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Mitarbeiter am Fließband ZB 3 / 2005

Integrationsfirmen

Unternehmergeist ist gefragt!

Wirtschaftsflaute und knapper werdende Fördermittel: Wie können Integrationsfirmen diese schwierigen Bedingungen besser bewältigen? Durch mehr Eigenverantwortung und unternehmerisches Handeln, so das Fazit einer EQUAL-Tagung zur Zukunft der Integrationsfirmen.

Die europäische Gemeinschaftsinitiative EQUAL erprobt neue Wege zur Bekämpfung von Diskriminierung und Ungleichheiten von Arbeitenden und Arbeit Suchenden auf dem Arbeitsmarkt. Ein Instrument, die Benachteiligung von behinderten Menschen auszugleichen, sind die Integrationsfirmen. Sie standen im Mittelpunkt der EQUAL-Entwicklungspartnerschaft „Strategien der Zukunft“ in Nordrhein-Westfalen, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Unternehmergeist der Integrationsfirmen zu stärken. Die Ergebnisse dieses Projektes wurden im Rahmen einer Abschlussveranstaltung Ende April 2005 in Bonn vorgestellt und diskutiert.

Dabei ging es um neue Ansätze, die die Entwicklung und die Zukunftsfähigkeit von Integrationsfirmen in Nordrhein-Westfalen nachhaltig fördern sollen. Die Integrationsämter der Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe waren als strategischer Partner beteiligt und haben das Projekt mit 1,9 Millionen Euro kofinanziert.

Integrationsfirmen: sozial und marktfähig

Die rund 700 Integrationsfirmen in Deutschland bieten inzwischen fast 5.100 schwerbehinderten Menschen einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Auf den ersten Blick sind sie nicht von „normalen“ Unternehmen zu unterscheiden. Sie agieren auf demselben Markt, in den verschiedensten Branchen, zum Beispiel im Handwerk, Garten- und Landschaftsbau, in der Gastronomie oder im Bereich Industriedienstleistungen. Auch sie müssen wirtschaftlich erfolgreich sein und sich im freien Wettbewerb des Marktes behaupten. Ihr primäres Ziel ist dabei die Schaffung von möglichst dauerhaften Arbeitsplätzen für besonders betroffene schwerbehinderte Menschen. Deren Anteil an der Gesamtbelegschaft liegt bei mindestens 25 Prozent, häufig ist er jedoch höher, wenngleich er aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit 50 Prozent nicht übersteigen sollte. Die betroffenen Mitarbeiter sind überwiegend seelisch oder geistig behindert oder haben eine schwere Körper-, Sinnes- oder Mehrfachbehinderung. Einige von ihnen kommen aus Werkstätten für behinderte Menschen. Integrationsfirmen haben auch eine Brückenfunktion zum ersten Arbeitsmarkt.

Gründungstrend ungebrochen

Vor fünf Jahren wurde mit dem Sozialgesetzbuch IX ein rechtlicher Rahmen für die Förderung von Integrationsfirmen geschaffen. Seither ist der Gründungstrend trotz der schwierigen konjunkturellen Lage ungebrochen. Innerhalb von vier Jahren – von 2001 bis 2004 – wurden in Deutschland rund 450 neue förderungsfähige Integrationsfirmen gegründet. Die Zahl der dort beschäftigten schwerbehinderten Menschen stieg in der gleichen Zeit von knapp 3.300 auf über 5.000. Insgesamt arbeiten heute bundesweit rund 15.700 Menschen in diesen Unternehmen. Für die Förderung von Integrationsfirmen haben die Integrationsämter im Jahr 2004 über 52 Millionen Euro aus Mitteln der Ausgleichsabgabe zur Verfügung gestellt. Damit wurden die Schaffung und Ausstattung von Arbeitsplätzen für behinderte Menschen finanziert, Minderleistungsausgleiche und Zuschüsse für die arbeitsbegleitende Betreuung – als besonderer Aufwand – erbracht sowie die betriebswirtschaftliche Beratung der Integrationsfirmen gefördert.

Veränderte Förderlandschaft

Die wirtschaftliche Lage der Integrationsfirmen in Deutschland ist – wie bei vielen anderen Unternehmen auch – angespannt. Einer der Gründe liegt in den allgemein knapper werdenden Fördermitteln. Die Integrationsfirmen sind zudem besonders auf die ihnen zustehenden Fördermittel angewiesen. Auch bei den Integrationsämtern wird das zur Verfügung stehende Förderbudget kleiner. Zurückzuführen ist dies einerseits auf sinkende Einnahmen durch die Ausgleichsabgabe und andererseits auf neu hinzugekommene Aufgaben, die aus dem gleichen Fördertopf gespeist werden müssen.

