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ZB 3-2016

Technische Hilfsmittel

Vom Blindenführhund zur App

Der Weg zu mehr Teilhabe ist untrennbar verbunden mit der Entwicklung technischer Hilfsmittel. Das gilt ganz besonders für blinde und sehbehinderte Menschen. Ein Streifzug durch die Geschichte.

Schwarz-Weiß-Foto von Paul Feyen mit Führhund, (c) Privat/Familie Feyen
Der erste systematisch ausgebildete Führhund wurde 1916 an Paul Feyen übergeben, der im Krieg erblindet war, (c) Privat/Familie Feyen
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind 1,2 Millionen Menschen in Deutschland blind oder sehbehindert. Etwa jeder Dritte im erwerbsfähigen Alter geht einer Beschäftigung nach. Früher waren sie häufig auf sogenannte Blindenberufe wie Korbflechter, Bürstenmacher oder Telefonist beschränkt. Heute können sie unter weit mehr und qualifizierteren Berufen wählen. Sehgeschädigte Menschen arbeiten inzwischen als Verwaltungsfachkräfte, Informatiker oder sogar als Webdesigner. Diese Entwicklung geht Hand in Hand mit dem technischen Fortschritt.

DIE ANFÄNGE

Louis Braille – Erfinder der Blindenschrift Ein Meilenstein ist die Punktschrift für Blinde. Sie wurde 1825 von dem Franzosen Louis Braille entwickelt, der selbst als Kind erblindete. Dabei bilden sechs Punkte ein Raster. Jeder Buchstabe wird durch eine eindeutige Punktekombination dargestellt. Die Punktmuster können – von hinten in das Papier gepresst – mit den Fingerspitzen als Erhöhungen ertastet werden. Schon früh gab es Punktschrift-Schreibmaschinen. Die Braille-Schrift wird bis heute genutzt.

Blindenführhund – Navi mit vier Pfoten Deutschland ist das Mutterland der Führhund-Ausbildung. Der erste systematisch ausgebildete Führhund wurde 1916 an einen erblindeten Kriegsheimkehrer übergeben. Blindenführhunde umgehen Hindernisse oder zeigen sie an, indem sie stehen bleiben. Dann kann der Mensch mit dem "weißen Blindenlangstock" beispielsweise eine Treppe ertasten.

Optische Sehhilfen – Unter der Lupe Optische Sehhilfen sind bereits seit der Antike bekannt, damals behalf man sich mit Lesesteinen aus Bergkristall. Heute verwenden sehbehinderte Menschen speziell angefertigte Lupen und Lupenbrillen, Fernrohre und Fernrohrbrillen sowie Ferngläser. Auch elektronische Lupen kommen zum Einsatz.

GESTERN UND HEUTE

DAISY – Mit den Ohren sehen Das in den 1990er Jahren entwickelte DAISY-Format (Digital Accessible Information System) ist ein weltweit gültiger Standard für Hörbücher. Wie Sehende in einem gedruckten Buch blättern, navigieren blinde Nutzer mit Hilfe eines speziellen Abspielgerätes durch den Inhalt einer DAISY-CD. Ähnlich funktionieren auch moderne eBook-Reader mit Sprachausgabe.

Gleichstellungsgesetz – Barrierefreier öffentlicher Raum Kontrastreiche  Bodenindikatoren, Rillenplatten auf Bahnsteigen, akustische Ampeln: Seit 2002 fordert das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) des Bundes die barrierefreie Gestaltung im öffentlichen Raum. Entsprechende Ländergesetze folgten. Taktile und akustische Leitsysteme erleichtern heute blinden und sehbehinderten Menschen die Orientierung in öffentlichen Gebäuden, auf Wegen, Plätzen und Parks. Die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung – kurz BITV 2.0 – verpflichtet Bundesbehörden, ihre Internetangebote barrierefrei zu gestalten. Auch hier gibt es auf  Länderebene vergleichbare Gesetze und Verordnungen.

