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Behinderung
&
Beruf

Heike Kromer serviert auf dem Hofgut Himmelreich ZB 3/2006

Hotel- und Gaststättengewerbe

Von der Frühstückspension bis zum Gourmettempel

Das Hotel- und Gaststättengewerbe bietet auch für behinderte Menschen vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten. Ob Küche, Service oder Etage: Fachkräfte ebenso wie Hilfskräfte werden gesucht.

Vorsichtig balanciert Heike Kromer ein volles Getränketablett und stellt es an Tisch Neun ab. „Die Apfelschorle für die Dame und das Pils für den Herrn.“ Die Gäste nicken zufrieden. Auf dem Gesicht der blonden jungen Frau breitet sich ein stolzes Lächeln aus. Alles richtig gemacht! „Zum Wohl“, sagt sie und strahlt. Was nach Routinearbeiten einer Servicekraft aussieht, ist für Heike Kromer alles andere als selbstverständlich. Denn die 23-Jährige mit dem Down-Syndrom hat Lernschwierigkeiten. Sie arbeitet im „Himmelreich“, einem denkmalgeschützten Hofgut im Schwarzwald. Das Integrationsunternehmen in Kirchzarten bei Freiburg betreibt seit 2004 einen Gasthof mit Hotel und Tagungsbetrieb. Dort arbeiten 13 nicht behinderte und 13 behinderte Menschen im Team zusammen.

„In unserem Beruf kann man was erleben!“ schwärmt Heike Kromer von ihrer Arbeit. Das Hotel- und Gaststättengewerbe ist in der Tat ein abwechslungsreiches und spannendes Arbeitsfeld, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht. In Deutschland gibt es rund 245.000 Betriebe: von der Frühstückspension über das Tagungshotel bis zum Luxusressort, von der Imbissstube über das Schnellrestaurant bis zum Gourmettempel, von der Kantine bis zum Party-Service. Mit einem Jahresumsatz von 55 Milliarden Euro ist die Branche ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Deutschland. Über einer Million Menschen bietet sie einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Und trotz stagnierender Umsätze in den vergangenen Jahren werden im Hotel- und Gaststättengewerbe nach wie vor Fach- und Hilfskräfte gesucht. Auch für behinderte Menschen gibt es verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten.

Abwechslungsreicher Beruf

Szenenwechsel. Das Hampshire Hotel im westfälischen Ahaus, nahe der deutsch-holländischen Grenze: In der Küche ist Martina Pilarczyk gerade dabei, die Spülmaschine zu befüllen. Sie streift Essensreste von den Tellern in den Abfallbehälter, stellt das Geschirr ordentlich in den Spülmaschinenkorb und spritzt das Ganze mit einem kräftigen Wasserstrahl ab. „Die Spülküche ist mein Ding!“ Das wurde der 22-Jährigen nach einem Praktikum in der Großküche eines Altenheims im vergangenen Jahr klar. Dort hat die ehemalige Schülerin einer Förderschule für junge Menschen mit Lernschwierigkeiten auch vieles gelernt, auf das sie jetzt zurückgreifen kann, zum Beispiel wie ein bestimmtes Spülmaschinenprogramm eingestellt wird. „Martina ist fleißig, zuverlässig und pünktlich. Sie sieht die Arbeit und packt von sich aus an“, lobt Wolfgang Lenz, der als Küchenchef im Hotel angestellt ist und die jungen Mitarbeiter in der Küche anleitet. Im Februar 2006 bekam Martina Pilarczyk einen Jahresvertrag.

Die Einsatz- und Aufgabenbereiche im Hotel- und Gaststättengewerbe sind vielfältig: Küche, Restaurant, Empfang und Etage – also Zimmerdienst, Reinigung, Wäscherei bis hin zur Pflege der Außenanlage. In jedem dieser Bereiche gibt es Arbeiten, die auch von behinderten Menschen mit unterschiedlicher Qualifikation übernommen werden können. Neben regulären Ausbildungsberufen wie Koch, Hotel- oder Restaurantfachfrau sind behinderte Menschen auch in so genannten Helferberufen tätig, zum Beispiel als Beikoch oder als Helfer im Gastgewerbe. Es handelt sich dabei um Ausbildungen nach besonderen Ausbildungsregelungen für behinderte Menschen. Bei Lernschwierigkeiten zum Beispiel kann die Ausbildung praktischer und mit einem geringen Anteil an Theorie ausgerichtet sein. Aber auch ohne qualifizierte Berufsausbildung kann man im Gastgewerbe Arbeit finden. Hilfskräfte werden direkt am Arbeitsplatz eingearbeitet, zum Beispiel als Zimmermädchen oder als Küchenhilfe, so wie Martina Pilarczyk.

