen, das Projekt unterstützt. Aus diesem ersten Kontakt entwickelte sich schnell die Idee einer Partnerschaft.

Projekt "Lernpartnerschaft"

Kaufhof beschäftigt rund 25.000 Mitarbeiter in 130 Filialen bundesweit und in 15 Filialen in Belgien. Insgesamt erlernen dort etwa 1.800 Auszubildende einen Beruf. Mit dem Ziel, den Nachwuchs stärker zu fördern, hat das Unternehmen vor sieben Jahren begonnen, sich direkt an Schulen zu wenden, um junge Menschen für das Berufsfeld „Einzelhandel” zu begeistern und für das Unternehmen zu gewinnen. Dies geschieht im Rahmen von so genannten Lernpartnerschaften, die jeweils zwischen einer Kaufhof-Filiale und einer Schule in der Nähe geschlossen werden. Dabei sollen Betrieb und Schule zusammenwachsen und von einem kontinuierlichen Erfahrungsaustausch profitieren.

Bis zum Herbst 2005 waren so bundesweit 49 Lernpartnerschaften entstanden. Wieso sollte dieses Konzept nicht auch mit einer Schule für behinderte Jugendliche funktionieren? So fragte man sich im Unternehmen und sah in einer solchen Kooperation auch ein Stück soziale Verantwortung. Die Anna-Freud-Schule schien der ideale Partner dafür zu sein.

Praktikum der besonderen Art

Wie bei jeder neuen Lernpartnerschaft folgten auf das Kennenlernen der Partner mehrere Treffen, bei denen gemeinsam Ideen entwickelt wurden: Wie kann unsere Zusammenarbeit konkret aussehen? Lässt sich das alles auch praktisch umsetzen?
Schließlich vereinbarten das Unternehmen und die Schulleitung der Anna-Freud-Schule, dass im kommenden Jahr vier Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit erhalten, in drei verschiedenen Kaufhof- Filialen und im Zentralen Abruflager in Frechen ein dreiwöchiges Praktikum zu absolvieren.

Das Besondere: Die Schüler werden gemeinsam von Lehrern und Kaufhof-Mitarbeitern intensiv vorbereitet und begleitet. Die Schüler erhalten vom Betrieb ein individuelles Feedback: Wie können sie ihre Chancen auf einen der Ausbildungsplätze verbessern? Wo müssen sie noch an sich arbeiten? In der Schule werden die Jugendlichen dann bei Bedarf durch zusätzlichen Förderunterricht fit gemacht. Auch das Unternehmen profitiert von dieser Vorgehensweise: Für das Praktikum wählt die Schule diejenigen Schüler aus, die entsprechend den betrieblichen Anforderungen am besten geeignet erscheinen, und bereitet diese gezielt vor. Der Betrieb kann außerdem seine Kompetenzen im Umgang mit behinderten jungen Menschen erweitern.

Einsatz gefragt

An der Lernpartnerschaft sind viele „Mitspieler“ beteiligt. Der Erfolg hängt im Wesentlichen von ihrem Engagement ab: Schüler, Lehrer, Eltern, Ausbilder oder Personalentwickler, Kollegen im Betrieb. Die Zusammenarbeit zwischen der Anna-Freud-Schule und der Kaufhof Warenhaus AG steht erst am Beginn. In einem Jahr werden die Erfahrungen gemeinsam ausgewertet. Daraus lernen können nicht nur die Beteiligten, sondern alle, die das Projekt in dieser und den folgenden drei Ausgaben der ZB mitverfolgen werden.


* laut Statistik aus dem Anzeigeverfahren gemäß §80 Abs. 2 SGB IX für das Jahr 2004

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.