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Beruf

ZB 2-2017

Erste Schritte aus der Werkstatt

Von der Bühne auf den ersten Arbeitsmarkt

Hauptdarstellerin in dem Film "Ela singt", mit der Lieblingsband auf der Bühne und ein Praktikum auf dem ersten Arbeitsmarkt: Für die schüchterne Manuela Grams war das unvorstellbar.

Manuela Grams singt zusammen mit dem Sänger der Rockband "Karussell", im Hintergrund der Gitarrist, (c) Thomas Beigang
Ein Traum wird wahr: Einmal mit der Rockband "Karussell" auf der Bühne stehen, (c) Thomas Beigang
"Ich habe früher oft Angst vor allem Möglichen gehabt", sagt Manuela Grams rückblickend über sich selbst. Seitdem hat die 47-Jährige viel Selbstvertrauen und Mut gewonnen. Manuela Grams hat eine Behinderung und arbeitet als Kantinenkraft bei den Diakoniewerkstätten in Neubrandenburg. Ihr großer Traum: Einmal mit ihren Idolen, der Rockband „Karussell“, auf der Bühne stehen.

Ein großer Traum Dass dieser Wunsch tatsächlich in Erfüllung ging – dafür hat sich die Band selbst eingesetzt. Denn die Ostrocker kannten ihren besonderen Fan schon seit Jahren von Konzerten – und schlossen Ela, wie sie von ihren Freunden genannt wird, sofort ins Herz. Ela ist so vernarrt in die Band, dass sie kein Konzert in der Nähe verpasst. "Die freuen sich immer total, wenn ich da bin. Das macht viel Spaß", sagt sie. Dann steht sie immer in der ersten Reihe und singt alle Songs auswendig mit.

"Ela ist mir aufgefallen. Ich hab gedacht: Das Mädel kennt die ganzen Texte, das ist ungewöhnlich", erinnert sich Reinhard Huth, Sänger der Band. Er fügt hinzu: "Bei Leuten mit Behinderung ist es oft so, dass eine Seite ganz besonders ausgebildet ist und das ist bei Ela die Musikalität. Sie strahlt, wenn sie Musik hört und fühlt mit."

Konzert der Rockband: Blick auf Publikum und Bühne, (c) Jörg Mehrwald
Manuela Grams verpasst kein Konzert, das in der Nähe stattfindet, (c) Jörg Mehrwald
Die Idee für ein Filmprojekt
Das innige Verhältnis der 47-Jährigen zu der Band hat einen Filmemacher aufhorchen lassen. "Wir wollten einen Film machen über behinderte Menschen, wie sie leben und wie sie leben können", erzählt der Filmemacher Jörg Mehrwald. Und das ist gelungen. In dem dokumentarischen Film "Ela singt" wird die Protagonistin durch ihren Alltag begleitet: von den Diakoniewerkstätten Neubrandenburg, wo sie arbeitet, über ihr Zuhause in Altentreptow im Haus der Eltern und schließlich in das Tierheim der Kleinstadt, in dem sie ein Praktikum machen durfte.

So wollte das Filmteam Ela besser kennenlernen. Denn: Um ihren großen Traum erfüllen zu können, erforderte es noch etwas Fingerspitzengefühl. In der ersten Reihe mitsingen, ist eine Sache. Auf die Bühne zu treten, eine andere. Das kostet viel Überwindung. Das weiß die Band selbst aus jahrelanger Erfahrung: "Selbst wir haben immer große Angst vor Auftritten", sagt Joe Raschke, Frontmann von Karussell. Dabei ist es für alle wichtig, dass Ela sich wohlfühlt.

Manuela Grams und der Sänger der Rockband "Karussell" auf der Bühne, (c) Thomas Beigang
Der Lohn für wochenlanges Proben. Das Publikum will eine Zugabe, (c) Thomas Beigang
Ein starker Auftritt
Die Stadthalle ist gut mit Hunderten Leuten gefüllt, als Ela auf die Bühne tritt. Das Publikum tobt – und Ela singt. Das hätte Ela selbst früher am allerwenigsten von sich geglaubt. Wochenlang hat sie geübt, um den Titel "Oben stehen" gemeinsam mit Joe Raschke zu singen. Die Masse ruft "Zugabe". "Sensationell", bringt es Raschke auf den Punkt. Besser hätte es kaum laufen können.