Große Probleme bereitet den Integrationsfirmen die derzeitige Förderpraxis der Bundesagentur für Arbeit. Aufgrund gesunkener Haushaltsmittel können die Agenturen für Arbeit Eingliederungszuschüsse nicht mehr im bisherigen Umfang erbringen. Erschwerend kommt hinzu, dass durch organisatorische Veränderungen in der Arbeitsverwaltung vorübergehend Ansprechpartner fehlen. Die Folgen sind gravierend: Fehlende oder unsichere Zuschüsse führen dazu, dass Arbeitsplätze für behinderte Menschen nicht zustande kommen oder gefährdet sind!

Betriebswirtschaftliches Know-how gefragt

Doch einige der Schwierigkeiten, in denen Integrationsfirmen derzeit stecken, sind auch hausgemacht. Viele Integrationsfirmen sind sehr kompetent, wenn es darum geht, Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen zu gestalten und die Arbeitsabläufe an die Bedürfnisse leistungsgeminderter und behinderter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzupassen. Teilweise mangelt es aber noch an betriebswirtschaftlichem Know-how und die Betriebsführung entspricht nicht immer den professionellen Standards. Nachholbedarf gibt es zum Beispiel im Hinblick auf eine strukturierte Personalentwicklung und die Konzentration auf wirtschaftliche Geschäftsfelder.


Neue Instrumente für die Praxis

Im Rahmen der EQUAL-Entwicklungspartnerschaft wurden mehrere Themenschwerpunkte bearbeitet, zum Beispiel die Teilprojekte Kooperationen, Benchmarking und ein Sicherungsfonds für Integrationsfirmen.

Kooperationen: Wenn Integrationsfirmen und andere Unternehmen kooperieren, kann dies für beide Seiten von Vorteil sein, etwa durch einen verbesserten Marktzugang, den Austausch von Know-how oder durch den Abbau von Vorbehalten gegenüber schwerbehinderten Menschen. Für die Zusammenarbeit gibt es vielfältige Ansätze, angefangen vom Personalaustausch bei Auftragsspitzen über die Qualifizierung von Mitarbeitern der Integrationsfirma im Kooperationsunternehmen bis hin zur gemeinsamen Auftragsakquise oder der gemeinsamen Nutzung von Maschinen.

Benchmarking: Wie man von den Besten lernen kann, zeigt ein Benchmark-System für Integrationsfirmen, das derzeit als Internetportal weiterentwickelt wird. Es ermöglicht unter anderem den Vergleich von betrieblichen Kenndaten, Prozessen oder Methoden und soll dazu dienen, die eigene operative und strategische Unternehmensführung zu optimieren.

Sicherungsfonds: Zur wirtschaftlichen Stabilisierung von Integrationsfirmen kann auch ein Risikofonds beitragen. Damit Integrationsfirmen zusammen eigene Sicherheiten aufbauen können und unabhängiger von der Kreditbereitschaft der Banken werden, hat die Gemeinnützige Treuhandstelle e.V. den „Solidarischen Unterstützungs- und Sicherungsfonds für Integrationsfirmen, SUSI“ konzipiert. Als solidarisches Projekt wird er überwiegend aus Beiträgen der Mitglieder finanziert. Der Fonds bietet Hilfe zur Selbsthilfe. Dabei versteht er sich nicht nur als finanzielle Krisenhilfe, sondern unterstützt die Firmen auch bei der Krisenfrüherkennung, zum Beispiel durch ein Monitoring, also die laufende Beobachtung von Geschäftsprozessen. Bislang ist der Fonds noch auf Nordrhein-Westfalen beschränkt, doch könnte er im Erfolgsfall auch bundesweit ausgedehnt werden.

Fazit

Um wirtschaftlich überleben zu können, müssen die Integrationsfirmen in Zukunft in stärkerem Maße unternehmerisch denken und handeln. Die EQUAL-Entwicklungspartnerschaft hat dafür eine Reihe von professionellen Instrumenten erarbeitet. Jetzt geht es darum, diese in der Praxis anzuwenden und weiterzuentwickeln.

 

MEHR INFORMATIONEN

Ausführlichere Informationen über die Entwicklungspartnerschaft „Strategien für die Zukunft – Entwicklung sozialer Unternehmen in NRW“ sowie eine Dokumentation der Abschlussveranstaltung sind zu finden im Internet unter www.faf-gmbh.de/proconcept/partnerschaft.html

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.