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Titel ZB 4/2005 ZB 4/2005

Hörbehinderungen

Verständnis und Verständigung

Das vorrangige Problem hörbehinderter Menschen ist die Kommunikation mit Hörenden. Der erste Schritt zur Lösung: Verständnis füreinander entwickeln und sich um Verständigung bemühen

Stellen Sie sich vor: Sie sind in einem fremden Land, dessen Sprache Sie nur leidlich beherrschen. Manches verstehen sie, anderes können Sie aus dem Zusammenhang erschließen, Drittes ist zu erahnen und der Rest rauscht an Ihnen vorüber. Wie unangenehm, immer wieder zugeben zu müssen: „Ich verstehe nicht“. So fragen Sie auch nicht mehr bei jeder Bemerkung nach, sondern lächeln sich verzagt durch viele Situationen. Jedes Gespräch ist unglaublich mühsam.

So ähnlich erleben sich viele hörbehinderte Menschen in der Welt der Hörenden – nämlich schlecht informiert, verunsichert und ausgeschlossen. Betroffen ist nicht etwa eine Minderheit. Zwar gibt es bislang nur wenig Zahlenmaterial. Doch nach einer Schätzung des Deutschen Schwerhörigenbundes leben derzeit in Deutschland etwa 13 Millionen hörbehinderte Menschen. Davon sind etwa 80.000 gehörlos, 150.000 (spät-)ertaubt und 958.000 hochgradig schwerhörig. Hörbehinderungen gewinnen zunehmend an Bedeutung, insbesondere die Lärmschwerhörigkeit, die inzwischen die zweithäufigste Berufskrankheit im gewerblichen Bereich ist.

Erschreckend ist vor allem die Zunahme der Schwerhörigkeit unter jungen Menschen. Ursache ist hier vor allem „Freizeitlärm“, zum Beispiel laute Musik aus dem Kopfhörer. Vielen ist nicht bewusst, dass zerstörte Hörzellen unwiederbringlich verloren sind! In der Gesellschaft werden Hörbehinderungen vielfach unterschätzt oder es herrschen falsche Vorstellungen. Zum Beispiel ist wenig bekannt, dass viele hörbehinderte Menschen lärmempfindlich sind, da sie Töne in bestimmten Frequenzen durchaus noch wahrnehmen. So können einige Geräusche wie schrille Klingeltöne eines Handys oder laute Maschinen den Betroffenen Ohrenschmerzen bereiten.

Gehörlosigkeit
„Wer nicht hören kann, muss halt lesen!“

Gehörlose Menschen werden ohne Hörvermögen, das heißt ohne verwertbares Restgehör geboren, oder sie haben es noch vor dem Spracherwerb in den ersten Lebensjahren verloren. Mögliche Ursache ist zum Beispiel eine Erkrankung im Kleinkindalter, etwa eine Mittelohr- oder Hirnhautentzündung.

Die Lautsprache zu erlernen, ist für Menschen, die von Geburt an gehörlos sind, sehr mühsam. Sowohl ihr Wortschatz als auch ihr Sprachverständnis sind daher in der Regel gering. Und da die Schriftsprache über die Lautsprache erlernt wird, sind auch geschriebene Texte für die Betroffenen nur schwer verständlich – insbesondere wenn abstrakte Begriffe oder Fremdwörter enthalten sind. Ohne Gehör ist es zudem nicht möglich, die eigene Stimme zu kontrollieren. Daher klingt die Sprechweise von gehörlosen Menschen oft fremdartig und schwer verständlich. Die natürliche Sprache von gehörlosen Menschen ist die Gebärdensprache, die sie meist gut beherrschen.

Doch in einer Welt, die für Hörende eingerichtet ist, hat es ein gehörloses Kind viel schwerer zu lernen und seine intellektuellen Möglichkeiten auszuschöpfen. Die Erfahrung von Verständigungsproblemen, Isolation und Anderssein prägt auch seine persönliche Entwicklung und sein Selbstwertgefühl.