Smartphone mit Startseite der App
Ein modernes Hilfsmittel ist die App „Be My Eyes“: Sie verbindet einen blinden Nutzer per Videochat mit einem sehenden Freiwilligen, der beschreibt, was er auf dem Kamerabild sieht, (c) iStock/farizki, www.bemyeyes.org
Computer & Co. – Zugang zu Informationen revolutioniert
Mit dem Vormarsch der Computertechnik und des Internets entstanden überaus effiziente digitale Hilfsmittel. Vor allem Screenreader erschließen den blinden Menschen die Welt der Informationen. Es handelt sich dabei um Software, die den gewünschten Bildschirminhalt ausliest. Anschließend werden die Informationen auf einer Braillezeile in Blindenschrift wiedergegeben oder von einer Sprachausgabe vorgelesen. Trotz dieser Entwicklung stoßen blinde Menschen auch heute noch auf digitale Barrieren, etwa wenn bei der Einführung elektronischer Akten die Standards für barrierefreie Informationstechnik nicht beachtet werden.

Sehbehinderte Menschen verwenden vor allem Großbildsysteme, Großschrifttastaturen sowie spezielle Software zum Einstellen von Größe, Farbe und Kontrast. Bildschirmlesegeräte nehmen Schriftstücke mit einer Kamera auf und geben sie stark vergrößert auf einem Monitor wieder.

Apps – kleine Alleskönner Inzwischen erleichtert eine Vielzahl von Apps den Alltag von blinden und sehbehinderten Menschen. Apps sind kleine Anwendungen für mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablets. Sie werden beispielsweise eingesetzt, um unterwegs Texte zu scannen, um Gegenstände mit Hilfe eines Barcodes aufzufinden, um Farben zu erkennen oder Banknoten zu identifizieren.

NAHE ZUKUNFT

Neue Hilfsmittel – Chancen und Risiken Für die sichere Navigation eines blinden Fußgängers durch den Straßenverkehr sind Apps bislang zu unpräzise. Eine entsprechende Weiterentwicklung ist vermutlich nur eine Frage der Zeit. Genauso wie der Einsatz von Drohnen. Vielleicht werden die autonomen Flugobjekte eines Tages sogar den Blindenführhund ersetzen.

Immer häufiger greift die Technik in den Körper ein. Zum Beispiel ein Implantat, das sehbehinderte Menschen durch Vibrationen lenken kann. "Grundsätzlich sehen wir die technische Entwicklung positiv", so Dr. Carsten Brausch. Der Leiter des BIH-Arbeitsausschusses Technische Beratungsdienste fügt sogleich einschränkend hinzu: "Aber wir wissen auch um die Risiken, die damit verbunden sein können, etwa im Hinblick auf Ethik, Datenschutz und Überwachung." Vor diesen Nachteilen wollen er und seine Kollegen in den Integrationsämtern Menschen mit Behinderung schützen. Gerd Schwesig vom Deutschen Blindenund Sehbehindertenverband (DBSV) bedauert, dass viele Neuentwicklungen lediglich "Insellösungen" nur für blinde Menschen darstellen. "Im Sinne einer inklusiven Gesellschaft wünsche ich mir Lösungen, die von allen uneingeschränkt und selbstständig genutzt werden können", so der Beauftragte für Hilfsmittelberatung beim DBSV.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Technischer Beratungsdienst

Bundesweit sind heute rund 70 Technische Berater der Integrationsämter im Einsatz. Ihre Kernaufgabe ist die Beratung der Betriebe vor Ort. In einem Arbeitsausschuss der BIH stimmen sie ihre Arbeit untereinander ab, begleiten Forschungsvorhaben und arbeiten in Fachgremien mit, beispielsweise im Arbeitsschutz.

 

WEITERE INFORMATIONEN

BIT inklusiv

Das Projekt BIT inklusiv – Barrierefreie Informationstechnik für inklusives
Arbeiten – qualifiziert Behörden und Unternehmen, um die Beschäftigung blinder und sehbehinderter Menschen zu fördern.

Mehr unter:www.bit-inklusiv.de

 

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.