Motiviert, gestärkt und mit neuem Selbstvertrauen ausgestattet, wagt Ela dann sogar den Sprung in weiteres unbekanntes Terrain. Sie spricht Matthias Pätzold vom Begleitenden Dienst der Diakoniewerkstätten Neubrandenburg auf ein Praktikum im ersten Arbeitsmarkt an. Durch einen Flyer ist sie auf das Modellprojekt "Budget für Arbeit" aufmerksam geworden. Es richtet sich an Beschäftigte in Werkstätten für behinderte Menschen, die sich auf dem ersten Arbeitsmarkt ausprobieren wollen. Vorgeschaltet ist bei diesem Projekt immer ein Praktikum, um zu testen, ob der Teilnehmer den Anforderungen gewachsen ist und mit den Belastungen zurechtkommt. Matthias Pätzold vom Begleitenden Dienst der Diakoniewerkstätten Neubrandenburg unterstützt Ela auf diesem Weg. "Ich konnte mir von Anfang an gut vorstellen, dass das etwas für Ela ist", sagt er. Gemeinsam mit dem Integrationsfachdienst wurde zuerst beraten, welches Praktikum passen könnte.

Die Arbeit mit Tieren Denn: Bis dato hatte Manuela Grams noch nie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gearbeitet. Es mussten also viele Punkte geklärt werden. Sie wurde nicht nur eingehend über das Modellprojekt beraten, das Praktikum wurde auch gut vorbereitet. "Dazu gehört, sich intensiv mit dem Thema zu befassen. Gemeinsam haben wir viele Fragen beantwortet: Was sind meine Erwartungen? Welche Anforderungen stellt der Arbeitsplatz an mich? Auf welche individuellen Fähigkeiten kommt es an? Wie finde ich einen Praktikumsplatz? Wie und wo kann ich mich bewerben? Wie werde ich auf dem Arbeitsplatz begleitet?", berichtet Matthias Pätzold.

Auf der Suche nach einem Praktikumsplatz kam Manuela Grams selbst mit dem Vorschlag: Tierheim Altentreptow. Die Diakoniewerkstätten arbeiten schon einige Jahre mit dem Tierheim zusammen, sodass der Kontakt schnell hergestellt war. Nach einer gemeinsamen Besichtigung stand fest: Manuela Grams darf hier ein Praktikum absolvieren. "Für sie war das ein großer Schritt: von ihrem gewohnten Beschäftigungsplatz in der Werkstatt auf einen Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt“, sagt Matthias Pätzold. Im Tierheim kümmert sich die 47-Jährige um die Katzen. Füttern, saubermachen, streicheln. "Nur vor den Hunden habe ich Angst", sagt sie.

Neue Erfahrungen Die Angst vor den Hunden ist geblieben. Doch alle anderen Ängste und Unsicherheiten waren schnell überwunden – dabei standen ihr die Mitarbeiter der Diakoniewerkstätten zur Seite. Von ihnen wurde sie auch während des Praktikums begleitet – durch Besuche am Arbeitsplatz und viele Gespräche. Eine Möglichkeit für Manuela Grams, neue Erfahrungen fachlicher und persönlicher Art zu sammeln. "Wir unterschätzen Menschen mit Behinderung immer noch", resümiert der Karussell-Frontmann. Der Film "Ela singt" möchte das ändern. Manuela Grams jedenfalls hat sich verändert. Sie hat sich viel zugetraut, war Protagonistin in einem Film, stand auf der Bühne mit ihrer Lieblingsband und hat schließlich ein Praktikum auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gemeistert. "Ich bin nicht mehr so schüchtern wie früher", erzählt sie stolz.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Budget für Arbeit

Das Bundesteilhabegesetz will mehr Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen – auch für Beschäftigte einer Werkstatt für behinderte Menschen. Sie sollen wählen können, ob sie in einer Werkstatt arbeiten oder auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechseln wollen. Betroffene und Arbeitgeber, die ihnen einen Arbeitsplatz anbieten, werden ab 2018 durch die neue bundesweite Leistung "Budget für Arbeit" unterstützt.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.