(Spät-)Ertaubung
„Wer nichts mehr hört, kann doch vom Mund absehen!“

(Spät-)Ertaubte haben ihr Gehör in einem späteren Lebensalter verloren, zum Beispiel durch eine Verletzung des Trommelfells oder durch einen Hörsturz. Sie konnten die Laut- und Schriftsprache auf natürlichem Weg erlernen. Viele hörbehinderte Menschen – nicht nur (Spät-) Ertaubte – versuchen, das gesprochene Wort vom Mund ihres Gesprächpartners abzusehen. Das Mundabsehen ist jedoch ein Hilfsmittel mit sehr begrenzten Möglichkeiten. So sind zum Beispiel die Mundbilder von „Mutter“ und „Butter“ einander sehr ähnlich. Nur schätzungsweise 30 Prozent des gesprochenen Inhalts sind direkt über das Mundbild erfassbar. Somit kann das Absehen die akustische Wahrnehmung über das Gehör nicht vollständig ersetzen.

Seit einigen Jahren gibt es die Möglichkeit mit Hilfe des so genannten Cochlear Implants – einer elektronischen Hörprothese, die operativ in die Hörschnecke im Innenohr eingesetzt wird –, Höreindrücke wieder wahrnehmbar zu machen. Trotz teilweise guter Ergebnisse sollte es nicht als „Allheilmittel“ missverstanden werden.

Schwerhörigkeit
„Wer schlecht hört, kauft sich einfach ein Hörgerät!“

Schlecht zu hören, bedeutet nicht, einfach leiser zu hören, sondern bestimmte Töne gar nicht, eingeschränkt oder nur verzerrt zu hören. Der Grad der Schwerhörigkeit reicht von leicht bis „an Taubheit grenzend“. Einige der Betroffenen leiden zusätzlich unter Tinnitus – also Ohrgeräuschen – und Gleichgewichtsstörungen. Die Alters- und die Lärmschwerhörigkeit sind die häufigsten Formen der Schwerhörigkeit.

Nicht nur Art und Ausmaß des Hörverlustes, sondern auch das Alter, in dem die Schwerhörigkeit eintritt, sind für die Auswirkungen der Behinderung entscheidend. Es hat vor allem Einfluss darauf, ob die Betroffenen sich eher an der Lautsprache orientieren oder auch mit Gebärden kommunizieren. Individuell angepasste Hörgeräte können für schwerhörige Menschen eine große Hilfe sein. Doch auch mit Hörgerät bleiben die Betroffenen immer noch hörbehindert.

Problem Nummer 1: Die Kommunikation

Für hörbehinderte Beschäftigte ist die Kommunikation das Hauptproblem. Davon abgesehen sind sie am Arbeitsplatz genauso leistungsfähig und fachlich kompetent wie Hörende. Was für Hörende so selbstverständlich ist – der Plausch am Kaffeeautomaten, die Unterhaltung in der Mittagspause, die Teambesprechung oder ein Computerkurs: für ihre hörbehinderten Kollegen sind solche Situationen oftmals mit Stress und Frustration verbunden. Zwar sind hörbehinderte Menschen in der Lage, vom Mund abzusehen, doch erfordert dies eine sehr hohe Konzentrations- und Kombinationsfähigkeit. Wenn die äußeren Umstände dafür ungünstig sind – zum Beispiel, wenn in Arbeitsbesprechungen durcheinander geredet wird –, lassen sich nur Bruchstücke des Gesagten erfassen.

Der Druck, alles mitzubekommen und richtig zu interpretieren, bedeutet eine starke seelische Belastung. Aber auch eine schriftliche Verständigung ist nicht immer eine Lösung, da viele hörbehinderte Menschen Schwierigkeiten haben, schriftliche Texte zu erfassen. Hier besteht die Gefahr, dass ihnen auch im Arbeitsleben wichtige Informationen wie Arbeitsanweisungen oder innerbetriebliche Regelungen entgehen. Aufgrund der erschwerten Verständigung können in der Zusammenarbeit mit Kollegen und Vorgesetzten Missverständnisse entstehen, die zu beiderseitigen Irritationen und einem wachsenden Misstrauen führen. Wie man diese Probleme verhindern oder beseitigen kann, zeigen die folgenden Beiträge.

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Wichtiger Hinweis:
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