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Beruf

Mario Kunze bei der Arbeit im Markthaus Mannheim, (c) Klaus Landry
Neue Perspektive: Mario Kunze kann heute seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten, (c) Klaus Landry
ZB 1-2014

Markthaus Mannheim

Verborgene Talente entdecken

Behinderte Menschen haben oft viel mehr Potenzial, als es ihr Lebenslauf auf den ersten Blick vermuten lässt. In der Markthaus Mannheim gGmbH tragen auch ehemalige Beschäftigte einer Werkstatt für behinderte Menschen wie Mario Kunze zum Unternehmenserfolg bei.

Ganze 24 Jahre verbrachte Mario Kunze in den Heidelberger Werkstätten, bevor er einen Arbeitsvertrag – den ersten seines Lebens! – unterschreiben konnte. "Darauf haben wir feierlich angestoßen", erinnert sich Heinz Schneider, Personalleiter beim Markthaus Mannheim. Dabei ist Mario Kunze kein Einzelfall: Innerhalb von zwei Jahren hat das Integrationsunternehmen 19 Männer und Frauen eingestellt, deren Fähigkeiten im Grenzbereich zwischen einer Werkstatt für behinderte Menschen und dem allgemeinen Arbeitsmarkt liegen.

Ich wollte da unbedingt hin
Seit mehreren Jahren macht Heinz Schneider in Sonder- und Förderschulen sowie Werkstätten regelmäßig "Werbung" für das Markthaus Mannheim, um Auszubildende oder neue Mitarbeiter zu gewinnen. Denn das Integrationsunternehmen wächst Jahr für Jahr und braucht Arbeitskräfte. Im Frühjahr 2013 eröffnete der fünfte Markthaus-Lebensmittelmarkt in Nußloch bei Heidelberg und stellt seitdem die Nahversorgung im Ort sicher. "Ich wollte da unbedingt hin!", sagt Mario Kunze mit fester Stimme und für einen Moment geht der großgewachsene Mann mit dem sanften Wesen aus sich heraus. Der Wille, zu lernen und zu arbeiten, ist für Personalchef Heinz Schneider mit das wichtigste Einstellungskriterium. Auch die Frage nach den Schwächen eines behinderten Bewerbers dient vor allem dazu, ein passendes Arbeitsumfeld für den Betroffenen zu finden und mögliche Förderbedarfe frühzeitig zu erkennen. Nur so können seiner Ansicht nach bestmögliche Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Einstieg geschaffen werden. "Weil behinderte Menschen oft viel mehr Potenzial haben, als es ihr Lebenslauf auf den ersten Blick vermuten lässt, ist es auf der anderen Seite wichtig, individuelle Talente und Fähigkeiten durch ein Betriebspraktikum zu entdecken und gezielt zu fördern", bekräftigt Heinz Schneider.

Mario Kunze im Gespräch mit seiner Marktleiterin Gisela Uhrig, (c) Klaus Landry
Mario Kunze im Gespräch mit seiner Marktleiterin Gisela Uhrig, (c) Klaus Landry
Im Team geschätzt

Nach acht Wochen Praktikum erhielt Mario Kunze die Zusage für einen unbefristeten sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz. Seit November 2013 verstärkt der 45-Jährige das Mitarbeiterteam in Nußloch, das nunmehr aus der Marktleiterin und ihrer Stellvertreterin sowie fünf schwerbehinderten Beschäftigten und einer Auszubildenden besteht. Wegen der langen Ladenöffnungszeit arbeiten sie in zwei Schichten: von 7 bis 15 Uhr und von 11 bis 19 Uhr. Pünktlich zu sein, ist für Mario Kunze Ehrensache. Lieber nimmt er einen früheren Bus und wartet eine halbe Stunde vor verschlossener Tür, als zu spät zur Arbeit zu kommen. Marktleiterin Gisela Uhrig schätzt seine Verlässlichkeit. Ihre Aufgabe ist es, die Arbeitsabläufe im Laden zu organisieren und gleichzeitig die individuellen Bedürfnisse und Einschränkungen der behinderten Mitarbeiter zu berücksichtigen. Mario Kunze, zum Beispiel, kommt mit Zahlen schnell durcheinander und stottert, wenn er aufgeregt ist, was Gespräche mit Kunden naturgemäß erschwert. Für Integrationsunternehmen wie das Markhaus Mannheim gehört es jedoch zum Alltagsgeschäft, aus Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen und Fähigkeiten ein leistungsfähiges Team zu schmieden.