Persönlich geeignet?

Um die Mittagszeit herrscht in der Raststätte Aachener Land hektische Betriebsamkeit. Schreiende Kleinkinder, gestresste Geschäftsreisende, eine Busladung Urlauber: „Ein großes Durcheinander“, findet Dora Bleeker. Noch vor einiger Zeit wäre die junge Frau, die Lernschwierigkeiten hat, nervös geworden bei der Aussicht, einen voll beladenen Geschirrwagen an den lebhaften Gästen vorbeizurollen. „Mittlerweile macht mir das nichts mehr aus“, erklärt die 26-Jährige selbstbewusst. Und wenn sie von einem Gast gefragt wird, wo man sich Teller und Besteck nehmen kann, gibt sie freundlich Auskunft.

Starke Nerven, Kommunikationsfähigkeit und Kontaktfreude sind im Gastgewerbe mit Sicherheit von Vorteil. Wer sich gut auf neue Situationen einstellen kann, gerne mit anderen zusammenarbeitet und bereit ist anzupacken, wo Not am Mann ist, bringt wichtige persönliche Voraussetzungen für eine Beschäftigung im Gastgewerbe mit.

„Dora Bleeker arbeitet auch gern in der Küche und trocknet zum Beispiel mit großer Ausdauer das Besteck ab“, sagt ihre Vorgesetzte Brigitte Meyer. „Das ist eine Aufgabe, die ihre Kolleginnen eher als lästige Routine ansehen.“ Gerade behinderte Menschen brauchen die Chance, ihre Eignung in der Praxis unter Beweis stellen zu können. Sie haben wie alle anderen Menschen persönliche Stärken und Schwächen und individuelle Interessen. Unabhängig davon sind behinderte Menschen häufig besonders motivierte und treue Mitarbeiter.

Unterstützungsangebot

Heike Kromer und ihre behinderten Kollegen im Hofgut Himmelreich arbeiten 20 Stunden in der Woche und werden nach Tariflohn bezahlt. In einem viermonatigen Praktikum wurden sie mit allen Arbeitsbereichen eines Gasthofs mit Hotel bekannt gemacht: Zimmer richten, in der Küche helfen, servieren, Getränke zubereiten. Anfangs standen den behinderten Mitarbeitern mit Lernschwierigkeiten dabei ehrenamtliche „Arbeitsassistenten“ zur Seite. „Innerhalb kürzester Zeit haben sie Fähigkeiten entwickelt, die ihnen vorher keiner zugetraut hat“, erklärt Hoteldirektor Christoph Biber stolz. Beispiele wie das Hofgut Himmelreich, das erfolgreich wirtschaftet, beweisen, dass selbst besonders betroffene schwerbehinderte Menschen leistungsfähige Mitarbeiter sein können. Behinderungsbedingte Einschränkungen lassen sich in vielen Fällen mildern oder ausgleichen. Eine verkürzte oder veränderte Arbeitszeit, die intensive Einarbeitung durch den Integrationsfachdienst, finanzielle Förderungen wie Zuschüsse zu den Lohnkosten, für die Ausstattung behinderungsgerechter Arbeitsplätze oder für Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung sowie andere Hilfen des Integrationsamtes und der Agentur für Arbeit stehen dafür zur Verfügung.

Auch Martina Pilarczyk und ihr Arbeitgeber, das Hampshire Hotel in Ahaus, profitieren von diesem Unterstützungsangebot. Der Integrationsfachdienst in Ahaus vermittelte die junge Frau auf die freie Stelle in der Spülküche und ist Ansprechpartner, wenn es Fragen oder Probleme gibt. Fast wäre die Beschäftigung gescheitert, weil Martina Pilarczyk nach Ende der Spätschicht um 0.30 Uhr keine Möglichkeit mehr hat, mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zu kommen. Inzwischen wurde aber auch dieses Problem gelöst: Sie macht gerade den Führerschein und wird, wenn alles klappt, in Zukunft mit dem Auto oder mit einem Motorroller zur Arbeit kommen.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.