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ZB 3-2014

Gehörlosigkeit

Wenn das Netz stumm bleibt

Für gehörlose Menschen birgt das Internet immer noch Barrieren. Häufig fehlen Gebärden. Ralph Raule vom Gebärdenwerk in Hamburg zu den Kommunikationsproblemen gehörloser Menschen im Netz.

Porträts von Ralf Raule, (c) Gebärdenwerk
Die Sprache der Gehörlosen ist die Gebärdensprache, (c) Gebärdenwerk

 

Sind die Informationen, die das Internet bereitstellt, nicht ein großer Fortschritt für gehörlose Menschen?

Ralph Raule In der heutigen Informationsgesellschaft ist Text wesentlicher Bestandteil der meisten Medien, so dass dem Verstehen und der Anwendung von Schriftsprache eine große Bedeutung zukommt. Verfügen Menschen nicht über die Schlüsselqualifikation, schriftlichen Texten Informationen zu entnehmen, ist ein Zugang zu diesen Informationen nicht gewährleistet. Folglich bleibt auch eine aktive Teilhabe an der Gesellschaft verwehrt.

 

Wie sieht es mit der gesetzlichen Verpflichtung aus, allen Menschen den Zugang zum Netz zu ermöglichen?

Raule Das bereits Mitte des Jahres 2002 verabschiedete Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) soll die Integration behinderter Menschen in die Gesellschaft und die Teilnahme am täglichen Leben fördern und erleichtern. Als Ergänzung dazu ist die „Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung“ (BITV) zu sehen. Sie bezieht sich vor allem auf im Internet bereitgestellte Informationen. Danach müssen alle Informationen im Netz auch behinderten Menschen barrierefrei zugänglich sein, sofern öffentliche Stellen wie Ämter und Behörden sie zu verantworten haben.

Seit 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft. Wozu haben sich die Vertragsstaaten bereit erklärt?

Raule Sie – also auch Deutschland – haben sich verpflichtet, für behinderte Menschen den Zugang zu Informations- und Kommunikationsdiensten sicherzustellen (Inklusion in allen Bereichen). Und seit 2011 gibt es die erste überarbeitete Fassung der BITV: die BITV 2.0. Hier kommt nun als wesentliche Ergänzung hinzu, dass Bundesbehörden verpflichtet sind, auf ihren Internetseiten auch Informationen in Leichter Sprache und in Gebärdensprache anzubieten, was in Bezug auf Gebärdensprache für gehörlose Menschen sehr wichtig ist. Während die Zugänglichkeit schriftsprachlicher Informationen für blinde und sehbehinderte Menschen schon lange thematisiert wird, rücken die Kommunikationsbarrieren Gehörloser erst mit der BITV 2.0 in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Dass Gehörlose aufgrund ihrer anderen Sprache entsprechend Schwierigkeiten haben, komplexe schriftliche Texte zu erfassen, war bis dahin weitgehend
unbekannt.

 

Und welche Lösungen bieten Sie an?

Raule Als Lösung bietet sich die Bereitstellung von Gebärdensprach-Filmen an. Dabei werden die Inhalte der Internetseiten in Deutsche Gebärdensprache (DGS) übersetzt und auf Video verfilmt. Ein Videostreaming-Verfahren macht Internetnutzern diese Filme zugänglich. So sind wichtige Informationen auch für Gehörlose barrierefrei erreichbar und nur noch einen Mausklick entfernt.

Wäre es nicht einfacher, die Inhalte wären in Leichter Sprache verfasst?

Raule Ich weiß, dass in diesem Zusammenhang eine oft diskutierte Lösung die Vereinfachung von Texten ist. Mit einfachem Wortschatz in kurzen Sätzen und unkompliziertem Satzbau verfasste Texte entsprechen jedoch eher den Lesegewohnheiten von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Gehörlose fühlen sich durch diese Form in der Regel nicht zielgruppengerecht berücksichtigt. Die Sprache der Gehörlosen ist die Gebärdensprache. In der UN-Behindertenrechtskonvention wird sie auch explizit als Menschenrecht genannt. Eine Vereinfachung der Lautsprache ist so gesehen für Gehörlose keine angemessene Lösung, zumal man ja auch in der Gebärdensprache abstrakte Inhalte transportieren kann.

 

WEITERE INFORMATIONEN


Gebärdenwerk

Das Unternehmen wurde 2003 in Hamburg gegründet und hat sich auf Produkte und Dienstleistungen rund um die Gebärdensprache spezialisiert. Ralph Raule und Knut Weinmeister, die Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens, sowie die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind selbst gehörlos und kennen somit die Bedürfnisse Gehörloser aus erster Hand: Umfassendes Fachwissen aus den relevanten Bereichen wie Erwachsenenbildung, Informatik und Betriebswirtschaft bildet die Basis für professionelle Lösungen für Informationen und Kommunikation in Gebärdensprache.

Das Logo der Deutschen Gebärdensprache Gebärdensprache
Die Gebärdensprache ist von Land zu Land unterschiedlich und wird hierzulande als "Deutsche Gebärdensprache" bezeichnet. Sprachwissenschaftler bezeichnen die Gebärdensprache als "natürliche" Sprache der gehörlosen Menschen. Sie ist eng mit der Kultur der Gehörlosengemeinschaft verknüpft. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) verwendet neben Mimik und Körperhaltung insbesondere Handzeichen, die Gebärden. Gebärden sind nach Handform, Handstellung, Ausführungsstelle und Bewegung klar strukturiert. Zudem zeichnet sich die Gebärdensprache durch einen umfassenden Wortschatz sowie eine aus differenzierte Grammatik aus.

Die UN-Behindertenrechtskonvention bestimmt in Artikel 2, dass der Begriff der „Sprache“ die Gebärdensprache einschließt.

Das Logo der Leichten Sprache Leichte Sprache
Als Leichte Sprache wird eine besonders leicht verständliche sprachliche Ausdrucksform bezeichnet. Durch die Aufbereitung von Texten und anderer Materialien in leicht lesbarer und verständlicher Form sollen sprachliche Barrieren abgebaut und möglichst vielen Menschen der Zugang zu Information eröffnet werden. Das Angebot in Leichter Sprache richtet sich in erster Linie an Menschen mit Lernschwierigkeiten.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.