Das ist mein Bereich
Mario Kunze zeigt stolz auf die meterlangen Kühlregale – eines mit Molkereiprodukten, ein anderes mit Wurst- und Fleischpackungen bestückt. Über Wochen hinweg hat er mit einem "Integrationscoach" geübt: Lieferungen entgegengenommen, Waren in Regale einsortiert und Mindesthaltbarkeitsdaten überprüft ... Inzwischen erledigt er seine Aufgaben nahezu selbstständig. Hin und wieder wird er von Kunden angesprochen. "Wenn ich nicht weiter weiß, hole ich die Marktleiterin", sagt der behinderte Verkäufer bestimmt. So ist es zwischen den beiden vereinbart.

"Wir sind oft überrascht, mit welchem Elan und mit welcher Motivation unsere behinderten Mitarbeiter bei der Sache sind und wie viel Einsatzbereitschaft in ihnen steckt", erklärt Heinz Schneider. Wenn einzelne Mitarbeiter wegen ihrer Behinderung mehr Zeit benötigen, um ihre Aufgaben zu erledigen, werde dies häufig durch zusätzliches Personal ausgeglichen. Bezogen auf die Ladenfläche beschäftigt das Integrationsunternehmen daher mehr Arbeitskräfte als beispielsweise die 15 großen Discounter. Wer im Markthaus- Lebensmittelmarkt einkauft, findet dafür immer einen freundlichen Mitarbeiter, der behilflich ist oder Zeit für ein nettes Wort findet. Das gehört zur Philosophie des Unternehmens dazu und viele Kunden, vor allem ältere Menschen, schätzen die persönliche Atmosphäre und die zentrale Lage des Geschäfts. Neben konkurrenzfähigen Preisen, die das Markthaus durch eine Kooperation mit REWE anbieten kann, braucht es auch immer wieder neue Ideen, wie ein kürzlich eingerichteter Secondhand-Bereich, um Kundschaft anzuziehen.

Im Wettbewerb bestehen
Eine Rückkehr in die Werkstatt für behinderte Menschen kommt für Mario Kunze nicht in Frage. Dennoch ist er froh, dass ihm diese Möglichkeit zugesichert wurde. Durch seine Arbeitsstelle im Lebensmittelmarkt kann Mario Kunze heute seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten. Eingliederungshilfe benötigt er nicht mehr. "Damit profitiert auch die Gesellschaft von einer Integration in den ersten Arbeitsmarkt", stellt Heinz Schneider klar.

Das Markthaus Mannheim erhält für die Beschäftigung von Mario Kunze Zuschüsse vom KVJS-Integrationsamt Baden-Württemberg sowohl eine Aufwandsentschädigung für die personelle Unterstützung – zum Beispiel bei der Einarbeitung – als auch einen Produktivitätsausgleich. Eine solche Förderung kann prinzipiell jeder Betrieb erhalten, der schwerbehinderte Menschen beschäftigt. Es handelt sich dabei also nicht um Subventionen, sondern um einen fairen Nachteilsausgleich. Dass das Mannheimer Integrationsunternehmen auf dem Markt wettbewerbsfähig ist und schwarze Zahlen schreibt, verdankt es in erster Linie den eigenen Anstrengungen und dem Engagement seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

PORTRÄT

Portrait von Heinz Schneider, (c) Klaus Landry
(c) Klaus Landry
"Selbstverständlich können auch Menschen mit wesentlichen Behinderungen ein hohes Maß an Leistungsfähigkeit entwickeln, wenn sie individuell gefördert werden und die Rahmenbedingungen stimmen. Der Gewinn für unser Unternehmen liegt jedoch vor allem in der besonders hohen Motivation und Loyalität unserer behinderten Mitarbeiter. Sie sind eine Bereicherung, sowohl für das soziale Miteinander als auch für unseren wirtschaftlichen Erfolg."

Heinz Schneider ist Leiter Personal & Integration beim Markthaus Mannheim.

WEITERE INFORMATIONEN

Recycling-Kaufhaus Mannheim gGmbH

Das Markthaus öffnete 1997 als bundesweit größtes Öko- und Secondhand-Kaufhaus seine Pforten. Seit 2002 ist es ein anerkanntes Integrationsunternehmen. Mittlerweile gehören auch fünf Markthaus-Lebensmittelmärkte in der Rhein-Neckar-Region zum Unternehmen. Aktuell sind rund 116 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, 48 von ihnen haben eine Schwerbehinderung.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.